Wirtschaft

Regulierungen treiben Pharmafirmen in Richtung Schwellenländer

In Schwellenländern können Pharmaunternehmen noch auf Zuwächse im zweistelligen Prozentbereich hoffen. In Europa hingegen haben sich die rechtlichen Hürden für die Platzierung neuer Produkte am Markt erhöht.

Arzneimittelverkäufe, deren Patente auslaufen, Angaben in MIlliarden US-Dollar. (Grafik: Evaluate Pharma)

Arzneimittelverkäufe, deren Patente auslaufen, Angaben in MIlliarden US-Dollar. (Grafik: Evaluate Pharma)

Von den Einsparungen bei Gesundheitsausgaben in den europäischen Ländern schwer getroffen, versuchen die Unternehmen der pharmazeutischen Industrie neues Geschäft zu generieren. Sie gehen auf neue Märkte und investieren in Nischenbereiche. Das neue Absatzmodell legt den Fokus auf „Pharmerging“, stellt der internationale Kreditversicherer Coface in einem neuen „Panorama“ fest. Damit ist das Bestreben der Pharmakonzerne gemeint, sich stärker in den Schwellenländern (Emerging Countries) zu engagieren.

Die Wirtschaftskrise hatte heftige Auswirkungen auf die Pharmabranche in Europa. Um ihre Verschuldung zu begrenzen, sahen sich die Staaten als Hauptfinanzierer der Gesundheitssysteme gezwungen, die Ausgaben in diesem Bereich zu senken. Entsprechend ging der Anteil der Arzneimittelausgaben am BIP von 2003 bis 2011 von 14,9 Prozent auf 13,4 Prozent zurück.

Der Erfolg der pharmazeutischen Industrie hängt auch von der Konjunktur in Europa ab. Das zeigte sich während der Krise ab 2008 und erneut während der Staatsschuldenkrise ab 2011. Denn die Staaten senkten in der Folge die Erstattungskosten für pharmazeutische Produkte. Speziell in Deutschland sorgt das Arzneimittelneuordnungsgesetz (AMNOG) für eine genaue Einschätzung über den Nutzen und die Kosten von neuen Medikamenten. Die Folge: Pharmaunternehmen können ihre Preise und Produkte nicht mehr uneingeschränkt am Markt platzieren

Unter anderem begann die Politik zudem, stärker auf Generika zu setzen. Ärzte werden aufgefordert, primär solche Produkte zu verschreiben, die Konsumenten durch die Erstattungspraxis in Richtung der preisgünstigeren Mittel gelenkt. Schließlich treibt die gegenseitige Abhängigkeit der europäischen Länder bei den Preisen die Abwärtsspirale bei den Ausgaben im Gesundheitswesen voran. Generika machen mittlerweile über die Hälfte der verkauften Mengen aus: 2013 waren es 54 Prozent. Diese Medikamente, die aus frei zugänglichen, keinem Patentschutz unterliegenden Stoffen produziert werden, können wesentlich billiger angeboten werden, da keine Forschungs- und Entwicklungskosten mehr einzupreisen sind.

In den 1980er Jahren waren die Pharmaunternehmen sehr erfolgreich in der Forschung und Entwicklung so genannter Blockbuster. In den frühen 2000er Jahren lief für viele dieser Wirkstoffe der Patentschutz aus. Etliche Unternehmen verloren große Umsatzanteile an die Hersteller von Generika. Seit 2010 beschleunigt sich diese Entwicklung. Sie wird bis 2020 nicht abreißen, wenn auch ein Höhepunkt zwischen 2014 und 2016 absehbar ist.

Diese Hürden erschweren es, neue Medikamente auf den Markt zu bringen. Um ihre Produktivität zu steigern bewegen sich pharmazeutische Unternehmen daher in Richtung Emerging Countries. Deren alternde Bevölkerung macht die Länder zu künftigen Wachstumsmärkten. Darüber hinaus erleichtert die Gesundheitspolitik der Schwellenländer den Menschen den Zugang zur medizinischen Versorgung. „Pharmerging“ wird zum Leitprinzip für die europäischen Pharmahersteller. Anders als die Industrieländer versprechen die Emerging Markets bis 2017 Zuwächse im zweistelligen Prozentbereich“, erklärt Khalid Aït-Yahia, Branchen-Economist bei Coface.

Zudem bewegen sich die Pharmaunternehmen mit ihrer Forschung und Entwicklung in kleinere, aber profitablere Bereiche. Komplexe Krankheiten eröffnen die Möglichkeit zu einer strategischen Neupositionierung in solchen Nischen. So planen pharmazeutische Unternehmen ihr Wachstum in hoch komplexen Bereichen wie Onkologie, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In Europa ist dieser Ansatz für viele Pharmaunternehmen bereits Realität. Sie arbeiten eng mit großen globalen Zentren zusammen, die die Grundlagenforschung zum Verständnis der schwierig zu behandelnden Krankheiten betreiben.

In Nordamerika haben sich die Branchenrisiken aufgrund des positiven gesamtwirtschaftlichen Ausblicks und der niedrigeren Ölpreise entspannt. Dies kommt besonders den Branchen Chemie, Transport, Textil zugute. Die Chemiebranche wird getragen von der starken Nachfrage aus den beiden wichtigsten Kundensegmenten: Automobil und Bau. Angetrieben vom US-Wachstum und dem zu erwartenden Zuwachs des internationalen Warenverkehrs stellt sich die Transportbranche solide dar. Der Sektor profitiert in Nordamerika auch von den bereits erfolgten Restrukturierungen im Luftfahrtbereich.

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