Wirtschaft

Infektionen: Vom Gesundheits- zum Wirtschaftsrisiko

Zahlreiche Infektionskrankheiten verlaufen unerkannt, weil Menschen nicht zum Arzt gehen. Die Therapie von Infektionskrankheiten von Influenza bis Tuberkulose ist immer teurer als eine Impfung. Zum Gesundheitsrisiko gesellt sich dann ein Wirtschaftsrisiko, wenn Ärzte mit der Verschreibung der Medikamente an ihre Budget-Grenzen stoßen.

Weniger als die Hälfte der Deutschen kennt den eigenen Impfstatus vollständig. (Foto: obs/Sven Hoppe/©Thinkstock/BKK Mobil Oil)

Weniger als die Hälfte der Deutschen kennt den eigenen Impfstatus vollständig. (Foto: obs/Sven Hoppe/©Thinkstock/BKK Mobil Oil)

Ungeachtet der jährlichen Grippewellen nimmt die Zahl der Infektionskrankheiten ab. Grund dafür sind ein gehobener Lebensstandard mit guter Hygiene und Impfprogramme, die auf die Eindämmung und Ausrottung von Infektionskrankheiten abzielen. Einige, unter Kontrolle geglaubte Infektionskrankheiten, machen dennoch nicht nur gesundheitlich immer wieder Probleme, sondern setzen auch behandelnden Ärzten und Krankenkassen wirtschaftlich zu.

Bei der Tuberkulose sinkt die Zahl der Erkrankungen in Deutschland. Ausrotten kann man sie ohne Impfung jedoch nicht. In Deutschland werden jährlich 4.300 Erkrankungen gemeldet. Schon bei jedem siebten Patienten weisen die Virusstämme gegen Antibiotika multiresistente Resistenzerscheinungen auf. Eine Therapie kostet mehr als 45.000 Euro und dauert länger als 20 Monate an. Das könne auch behandelnde Ärzte in Deutschland vor ökonomische Probleme stellen, so Christoph Lange vom Forschungszentrum Borstel.

Beim Beispiel der Hepatitis ist nur ein Bruchteil der chronisch Infizierten in Deutschland tatsächlich diagnostiziert, „so dass nur ein geringer Teil der Folgeer­krankungen verhindert werden kann“, sagte Michael Manns von der Medizinischen Hochschule Hannover dem Ärzteblatt.

Das bedeutet, dass die Kosten der monatelangen Therapie von Hepatitis-Erkrankungen in die Höhe schnellen, wenn Folgeerkrankungen nicht rechtzeitig behandelt werden. Die geringe Anzahl von Hepatits-E-Virusinfektionen lässt zudem auf eine hohe Dunkelziffer schließen. Auch Hepatits-C sei in Deutschland erheblich unterdiagnostiziert. Nur 20 Prozent der Erkrankten sind sich dessen bewusst.

„Die Krankenkassen in Deutschland signalisieren, die Kosten falls erforderlich, zu übernehmen, aber nicht für alle sofort“, sagte Manns. „Die Patienten müssen priorisiert werden.“ Er fordert neue Preisstrukturen mit Screeningprogrammen und die Einteilung der Patienten in Hochrisikogruppen.

Auch die Grippe löst hohe wirtschaftliche Folgekosten aus. Etwa 7,7 Millionen Menschen gehen in einer Saison deswegen zum Arzt, mit der Folge, dass es über 3,4 Millionen Krankschreibungen gibt, darunter mehr als 11.000 stationäre Behandlungen.

In der Theorie misst die Mehrheit der Deutschen dem Thema Impfen eine große Bedeutung zu: Laut der Umfrage halten 82 Prozent der Befragten die Aktualität des eigenen Impfstatus für wichtig oder sogar sehr wichtig. In der Praxis allerdings scheint der Stellenwert eines aktuellen Impfschutzes nachzulassen: Weniger als die Hälfte aller Befragten (47%) kennt den eigenen Impfstatus vollständig, nur jeder Dritte (33%) ist über die aktuellen Impf-Empfehlungen für Erwachsende informiert. Jan Leidel, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO), erklärt diesen Widerspruch so: „Mit zunehmendem Alter sinkt bei vielen die Bedeutung von Impfungen. Während sich Eltern bei ihren Kindern noch sehr aktiv um einen aktuellen Impfstatus kümmern, gehen die meisten Erwachsenen mit dem eigenen Schutz oft sehr nachlässig um.“

Knapp jeder fünfte Befragte (18%) gibt an, den eigenen Impfschutz für weniger wichtig oder unwichtig zu halten. Dabei erachtet mehr als die Hälfte von ihnen (52%) das Erkrankungsrisiko als gering, knapp jeder Dritte (28%) begründet seine Skepsis durch mögliche Nebenwirkungen, weitere 13 Prozent lehnen Impfungen grundsätzlich ab. „Falsche Informationen auf impfkritischen Internetseiten begünstigen diese negative Einstellung und die daraus resultierende Nachlässigkeit“, erklärt Leidel. Als Folge eines fehlenden Impfschutzes treten besiegt geglaubte Krankheiten, etwa Keuchhusten oder Masern, wieder vermehrt auf. Laut Angaben des Robert Koch Instituts stieg die Anzahl der Menschen, die in den neuen Bundesländern an Keuchhusten erkrankten, von 2001 bis 2012 um das 46-fache an – von 117 auf 5.438 Fälle. Ein weiteres Detail: Das Durchschnittsalter der Menschen, die sich mit der einstigen „Kinderkrankheit Keuchhusten“ infizieren, liegt heute bei 42 Jahren.

Um schwere Krankheiten wirkungsvoll zu bekämpfen, sollten alle Ärzte ihre Patienten über die Bedeutung von Impfungen aufklären. Denn ansteckende Krankheiten lassen sich am effektivsten durch Impfungen bekämpfen. Auch wer seinen Impfpass verloren oder mehrmals den Arzt gewechselt hat, kann seinen Impfstatus rekonstruieren. Mediziner sind verpflichtet, ihre Unterlagen zehn Jahre aufzubewahren und entsprechende Auskünfte zu erteilen. Ist es nicht mehr möglich, den Impfstatus genau zu klären, empfiehlt die STIKO, auf aufwendige Laboruntersuchungen zu verzichten und sich mit einer Neuimpfung abzusichern.

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