Wirtschaft

Private Vorsorge schützt nicht vor Altersarmut

Die private Altersvorsorge macht den Ruhestand großer Bevölkerungsschichten unsicherer und wird darüber hinaus zu Altersarmut sowie neuartigen Formen sozialer Ungleichheit führen. Einer Studie lasse sich der Markt für die Altersvorsorge kaum überschauen, so dass Kunden von der Komplexität überfordert sind. Zudem schreitet der demografische Wandel schneller voran, als bislang gedacht.

Wer eine Riester-Rente zur privaten Vorsorge abgeschlossen hat, ist zehn Jahre nach der Einführung der Versicherung keineswegs ausreichend abgesichert. „Dem Einstieg in die private Vorsorge als Standardsäule des Rentensystems liegt eine Illusion zugrunde“, sagt Ingo Bode, der an der Universität Kassel das Fachgebiet Sozialpolitik leitet. Und zwar ist das die „die Vorstellung, die Menschen würden vor dem Abschluss einer Police ausgiebig den Markt sondieren, Optionen vergleichen und dann eigenständig ein passendes Produkt auswählen.“

Die Wirklichkeit ist aber eine andere, wie die Ergebnisse der soeben im Campus Verlag erschienenen Untersuchung vor Augen führen. Die beiden Wissenschaftler belegen, dass Sachargumente oft nicht ausschlaggebend sind. Die Materie sei zu komplex, außerdem ließe sich die ferne Zukunft ohnehin kaum planen – dafür sei das Leben schlicht zu wechselhaft.

Wer privat vorsorgen will, muss das für ihn beste Programm zur Alterssicherung finden. (Foto: Flickr/ ollistipps)

Wer privat vorsorgen will, muss das für ihn beste Programm zur Alterssicherung finden. (Foto: Flickr/ ollistipps)

Entsprechend suchten die Menschen in ihrem sozialen Umfeld sowie bei Beratern von Banken und Versicherungen nach Orientierung und werden von diesen beeinflusst. Bode und Wilke haben für ihre Studie in den vergangenen zweieinhalb Jahren Bürger zu ihrer Vorsorgesituation interviewt, Berater von Verbraucherzentralen befragt und Längsschnitterhebungen ausgewertet. Die Untersuchung wurde vom Forschungsnetzwerk Alterssicherung der Deutschen Rentenversicherung Bund gefördert.

Die Beratung durch Banken und Versicherungen vollziehe sich meist in auf Dauer angelegten Geschäftsbeziehungen, so die Autoren weiter. Dies stehe anbieterübergreifenden Produktvergleichen im Wege. „Die Behauptung, mit ein wenig Nachhilfe könne sich das Gros der Bevölkerung in der Unübersichtlichkeit des Alterssicherungsmarktes zielsicher orientieren und das gewünschte Absicherungsniveau erreichen, steht nach unseren Erkenntnissen auf tönernen Füßen“, so Bode.

Mit dem neuen Rentenmodell lasse sich eine Alterssicherung auf einem Niveau und in einer Sicherheit, wie sie lange der Normalfall war, in der Breite nicht mehr gewährleisten. Es erzeuge – weil vieles dem Zufall oder dem Gebaren von Finanzdienstleistern überlassen bliebe – neue Ungleichheiten. Nicht zuletzt steige das Armutsrisiko im Alter.

Zudem wecke die internationale Fachdebatte begründete Zweifel an der häufig vorgebrachten These, dass das sogenannte Kapitaldeckungsverfahren (die finanztechnische Basis der privaten Vorsorge) langfristig eine verlässliche Versorgung der Ruheständler sichern kann.

„Die Finanzkrise und das niedrige Zinsniveau haben das Strukturproblem der privaten Rente zu Tage gefördert: Eine dem Finanzmarkt überlassene Altersvorsorge kann keine Zukunftssicherheit schaffen, vielmehr zeigt sich jetzt, dass sie mit erheblichen Risiken für die Sparer und die Volkswirtschaft behaftet ist“, warnt Bode.

Dass dies alles von der Bevölkerung so gewollt gewesen sei, müsse ebenfalls bezweifelt werden: „Der Weg in die Teilprivatisierung wurde im öffentlichen Diskurs als unumgehbar dargestellt, aber die breite Bevölkerung erwartet vom Staat noch immer eine Lebensstandardsicherung im Alter.“ Weil diese mit dem neuen Modell für viele unerreichbar sei, werde die Rentenpolitik auch zukünftig permanent unter Handlungsdruck stehen. Bode resümiert deshalb: „Das neue deutsche Rentenmodell ist auf Sand gebaut und wird auch auf längere Sicht keine feste Verankerung erfahren.“

Deutschlands Bevölkerung wird immer schneller immer älter, gleichzeitig sinkt die Einwohnerzahl – weil die Lebenserwartung stetig steigt und immer weniger Kinder geboren werden. Bis zum Jahr 2060 wird jede zweite in Deutschland lebende Person mindestens 51 Jahre alt sein und die Einwohnerzahl um zehn Millionen auf 71 Millionen zurückgehen. Bereits bis 2035 wird dadurch, dass die Generation der Babyboomer aus dem Erwerbsleben ausscheidet, der Umfang der Bevölkerung im Erwerbsalter um fast acht Millionen sinken.

Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie von Eckart Bomsdorf von der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln.

„Unsere Berechnungen zeigen, dass der demographische Wandel stärker ausfällt als nach den Ergebnissen des Zensus 2011 vielfach angenommen. Das wird gravierende Auswirkungen haben, wie in der Vergangenheit bereits das Beispiel Sachsen zeigt. Dort sind in den vergangenen 20 Jahren rund 1.000 Schulen geschlossen worden, weil der Nachwuchs fehlte. Derartige Entwicklungen wird es in Zukunft vermehrt geben“, so Bomsdorf. Formularbeginn

„Wenn unser derzeitiges Rentensystem bei zunehmend älterer Bevölkerung leistungsfähig bleiben soll ist ein späteres Renteneintrittsalter unabdingbar.“

Es liegt vor allem an der Babyboomergeneration, also denen, die zwischen 1950 und 1970 geboren wurden, dass es bereits in den nächsten 20 Jahren eine kräftige Verschiebung in der Altersstruktur der Bevölkerung geben wird und die Anzahl der Erwerbstätigen im Vergleich zu heute drastisch abnimmt.

Diese Jahrgänge sind nämlich selber geburtenstark, haben aber relativ wenige Kinder bekommen, so dass die nachfolgende Generation wesentlich kleiner ist als die, die demnächst in Rente geht. Bis 2060 wird es zudem viel mehr sehr alte Menschen geben als heute. Während es aktuell in Deutschland 650.000 Männer und Frauen gibt, die älter als 90 Jahre sind, werden es 2060 rund fünfmal so viele sein, nämlich 3,3 Millionen oder fast fünf Prozent der Bevölkerung.

Selbst die aktuell hohe Zuwanderung kann das demographische Problem nicht lösen. Deutschland bräuchte dauerhaft mehr Zuwanderung, um seinen Bevölkerungsumfang aufrechtzuerhalten. Da die Geburtenzahlen auf niedrigem Niveau verharren und sogar zurückgehen werden, kann Deutschland seinen Bevölkerungsumfang von gegenwärtig rund 81 Millionen Einwohnern bis 2060 nur stabilisieren, sofern der jährliche Wanderungsüberschuss nahezu 350.000 Personen beträgt.

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