Forschung

Chirurg will menschlichen Kopf transplantieren

Der italienische Chirurg Sergio Canavero will spätestens 2017 einen Kopf auf den Körper eines anderen Menschen transplantieren. Das größte Problem ist die Verbindung des Rückenmarks mit Chemikalien oder Stammzellen. Ein Jahr nach der OP sollen die Patienten wieder gehen können, glaubt Canavero.

Mensch oder Monster: Wie verändert eine Kopftransplantation unsere Welt? (Foto: Flickr/ Insomnia Cured Here/CC BY-SA 2.0)

Mensch oder Monster: Wie verändert eine Kopftransplantation unsere Welt? (Foto: Flickr/ Insomnia Cured Here/CC BY-SA 2.0)

Noch in diesem Jahr diskutieren Chirurgen in den USA auf einer Konferenz die Transplantation eines menschlichen Kopfs auf den Körper eines anderen Menschen. Die Idee entstand vor zwei Jahren. Der italienische Chirurg Sergio Canavero von der Turin Advanced Neuromodulation Group behauptet, die größten medizinischen Hürden, die bislang gegen eine Transplantation sprechen, könnten nun überwunden werden.

So könne man mittlerweile das Rückenmark wieder miteinander verbinden und die Gefäße zusammenfügen. Zudem könnten Medikamente verhindern, dass das Immunsystem den transplantierten Kopf abstößt. Die Operation könnte bereits im Jahr 2017 erfolgen.

Canavero will sein Projekt im Juni auf der jährlichen Konferenz der American Academy of Neurological and Orthopaedic Surgeons (AANOS) in Annapolis im US-Bundesstaat Maryland vorstellen.

Die Operation selbst ist bereits im Detail geplant: Canavero will den Kopf und den Körper kühlen, um damit die Zeit zu erhöhen, in der die Zellen ohne Sauerstoff überleben können. Das Gewebe um den Hals wird entfernt, damit die Blutgefäße und die Halswirbel freiliegen. Die Blutgefäße werden dann mithilfe von kleinen Röhren zusammengefügt. Erst dann wird das Rückenmark bei beiden Versuchspatienten getrennt. Danach wird der Kopf auf den neuen Körper gesetzt. Die beiden Enden des Rückenmarks ähneln zwei eng aneinander liegenden Bündeln Spaghetti, berichtet der New Scientist. Bevor die Enden zusammengefügt werden, wird die Stelle mit Polyethylenglykol behandelt. Mehrere Injektionen sollen sicherstellen, dass sich die Fettzellen im Rückenmark miteinander verbinden, ähnlich wie heißes Wasser dies mit Spaghetti tut.

Polyethylenglykol konnten in Experimenten mit Tieren das Wachstum der Nerven im Rückenmark verbessern. Doch Canavero will die Technik zunächst an Gehirntoten Patienten besser erforschen. Denn bislang „gibt es keinen Beweis, dass die verbundenen Nerven nach der Transplantation tatsächlich empfindlich sind und motorische Funktionen haben“, sagt Richard Borgens, Direktor am Center for Paralysis Research an der Purdue University in West Lafayette, im US-Bundesstaat Indiana.

Wenn das Polyethylenglykol nicht wirken sollte, gebe es auch Alternativen. Die Injektion von Stammzellen oder sich selbst regenerierende Zellen (olfactory ensheathing cells) sei Canavero zufolge denkbar. Man könne auch die Stelle des Rückenmarks überbrücken, indem man Magen-Membrane verwendet. Diese Methode sei bereits erfolgreich an Menschen mit Rückenmarksverletzungen getestet worden.

Nach der Verbindung des Rückenmarks müssen die Muskeln und die Blutgefäße zusammengenäht werden. Der Patient liegt dann für drei Wochen im Koma, weil er sich in dieser Zeit nicht bewegen darf. Implantierte Elektroden sollen das Rückenmark in dieser Zeit stimulieren, um die Nervenverbindungen zu stärken.

Wenn der Patient schließlich aufwacht, kann er bereits sein Gesicht fühlen und wird mit seiner alten Stimme sprechen, sagt Canavero voraus. Mit Physiotherapie soll es möglich sein, dass der Mensch nach einem Jahr bereits wieder laufen kann. Es fiel Canavero nicht schwer, Versuchspersonen für sein Experiment zu finden.

In China laufen Experimente an Mäusen. Forscher interessiert die Möglichkeit seit den Fünfziger Jahren. Die erste Transplantation eines Kopfes geschah bereits 1954. Der russische Chirurg Vladimir Demikhov transplantierte den Kopf und die Vorderbeine auf den Rücken eines anderen größeren Hundes. Seine Versuchsobjekte überlebten jedoch nur zwei bis sechs Tage. Im Jahr 1970 hat Robert White von der Case Western Reserve University School of Medicine in Cleveland erfolgreich den Kopf eines Affen auf den Körper eines anderen Affen gesetzt. Das Tier überlebte mit künstlicher Beatmung noch neun Tage, bevor der Körper den Kopf abgestoßen hat.

Canavero glaubt daran, dass er in Europa die Möglichkeit bekommt, die OP durchzuführen. In den USA trifft er auf hohe ethische Hürden. Die schwierigste Frage, ob die OP überhaupt durchgeführt werden sollte, beantworten zahlreiche Wissenschaftler eindeutig mit nein. Ein Ansatz zur Beantwortung der Frage liegt in der Definition und der Verortung des menschlichen Lebens. Wenn man das Leben in der Region des Kopfes verortet, dann dürfe man das nicht einfach verändern, denn dann „verändere man auch den Menschen“, sagt Patricia Scripko, Neurologin am Salinas Valley Memorial Healthcare System in California. Das sei ethisch nicht verantwortbar. Andere Kulturen argumentieren mit dem Begriff der menschlichen Seele gegen die OP. Die Seele ist nicht nur auf den Kopf begrenzt, sondern auf den ganzen Körper. Die Trennung von Kopf und Körper sei daher problematisch.

Ein weiteres ethisches Problem besteht in der Möglichkeit, dass die OP ein voller Erfolg wird. Noch kostet eine OP in dieser Größenordnung etwa zehn Millionen Euro. Doch es ist denkbar, dass die Kosten mit der Weiterentwicklung der Technik sinken und Menschen in naher Zukunft ihren Körper aus kosmetischen Gründen erneuern könnten.

Lässt man die ethischen Probleme einmal beiseite, ist es dennoch sehr unwahrscheinlich, dass das Projekt von Canavero Erfolg haben wird, glauben zahlreiche Chirurgen. Der Eingriff sei zu groß, „die Möglichkeit, es klappt ist sehr unwahrscheinlich“, sagt Harry Goldsmith, Klinikprofessor für Neurochirurgie an der University of California. „Ich glaube nicht, dass es jemals funktionieren wird. Es gibt zu viele Probleme mit der Prozedur.“

Es gibt aber auch Chirurgen, die nur mit dem Zeitplan Canaveros nicht übereinstimmen. Canavero selbst will Geduld beweisen: „ Wenn die Gesellschaft die Transplantation nicht will, werde ich sie nicht machen. Aber nur weil man sie in Europa und in den USA nicht will, bedeutet das nicht, dass sie nicht woanders stattfinden kann.“ Deshalb spricht Canavero bereits seit zwei Jahren über sein Projekt. Die Zahl seiner Befürworter nimmt stetig zu.

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