Psyche

Gespräche in der U-Bahn: Kontakte mit Unbekannten heben nachweislich die Laune

Statt in öffentlichen Verkehrsmitteln stumm nebeneinander zu sitzen, scheint es tatsächlich ratsam, das Gespräch zu suchen. Wie US-Forscher nun herausgefunden haben, trägt eine solche Kontaktaufnahme mit Fremden zur deutlichen Hebung der eigenen Laune bei. Doch stattdessen folgen wir einer vermeintlichen kulturellen Norm – eine klassische Fehleinschätzung.

Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln wollen ihre Ruhe. Stimmt nicht, sagen jetzt US-Wissenschaftler. (Foto: Flickr/ Ride: She with the plastic bag by Mo Riza CC BY 2.0)

Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln wollen ihre Ruhe. Stimmt nicht, sagen jetzt US-Wissenschaftler. (Foto: Flickr/ Ride: She with the plastic bag by Mo Riza CC BY 2.0)

Auf dem Weg zur Arbeit vollzieht sich in vielen Großstädten weltweit ein soziales Paradoxon. Zu Tausenden strömen die Leute in Busse und Bahnen – doch eigentlich ist jeder von ihnen völlig allein, abgeschirmt und versunken in seiner eigenen Welt, obwohl sie dicht an dicht nebeneinander sitzen. US-Forscher wollten herausfinden, was passiert, wenn Menschen sich ihren normalen Verhaltensmustern entgegenstellen und statt zu schweigen, das Gespräch mit ihrem fremden Gegenüber suchten. Die Ergebnisse machten deutlich: Diejenigen, die es wagten, erlebten nachweisliche Glücksmomente.

Für Nicholas Epley und Juliana Schroeder stellte sich im Laufe ihrer Untersuchung heraus: Die Menschen wissen einfach nicht um die Vorteile von sozialer Interaktion. Und noch schlimmer: Die Teilnehmer in den Experimenten unterschätzten auch das Interesse anderer mit ihnen in Verbindung zu treten.

Die Probanden ihrer Studie „Mistakenly Seeking Solitude“ wurden gebeten, sich einer ganzen Reihe von verschiedenen Situationen zu stellen. Eingeteilt wurden die 118 Pendler dafür in drei Gruppen. Eine Runde sollte während der morgendlichen Bahnfahrt im Berufsverkehr mit einem Fremden ins Gespräch kommen. Anderen wiederum wurde aufgetragen, während der Fahrt mit niemandem zu reden. Die dritte Gruppe hatte die Wahl. Sie sollte sich so verhalten wie immer. Danach wurden sie gebeten, einen Fragebogen auzufüllen, um die tatsächlichen Folgen des soziales Engagement bzw. der Isolation zu messen. Darin sollten die Studienteilnehmer angeben, wie gut ihre Laune nach der Fahrt gewesen wäre und wie produktiv sie währenddessen gewesen seien. Das Resultat: Wer im Laufe der Fahrt mit Fremden geredet hatte, empfand diese auch am angenehmsten und war hinterher am glücklichsten. Zudem hatten sie nicht das Gefühl, durch die Unterhaltung unproduktiv gewesen zu sein oder am Ende gar etwas verpasst zu haben. Die Erfahrung war insgesamt deutlich positiver, als sie zuvor erwartet hatten. Dabei hatten nicht nur die Aktiven etwas von diesem Erlebnis. Auch die Angesprochenen empfanden ihre Fahrt im Bus oder in der Bahn als angenehmer.

„Die Kontaktaufnahme mit Fremden in der Bahn wird wohl nicht die gleichen langfristigen Nutzen mit sich bringen, wie die mit Freunden“, zitiert das Portal Mind Body Green Studien-Co-Autor Nicholas Epley von der University of Chicago Booth School of Business. „Aber die Pendler in einem Zug in die Innenstadt von Chicago berichteten von einer deutlich positiveren Stimmung, wenn sie sich mit Fremden unterhielten, statt stumm dazusitzen.“ Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler kürzlich im The Journal of Experimental Psychology: General.

Warum Menschen das normalerweise nicht tun, liegt für die beiden Forscher auf der Hand. Eine der Theorien ist, dass der Grund, warum Menschen dazu neigen, in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mit Fremden in Kontakt zu treten, darin besteht, dass sie glauben, die anderen wären wohl nicht daran interessiert, in eine soziale Interaktion zu treten. Daher würden die meisten Menschen auch das Schweigen bevorzugen. Belegt haben sie auch diese Einschätzung in einem Experiment mit 105 Probanden.

Das Gesamtfazit der Wissenschaftler: „Menschen sind soziale Tiere, aber nicht immer sozial genug für ihr eigenes Wohlbefinden.Ihre Experimente und Ergebnissen hätten ein insgesamt „tiefgreifenden Missverständnis der psychischen Folgen des sozialen Engagements“ aufgezeigt.

Doch eine solche Interaktion mit anderen lässt die Menschen sich nicht nur glücklicher fühlen. Es hat sich auch gezeigt, dass sie davon tatsächlich gesundheitliche Vorteile haben. Einsamkeit zeigt sich in Messungen der Stresshormone, der Immunfunktion und der Herz-Kreislauf-Funktion“, so John Cacioppo, Neurowissenschaftler an der Universität von Chicago. Seiner Ansicht nach wirke sich die Entscheidung von Menschen, nicht in Kontakt zu anderen zu treten, direkt auf die zellulären Prozesse im Körper aus. Das könne sogar zu einer vorzeitigen Alterung führen.

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