Schwangerschaft

Rezeptfreiheit für Pille danach könnte zu mehr Abbrüchen führen

Frauenärzte sind besorgt, dass mit der Rezeptfreiheit für die Pille danach die Zahl der Abtreibungen wieder steigt.

Die Entscheidung für die Pille danach sollten Frauen nicht ohne umfassende Beratung treffen, so die Ärzteverbände. (Foto: flickr/Dennis Skley)

Die Entscheidung für die Pille danach sollten Frauen nicht ohne umfassende Beratung treffen, so die Ärzteverbände. (Foto: flickr/Dennis Skley)

Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nahm 2014 gegenüber dem Vorjahr um 3 Prozent ab. Wie das Statistische Bundesamt weiter mitteilt, wurden 2014 rund 99 700 Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland gemeldet. Knapp drei Viertel oder 73 Prozent der Frauen, die 2014 einen Schwangerschaftsabbruch durchführen ließen, waren zwischen 18 und 34 Jahre alt, 16 Prozent zwischen 35 und 39 Jahre. Rund 8 Prozent der Frauen waren 40 Jahre und älter. Die unter 18-Jährigen hatten einen Anteil von knapp 4 Prozent.

96 Prozent der gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche wurden nach der Beratungsregelung vorgenommen. Medizinische und kriminologische Indikationen waren in 4 Prozent der Fälle die Begründung für den Abbruch. Die meisten Schwangerschaftsabbrüche wurden mit der Absaugmethode durchgeführt, bei 18 Prozent wurde das Mittel Mifegyneâ verwendet. Die Eingriffe erfolgten überwiegend ambulant – rund 79 Prozent in gynäkologischen Praxen und 18 Prozent ambulant im Krankenhaus. 7 Prozent der Frauen ließen den Eingriff in einem Bundesland vornehmen, in dem sie nicht wohnten.

Deutschland hat damit die weltweit niedrigste Rate an Schwangerschaftsabbrüchen bei Teenagern und eine der weltweit niedrigsten Raten an Schwangerschaftsabbrüchen überhaupt.

Mit großer Besorgnis sehen die Berufsverbände der Frauenärzte daher der Einführung der Rezeptfreiheit für die Notfallverhütung entgegen.

Ihnen zufolge geben die derzeit festgelegten Inhalte für die Beratung in den Apotheken Anlass zu der Befürchtung, dass die Abbruchraten als Folge einer lückenhaften Aufklärung künftig ansteigen könnten. Denn in den Handlungsempfehlungen für die Beratung, die die Bundesvereinigung der Apothekerverbände (ABDA) für die Apotheken herausgegeben hat, seien grundlegende Beratungsinhalte nicht enthalten.

Dazu zählten im Wesentlichen die nachlassende Wirkung der Wirkstoffe bei einem Körpergewicht von über 90 kg. Auch sei eine Kupferspirale das Mittel der Wahl, wenn der Zeitpunkt des ungeschützten Sex bereits länger verstrichen ist. Insbesondere die Kupferspirale werde in den Unterlagen der Apothekerkammern jedoch überhaupt nicht erwähnt. Sie sei jedoch in jedem Fall die sicherste Notfallmaßnahme nach ungeschütztem Sex.

Zudem müssen Mädchen und Frauen unbedingt bis zum Eintreten der nächsten Monatsblutung mit einer Barrieremethode wie Kondom oder Diaphragma verhüten, da die Pille nicht mehr wirkt, wenn eine Notfallverhütung verwendet wurde. Ebenso wenig schützt die Notfallverhütung bei weiteren, späteren ungeschützten Sexualkontakten im gleichen Zyklus.

Gynäkologen befürchten, dass diese unverzichtbaren Informationen in den Apotheken nicht in jedem Fall mit der gebotenen Dringlichkeit an Mädchen und Frauen weitergegeben werden. Eine fehlerhafte Beratung erhöhe jedoch die Gefahr unerwünschter Schwangerschaften dramatisch.

Zudem schließe die vorgesehene Regelung zur Abgabe der Notfallverhütung Missbrauch nicht ausreichend aus. Nach derzeitigem Stand kann das Arzneimittel auch durch Dritte gekauft werden; eine persönliche und vertrauliche Beratung der betroffenen Frau würde dann unterbleiben. Gerade nach einem Gewaltdelikt innerhalb gefestigter sozialer Strukturen berge dies erhebliches Gefahrenpotential für die betroffenen Mädchen und Frauen.

Auch Vorratshaltung könne mit dem jetzigen Modell nicht ausgeschlossen werden. UPA ist jedoch nur bei Einnahme einer einzigen 30-mg-Dosis sicher. Wenn es höher dosiert wird und bereits eine Schwangerschaft vorliegt, so besteht die Gefahr lebensbedrohlicher Blutungen. Eine solche Komplikation könnte ausgeschlossen werden, wenn das Arzneimittel bereits in der Apotheke eingenommen werden müsste.

„Noch haben die Apotheker es in der Hand, bis zur Einführung der Rezeptfreiheit und auch nach diesem Stichtag alle von uns vorgebrachten Bedenken aufzunehmen und in den Beratungsunterlagen für die Apotheken zu berücksichtigen“, betonen die drei Verbands- bzw. Fachgesellschafts-Präsidenten Christian Albring (Berufsverband der Frauenärzte), Diethelm Wallwiener (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe) sowie Thomas Rabe (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin). „Wir appellieren an den Vorstand der ABDA, die Curricula, die Handlungsempfehlungen und die Checklisten für die Dokumentation kurzfristig zu überarbeiten. Die Sicherheit der Mädchen und Frauen und die Verhütung unerwünschter Schwangerschaften sollten an erster Stelle stehen. Es ist nicht sinnvoll, Informationen zurückzuhalten, die in dieser Situation von großer Bedeutung wären.“

Die drei Institutionen unterstützen zudem die Forderung der Bundesärztekammer, die Einführung der Rezeptfreiheit für die Notfallverhütung über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg durch eine Evaluation zu begleiten. Zwischenberichte sollten in jährlichem Abstand vorgelegt werden.

Mit einer solchen Evaluation könnte überprüft werden, ob die Einführung der Rezeptfreiheit Sicherheitsrisiken für Mädchen und Frauen mit sich bringt. Es könnten dann Maßnahmen getroffen werden, um diese möglichen Sicherheitslücken aufzudecken und zu schließen.

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