Forschung

Ess-Sucht: Forscher entdecken Appetitzügler im Gehirn

US-Wissenschaftler haben bei Versuchen mit Mäusen jene Gehirnzellen entdeckt, die das Verlangen nach Essen einfach ausschalten können. Wurden die entsprechenden Neuronen aktiviert, wirkte sich das umgehend auf die Nahrunsaufnahme aus. Die Ergebnisse könnten in Zukunft neue Therapie-Methoden bei extrem über- oder auch untergewichtigen Patienten ermöglichen.

Wissenschaftler haben herausgefunden, wie der Appetit auf Schokolade und Co im Gehirn gezügelt wird. (Foto: Flickr/ daniellehelm/CC BY 2.0)

Wissenschaftler haben herausgefunden, wie der Appetit auf Schokolade und Co im Gehirn gezügelt wird. (Foto: Flickr/ daniellehelm/CC BY 2.0)

Wissenschaftler des California Institute of Technology geben mit ihren jüngsten Forschungen Anlass zur Hoffnung für Menschen mit Fettsucht und Anorexie. Sie haben im Tierversuch das Areal im Gehirn ausfindig gemacht, welches das Verlangen zu essen stoppen kann. Das Forscher-Team um Professor David Anderson geht davon aus, dass die fraglichen Gehirnzellen wie eine Art Schaltzentrale funktionieren und in ähnlicher Form auch beim Menschen zu finden sein könnten.

Nach Einschätzung der Wissenschaftler sind die fraglichen Zellen für die Kombination und Weitergabe gleich einer ganzen Reihe von Botschaften verantwortlich, die bei der Reduktion der Nahrungsaufnahme hilfreich sind. So gelang es im Versuch mit Mäusen, die Nahrungsaufnahme durch gezielte Stimulation dieser Schaltzentrale mit einem Laserstrahl sofort und vollständig zu beenden. Das berichtet Nature Neuroscience.

Im Test mit Chemikalien wurden anschließend Gefühle wie Sattheit, bitterer Geschmack, Übelkeit und auch Unwohlsein simuliert. Das Ergebnis: Die Neuronen waren in jeder dieser Situationen aktiv und haben somit wohl für all diese Reize entscheidende Bedeutung. Auch beim Verhindern des Überfressens könnten die Zellen eine Rolle spielen. Denn: Besonders rege zeigten sich die Zellen vor allem dann, wenn die Tiere eine volle Mahlzeit zu sich genommen hatten. Die entdeckte Schaltzentrale soll somit das erste genau definierte Zentrum sein, welches eine Nahrungsaufnahme verhindere.

Die Ergebnisse könnten in Zukunft neue Therapie-Methoden bei extrem über- oder auch untergewichtigen Patienten ermöglichen. Zuvor gilt es jedoch, Patienten mit Essstörungen richtig zu diagnostizieren, zu beraten und die Ursachen für die Essstörung zu entdecken.

Viele Menschen kämpfen im Alltag mit den Pfunden oder ihre Gedanken kreisen permanent um das Thema Essen und Abnehmen. Ab wann von einer Essstörung die Rede ist, entscheiden in der Regel Ärzte und Therapeuten. Personen, die unter ihrem Essverhalten stark leiden, werden in den Diagnosekriterien jedoch nicht berücksichtigt und eine Behandlung bleibt ihnen oft verwehrt.

Maria Sanchez, Heilpraktikerin für Psychotherapie, sieht dringend Handlungsbedarf, die Diagnosekriterien zu erweitern. Auch Menschen, die normalgewichtig sind, können unter ihrem Essverhalten leiden, ohne dass sie sich, wie beispielsweise bei der Bulimie, nach Essattacken übergeben. Viele können ihr Gewicht nur mit einem sehr hohen Kontrollaufwand, das heißt mit viel Sport, ständigem Diäthalten und Kalorienzählen, halten. Dies ist sehr kräftezehrend und reduziert die Lebensqualität.

Darüber hinaus spricht Maria Sanchez noch von einer weiteren Gruppe, die nicht von den herkömmlichen Diagnosekriterien erfasst wird. Sie nennt sie die „Pegelesser“. Diese essen den ganzen Tag kontinuierlich. Sie können nicht warten bis ihr Körper ihnen das Signal „Hunger“ sendet. So nehmen sie permanent mehr Nahrung zu sich, als ihr Körper eigentlich braucht. Trotz des Bewusstseins, dass das für die Gesundheit schädlich ist, können sie das Essen nicht lassen.

Ob Magersucht, Bulimie, Binge Eating, „dünne Dicke“ oder „Pegelesser“ – alle Betroffenen haben etwas gemeinsam: Sie leiden unter ihrem Essverhalten. Essen dient ihnen als Ersatzbefriedigung für tieferliegende Bedürfnisse. Es kann unangenehme und schmerzliche Gefühle unterdrücken oder als Ersatz für nicht gelebte, positive Empfindungen dienen

Sanchez zufolge ist es wichtig, die Gesellschaft für das Thema „Emotionales Essen“ zu sensibilisieren. Übergewicht hat nichts mit Disziplinlosigkeit zu tun und Diäten und jede andere Form von Reglementierungen helfen nicht, sondern verschlimmern das Problem. So lange nicht an der eigentlichen Ursache für die Essstörung gearbeitet wird, ist keine Heilung möglich.

Ein Schritt in die richtige Richtung ist die Überarbeitung der offiziellen Diagnosekriterien.. Auch wenn das Ergebnis nach Meinung von Maria Sanchez noch nicht ausreicht, das Krankheitsbild von Essstörungen umfassend genug zu beschreiben, so ist es ein guter Anfang.

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