Arbeitsmarkt

Gesunde Mitarbeiter kennen die eigene Belastungs-Grenze

Wenn Anforderungen steigern, müssen Angestellte darauf Acht geben, ihr Arbeitsverhalten nicht zulasten ihrer Gesundheit anzupassen. Krankschreibungen und Ausfälle aufgrund von Stress und Burnout schaden nicht nur der Belegschaft, sondern führen einen hohen wirtschaftlichen Schaden herbei. Wer seine Überforderung offen kommuniziert, gibt dem Unternehmen die Möglichkeit, zu steuern.

Wer seine persönliche Belastungsgrenze erreicht hat, muss dies offen kommunizieren. (Foto: Wolfgang Pfensig  / pixelio.de)

Wer seine persönliche Belastungsgrenze erreicht hat, muss dies offen kommunizieren. (Foto: Wolfgang Pfensig / pixelio.de)

Überarbeitete Mitarbeiter und ausgebrannte Manager tragen zum Teil selbst Schuld an ihrer Misere. Ein hoher Stresslevel fördert selbstgefährdendes Verhalten, belegt eine Studie. Steigende Zielvorgaben können nicht nur die Gesundheit der Beschäftigten beeinträchtigen, sondern auch ein für den Mitarbeiter selbst schädliches Verhalten fördern. Krankmeldungen und oder gar Kündigungen führen zu einem hohen volkswirtschaftlichen Schaden.

Freiheiten am Arbeitsplatz haben auch ihren Preis. Wer sich seine Arbeitszeit selbst einteilen kann, neigt auch dazu, mehr zu arbeiten, als ihm gut tut. Damit wächst bei vielen die Gefahr, dass sie sich gesundheitlich gefährden, ergibt eine Studie des Gesundheitsmonitors von Bertelsmann Stiftung und Barmer GEK. Demnach legt knapp ein Viertel der Vollzeit-Beschäftigten in Deutschland ein Tempo vor, das es langfristig selbst nicht durchzuhalten glaubt. 18 Prozent erreichen oft die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit, auf Pausen verzichten 23 Prozent. Jeder Achte erscheint krank im Unternehmen.

Selbstgefährdendes Verhalten äußert sich neben dem Verzicht auf Erholung im übermäßigen Konsum von scheinbar die Leistung steigernden Substanzen, wie Nikotin, Medikamenten oder dadurch, dass Sicherheits-, Schutz- und Qualitätsstandards unterlaufen werden.

Das kann dazu führen, dass kranke Angestellte gesunde Kollegen anstecken und so zu einer Eskalation des Problems führen. Der daraus entstehende volkswirtschaftliche Schaden ist immens: Mit einer durchschnittlichen Arbeitsunfähigkeit von 15,0 Tagen je Arbeitnehmer gab es im Jahr 2013 insgesamt 567,7 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage, berichtet die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) Ausgehend von diesem Arbeitsunfähigkeitsvolumen schätzt die BAUA die volkswirtschaftlichen Produktionsausfälle auf insgesamt 59 Milliarden Euro. Der Ausfall an Bruttowertschöpfung beläuft sich auf103 Milliarden Euro.

Volkswirtschaftliche Ausfälle im Wirtschaftszweig Öffentliche und private Dienstleistungen äußern sich in verschiedenen Krankheitsbildern Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes sind für 21,6 Prozent der Fehltage verantwortlich und führen zu einem Schaden von 4,34 Milliarden Euro. Erkrankungen des Atmungssystems entsprechen 14,5 Prozent der Fehltage, der Ausfall der Wertschöpfung beträgt 2,9 Milliarden Euro. Psychische und Verhaltensstörungen machen 13,2 Prozent der Arbeitsunfähigkeitstage aus und verursachen einen Schaden von 2,65 Milliarden Euro (Bruttowertschöpfung).

Während viele Angestellte sich nach neuen Herausforderungen sehnen und neue Aufgaben zu schätzen wissen, sind wachsende Anforderungen für andere wiederum ein Problem. Jeder Mitarbeiter kommt irgendwann an eine Grenze der Belastbarkeit. Wichtig ist es, diese Grenze zu erkennen und zu kommunizieren. Vielen fällt das nicht leicht. 42 Prozent der Befragten geben an, dass ihr Arbeitsumfeld durch steigende Leistungs- und Ertragsziele geprägt ist. Jeder Dritte weiß nicht mehr, wie er die wachsenden Ansprüche im Betrieb bewältigen soll. Dadurch komme es leicht zu einer Überforderung, bilanziert die Studie. Werden die Vorgaben dennoch erfüllt, gelte die übersprungene Messlatte schnell als neuer Standard.

Dass er dieser Spirale selbst entrinnen kann, glaubt nur jeder zweite Arbeitnehmer. 51 Prozent der Befragten geben an, keinen oder nur geringen Einfluss auf ihre Arbeitsmenge zu haben; über 40 Prozent sagen das auch über ihre Arbeitsziele.

Dabei bleibt es jedem Mitarbeiter überlassen, sich Hilfe im Betrieb zu holen. Unterstützung durch die Kollegen ist der erste Schritt, den man unternehmen kann, um einer Überlastung entgegenzuwirken. Das erfordert zwar Mut, jedoch ist man als Angestellter auf der sicheren Seite, wenn man deutlich um Hilfe bittet und den gesteigerten Arbeitsaufwand verbalisiert. Unter Umständen wissen Mitarbeiter und Vorgesetzte gar nicht, wie sehr zusätzliche Aufgaben Mitarbeiter belasten. Kommunikation ist dabei der erste Schritt zur Lösung.

Wenn die Kollegen selbst ausgelastet sind, muss das Management reagieren. Es „kann die Leistungskultur maßgeblich beeinflussen und durch realistische Arbeitsziele ein gesünderes Arbeitsumfeld schaffen“, sagt Brigitte Mohn aus dem Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Dabei ist es für die Personalabteilung hilfreich, von der Belegschaft die Belastung wiedergespiegelt zu bekommen. Sie kann reagieren und neue Kräfte einstellen oder Prozesse auslagern. Arbeitnehmer, die aufgrund hoher Belastungen ausfallen und aus Scheu nichts sagen, führen keinerlei Änderungen herbei.

Im künftigen Präventionsgesetz der Bundesregierung sind nationale Präventionsziele vorgesehen, die auf die Bedürfnisse in der Arbeitswelt eingehen und vor allem die psychische Gesundheit fördern sollen. Krankheiten sollen vermieden werden, indem ihnen ihre Grundlage entzogen wird. Doch die neuen Rechtsvorschriften seien im Grunde überflüssig, so Barmer GEK-Vorstand Christoph Straub: „Wir brauchen in Unternehmen eine Kultur, die Gesundheit als Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg anerkennt und fördert.“

Dazu gehören regelmäßige, offene, verbindliche und realistische Zielvereinbarungsgespräche. Wenn die vereinbarten Ziele innerhalb der vertraglichen Arbeitszeit erreichbar sind, wird selbstgefährdendes Verhalten reduziert. Aber auch die Beschäftigten selbst könnten zur Entlastung beitragen, betont Gert Kaluza vom GKM-Institut in Marburg. Es sei daher besonders wichtig, dass Arbeitnehmer ein Gefühl für die eigenen Grenzen entwickelten, damit sie ihr Leistungspotenzial auch langfristig optimal ausschöpfen könnten.

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *