Gesundheitssystem

E-Card: Angst vor Datenmissbrauch überschattet medizinischen Nutzen

Die sensiblen Patienten-Daten auf der elektronischen Gesundheitskarte sind nicht sicher. In Deutschland stemmt sich ein breites Bündnis gegen die Realisierung des IT-Projekts. Doch Ökonomen warnen: Die Angst vor Datenmissbrauch dürfe nicht über die verbesserte medizinische Versorgung den wirtschaftliche Nutzen einer modernen Gesundheits-IT hinwegtäuschen.

Aud den Dokumenten von Whistleblower Edward Snowden geht hervor, dass die NSA noch viel mehr kann, als bislang angenommen. (Foto: Flickr/Mike Mozart/CC BY 2.0)

Aud den Dokumenten von Whistleblower Edward Snowden geht hervor, dass die NSA noch viel mehr kann, als bislang angenommen. (Foto: Flickr/Mike Mozart/CC BY 2.0)

Der US-Geheimdienst NSA sei geheimen Dokumenten zufolge bereits seit 2010 in der Lage, die Daten von Sim-Karten in Handys und Smartphones auszulesen. Die Firma, die diese Sim-Karten herstellt, baut auch die Chips für die elektronische Gesundheitskarte (eGK) für 25 Millionen AOK-Versicherte sowie Kartenlesegeräte für Arztpraxen. Das Aktionsbündnis „Stoppt die E-Card“ folgert daraus, dass es mit der eGK keine Datensicherheit geben kann und setzt sich für die Abschaffung der Karte ein. Die neuesten Veröffentlichungen aus den Dokumenten von Edward Snowden zeigten dies ganz deutlich, teilt das Bündnis mit.

„Nach 11-jähriger erfolgloser Planung sollte es endlich eingestellt werden“, sagte die Sprecherin der Aktion „Stoppt die e-Card“, Silke Lüder. Den Geheimdiensten der USA und Großbritanniens sei es den Snowden-Dokumenten zufolge schon im Jahr 2010 gelungen, Sicherheitskonzepte eines Chipkartenherstellers zu überwinden und bis jetzt unbemerkt an deren Sicherheitsschlüssel zu gelangen.

„Wenn bis heute dieses Datenleck den Betreibern der Firma nicht aufgefallen ist, bedeutet das, dass interne Kontrollen völlig versagt haben müssen. Es gibt also keine Sicherheit mit den jetzt ausgegebenen elektronischen Karten“, sagte der Sicherheitsexperte Rolf Lenkewitz. „Allein die potenziellen Auswirkungen erfordern einen sofortigen Stopp der eGK und telematischen Infrastruktur. Die von den Geheimdiensten erlangten Informationen könnten die Bausteine sein, um jederzeit in der Zukunft, dieses größte IT-Projekt Europas  zu kompromittieren und die sensibelsten und schützenswertesten Daten der Versicherten einzusehen und zu missbrauchen.“

Auch Hartmut Pohl, Mitglied des Beirats der International Security Academy und Sprecher des Präsidiumsarbeitskreises „Datenschutz und IT-Sicherheit“ der Gesellschaft für Informatik, warnte vor den Folgen: „Dies ist nicht das erste Mal, dass ein Trust Center von Sicherheitsbehörden und Nachrichtendiensten wie der NSA geknackt wurde und alle Sicherheitsschlüssel ausgelesen werden konnten. Die erfolgreichen Angriffstechniken funktionieren auch für SIM-Karten und Handy-Schlüssel, elektronische Personalausweise und Reisepässe, Kredit- und Debitkarten, elektronische Türöffner, TAN-Generatoren, die eGK …“ Laut Pohl dürften in Deutschland aktuell weit mehr als 50.000 der wichtigsten Server in Unternehmen, Regierung und Verwaltung mit sogenannten Backdoors der NSA versehen sein (Strategic Servers).

Ziel der Geheimdienstangriffe sollen auch andere Großhersteller für elektronische Gesundheitskarten in Deutschland gewesen sein. Mit den ausgegebenen Chipkarten könne man keine der geplanten Anwendungen im eGK-Projekt realisieren: weder sensible Sozial- oder Medizindaten online versenden, noch Notfalldaten, Organspende-Ausweise und Medikationsdaten auf der eGK speichern, noch die Karte als Schlüssel für die Erstellung einer elektronischen Patientenakte verwenden.“

„Stoppt die e-Card“ ist ein breites Bündnis von 54 Bürgerrechtsorganisationen, Datenschützern, sowie Patienten- und Ärzteverbänden. Unter anderem gehören der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, Digitalcourage, Chaos Computer Club, IPPNW, die Freie Ärzteschaft, NAV-Virchowbund und die Deutsche AIDS-Hilfe dazu. Das Bündnis fordert, dass das gescheiterte milliardenteure Projekt eingestellt und die geplanten weiteren Gelder in eine gute medizinische Behandlung und in sichere dezentrale moderne Kommunikationswege in der Medizin investiert werden. Alle Planungen für das neue E-Health-Gesetz der schwarz-roten Koalition müssten gestoppt werden.

Befürworter der eGK verweisen auf die ökonomischen Vorteile, wenn die IT des deutschen Gesundheitssystems modernisiert wird. Medizinökonom Wilfried von Eiff von der HHL Leipzig Graduate School of Management nennet die Reduzierung der Behandlungskosten durch die Vermeidung von Doppeluntersuchungen. Die Behandlung von Patienten könne zielorientierter erfolgen, durch eine einfachere Verfügbarkeit von Laborbefunden, bildgebenden Daten und Verlaufskontrollen wichtiger Parameter. Kosteneinsparungen könnten durch die direkte Abrechnung zwischen Ärzten, Apothekern und Krankenkassen – Schätzungen gehen von ca. 200 Millionen Euro pro Jahr aus – sowie durch die Vermeidung von geschätzten jährlich 1 Milliarde Euro Versicherungsbetrugs realisiert werden. „Die Kosten der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte werden mit circa. 1,5 Milliarden Euro beziffert“, sagt von Eiff. „Demgegenüber gehen Experten davon aus, dass durch die elektronische Gesundheitskarte Einsparungen im Gesundheitssystem erreichbar sind, die einer Reduktion des Beitragssatzes der gesetzlichen Krankenversicherung in Höhe von 3,7 Prozentpunkten entspricht.“

Angesichts der wirtschaftlichen Vorteile und der verbesserten medizinischen Behandlung dürfe die Angst vor Datenmissbrauch nicht überbewertet werden. „Die Furcht vor dem Missbrauch sensibler Daten durch Arbeitgeber oder Versicherer wiegt oft höher als der Nutzen für den individuellen Patienten im Notfall“, so von Eiff.

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