Medizintechnik

Ist Googles Nano-Technologie bereits veraltet?

Google will mit Nano-Teilchen Krebs aufspüren. Doch die Medizintechnik bedient sich lieber anderer Verfahren. Forscher kritisieren, dass das Schlucken von Nanoteilchen nicht effektiv und zu invasiv sei. Es sei längst möglich, Krankheiten vor ihrem Ausbruch aufzuspüren.

Die Medizintechnik ist auf Googles Armbänder und Nanotechnologie nicht angewiesen. (Foto: Flickr/ Nan Palmero)

Die Medizintechnik ist auf Googles Armbänder und Nanotechnologie nicht angewiesen. (Foto: Flickr/ Nan Palmero)

Nach der „Smart Lense“ will der Silicon-Valley-Datengigant Google nun mit einer weiteren Idee den Gesundheitssektor aufmischen: Sein Forschungslabor X ließ unlängst verkünden, dass es mithilfe von Nanopartikeln Krankheiten frühzeitig erkennen will. Wie die BBC berichtete soll dabei ein Armband im Zusammenspiel mit Nanopartikeln Veränderungen im Körper erkennen, die auf Gesundheitsprobleme hindeuten. Die Nanopartikel sollen durch das Schlucken einer Tablette in den Blutkreislauf gelangen, wo sie dann an Zellen andocken, um zum Beispiel Krebs aufzuspüren oder auch auf drohende Herzattacken hinzuweisen.

In der Forschungswelt wird dies sehr kritisch aufgenommen: „Obwohl ich zustimme, dass das Tragen eines Armbands nicht-invasiv ist – eine Tablette zu schlucken, die eine bestimmte Menge von Nanopartikeln in den Blutkreislauf freisetzt, kann nun wirklich nicht nicht-invasiv genannt werden. Wenn wir annehmen, dass die Nanopartikel für den Rest des Lebens im Körper der Menschen bleiben, die die Tablette schlucken, wirft das für mich Fragen auf. Welchen langfristigen gesundheitsfördernden Effekt sollte dies haben? Denn da diese Nanopartikel an viele unterschiedliche Krankheitsmuster andocken müssten, würden für die vielen Indikationen immer wieder andere Nanopartikel geschluckt werden müssen. Ich sehe da die Gefahr von falsch-positiven und falsch-negativen Ergebnissen für eine ganze Reihe von medizinischen Fragestellungen“, sagt Bill Mullen, Direktor der Biomarker-Forschung an der Universität Glasgow. Was bei Googles Ambitionen für eine Krankheitserkennung der Zukunft nicht beachtet werde: Es gebe nicht nur einen einzigen Marker, der Krebs und andere chronische Erkrankungen aufzuspüren vermag, so der Wissenschaftler weiter. Die beste Möglichkeit der Erkennung dieser Krankheiten sei es, über mehrere Einheiten zu verfügen, die zusammengesetzt eine Signatur bzw. einen Fingerabdruck dieser Erkrankung ergeben. „Es gibt bereits eine Auswahl solcher verfügbaren Tests, die tatsächlich nicht-invasiv sind. Sie messen Urinproben und können in einer einzigen Probe die koronare Herzkrankheit, chronisches Nierenversagen und auch Krebs, zum Beispiel den oft viel zu spät entdeckten Gallengangskrebs, erkennen. Eine Anzahl von EU-geförderten Projekten beschäftigt sich mit dieser Methode, involviert sind mehr als 50 Top-Wissenschaftler in Europa“, erklärt Mullen. Diese Tests seien also keine Zukunftsmusik mehr, sondern heute bereits verfügbar und sie werden weiterentwickelt.

„Im Zentrum der neuartigen Technologie stehen Proteine, die in einem umfangreichen Muster Informanten für krankheitsbedingte Veränderungen im Körper sind. Dies ist ein Quantensprung, weil nunmehr nicht nur ein Biomarker zur Früherkennung hinzugezogen werden kann, sondern ein ganzes Muster mit vielen hundert krankheitsspezifischen Proteinen.

Kürzlich schlug eine Allianz deutscher Fachgesellschaften Alarm, weil chronische Krankheiten immer häufiger auftreten und zur drohenden Geisel der Industrieländer werden. Ebenfalls vor wenigen Wochen veröffentlichte die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) ihren aktuellen Diabetes-Bericht 2015 und sprach von 7,6 Millionen Betroffenen (inkl. Dunkelziffer) in Deutschland. Damit gehört unser Land weltweit zu den zehn Ländern mit der höchsten absoluten Anzahl an Menschen mit Diabetes mellitus. Immer noch sterben stündlich drei Menschen in Deutschland daran. Ein schlecht eingestellter Blutzucker führt hierzulande Jahr für Jahr zu 40.000 Amputationen und 2.000 Neuerblindungen; außerdem zwingt er weitere 2.300 Menschen mit Diabetes zu einem Leben mit Dialyse. Die Zahl der an Diabetes Erkrankten ist nach Daten des Robert Koch-Instituts von 1998 bis 2011 um 38 Prozent gestiegen.

Fast jeder zweite Todesfall in Deutschland geht auf eine Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems zurück. Zu den Risikofaktoren zählen Übergewicht, Rauchen, Bluthochdruck, ein erhöhter Cholesterinspiegel und Diabetes. Was dabei kaum beachtet wird: Herz- und Nierenfunktion sind eng miteinander verbunden. Eine eingeschränkte Nierenfunktion schadet dem Herzen und kann gravierende Folgen haben. Aktuell arbeitet das internationale Forscherteam um Mischak an einem diagnostischen Muster, dass die systolische Herzinsuffizienz auch schon bei leicht eingeschränkter Nierenfunktion erkennt.

Krankheiten können also längst zu einem Zeitpunkt erkannt werden, in dem erstmalig die Progression aufgehalten oder wirksam verzögert werden kann. Sie können mit hoher Genauigkeit identifiziert und von anderen chronischen Krankheiten unterschieden werden. Die Patienten können individuell auf die Art der Therapie eingestellt werden. Der Weg zur personalisierten Medizin ist damit offen. Es ist möglich, die Krankheitsprozesse im Verlauf genau abzubilden. Dies stellt die Grundlage für bessere Therapien dar. Insofern können Patienten davon absehen, Googles Nano-Teilchen zu schlucken und entsprechende Armbänder zu tragen.

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