Medizintechnik

Apple und Google steigen in die medizinische Forschung ein

Die IT-Unternehmen Apple und Google steigen in die medizinische Forschung ein. Neue Software gibt Apple-Nutzern die Möglichkeit, ihre Daten aus Gesundheits-Apps direkt für medizinische Forschung zur Verfügung zu stellen. Durch die Rekrutierung von Studienteilnehmern hat es auch Google in den lukrativen Pharma-Markt geschafft.

Das Research-Kit von Apple hat innerhalb von 24 Stunden bereits zehntausende Nutzer als Studienteilnehmer für die Medizin-Forschung rekrutiert. (Foto: Apple)

Das Research-Kit von Apple hat innerhalb von 24 Stunden bereits zehntausende Nutzer als Studienteilnehmer für die Medizin-Forschung rekrutiert. (Foto: Apple)

Erst haben sie die Autobauer nervös gemacht, dann die Finanzdienstleister und Telekom-Firmen, jetzt mischen sie die Pharmaindustrie auf: Die US-amerikanischen IT-Konzerne Apple und Google fallen mit riesigen Schritten in den Markt für medizinische Forschung ein. Das ResearchKit, zunächst eine App-Entwickler-Plattform, gibt Apple-Nutzern neuerdings die Möglichkeit, ihre Daten aus Gesundheits-Apps direkt für medizinische Forschungen zur Verfügung zu stellen – und lockt damit die großen Forschungsinstitute als Entwickler solcher Studien-Apps an. Noch ist die Plattform kostenlos. Doch Apples Ziel sei es letztlich, durch die Hilfe bei der Erforschung von neuen Medikamenten später auch an den Einnahmen beteiligt zu werden, so ein Bericht der Financial Times.

Apples Start auf dem Markt für Medizinforschung war demnach gut: Binnen 24 Stunden nach dem Launch haben sich bereits zehntausende Apple-Nutzer freiwillig angemeldet, um die Aufzeichnungen der Gesundheitsdaten aus ihren Fitness-Apps der Forschung zu übermitteln. So viele Teilnehmer auf einen Schlag zu finden, gelang den Instituten allein bisher eher schwerlich. Die Rekrutierung ist stets eines der größten Problemfelder in der Forschung. Apple setzt nun auf seine Beliebtheit bei einer riesigen Nutzerschar und darauf, dass die Nutzer gern bei Studien mitmachen, wenn dies mit nur einem Klick möglich ist und sie zudem das Gefühl haben, etwas Gutes für die Bekämpfung von Krankheiten zu tun.

Die Anwender könnten dabei selbst entscheiden, ob sie an einer Studie teilnehmen möchten und wie ihre Daten geteilt würden, so Apple in einer Mitteilung. Wenn der Anwender die Erlaubnis gibt, können die Studien-Apps auf Daten der diversen Gesundheits-Apps, die bereits Millionen Apple-Nutzer gebrauchen, zugreifen. So können beispielsweise Gewicht, Blutdruck, Blutzuckerspiegel oder die Nutzung von Asthmasprays durch Geräte und Apps von Drittherstellern gemessen werden. Zudem kann ResearchKit darüber hinaus den Forschern den direkten Zugriff auf Beschleunigungssensor, Mikrofon, Gyroscope und GPS-Sensoren im iPhone geben, um Informationen über den Gang, die motorische Verfassung, die Fitness, Sprache und den Gedächtniszustand des Patienten zu ermöglichen.

Ein Argument für die Studien-Teilnehmersuche per App ist dabei die enorm vergrößerte Reichweite: Hunderte Millionen von iPhones im weltweiten Einsatz sollten es für Forschungsinstitute und Pharmaunternehmen erheblich einfacher machen, Teilnehmer für Langzeitstudien zu rekrutieren, weil so eine breite Auswahl der Bevölkerung erreicht werden kann und nicht nur diejenigen, die in Reichweite des jeweiligen Instituts leben. Studienteilnehmer können per Mausklick Aufgaben erledigen oder Zugriffsrechte über die App einräumen, so dass die Forscher weniger Zeit mit Datenverwaltung und mehr Zeit mit der Datenanalyse verbringen können.

„ResearchKit gibt der Gemeinschaft der Wissenschaftler Zugang zu einer vielschichtigen Bevölkerung auf der ganzen Welt und bietet mehr Möglichkeiten, Daten zu erheben, als jemals zuvor“, so Apple. Dies mache das iPhone zu einem mächtigen Werkzeug für die medizinische Forschung.

Weltweit führende Forschungsinstitute haben dieses Instrument dankend angenommen und zur Markteinführung bereits Apps mit dem Forschungs-Kit entwickelt, um Studien über Asthma, Brustkrebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Parkinson durchzuführen.

„Wir sind erfreut, die neuen ResearchKit-Werkzeuge von Apple zu nutzen, um mehr potentielle Teilnehmer ansprechen zu können und noch mehr Daten durch die einfache Nutzung einer iPhone-App zu erlangen. Die zur Verfügung gestellten Daten bringen uns bei der Entwicklung individuellerer Hilfe einen Schritt weiter“, sagt Patricia Ganz von der Fielding School of Public Health der University of California (UCLA) und Leiterin des dortigen Krebsvorsorge- und Forschungszentrums. „Der Zugang zu vielschichtigen, von den Patienten übermittelten Gesundheitsdaten hilft uns, mehr über Langzeitnachwirkungen von Krebsbehandlungen zu erfahren, und gibt uns ein besseres Verständnis der Erfahrungen von Brustkrebspatienten.“

„Wenn es darum geht, bei der Forschung bessere Diagnosen und Krankheitsvorbeugung zu erzielen, sind Zahlen alles. Durch den Einsatz von Apples neuer ResearchKit-Umgebung sind wir in der Lage, die Teilnahme über unseren lokalen Radius hinaus auszuweiten und signifikant mehr Daten zu erfassen, die uns dabei helfen zu verstehen, wie Asthma funktioniert“, sagt Eric Schadt von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai und Gründungsdirektor des dortigen Institute for Genomics and Multiscale Biology. „Durch die Verwendung der fortschrittlichen iPhone-Sensoren sind wir in der Lage, den Zustand des Asthmapatienten besser abzubilden, und das ermöglicht es uns dann, eine persönlichere, noch präzisere Behandlung durchzuführen.“

Krebs, Asthma, Diabetes: Die Zivilisationskrankheiten sind der bisherige Hauptfokus der Studien. Sie betreffen die meisten Leute – und damit lässt sich auch das meiste Geld machen. Dies dürfte auch der Zielgruppe entsprechen: Apple-Nutzer gehören gemeinhin nicht zu den ärmeren Bevölkerungsschichten. Nur iPhones ab der 5. Generation unterstützen die ResearchKit-Apps. Zudem werden sich jene, die ohnehin auf ihre Gesundheit achten, eher bewusst mit dem Thema Nutzung der Gesundheits-Apps auseinandersetzen als der Durchschnitt der Bevölkerung. Kritik kommt daher auch von Forscherseite: David Bates vom Chicago Hospital kritisiert, dass die Technologie bisher eher Fitness-Fans anspricht als etwa Menschen mit chronischen Krankheiten, die am meisten von solchen Studien profitieren könnten.

Doch Apple ist nicht der einzige Player. Auch Google hegt mit GoogleFit ähnliche Pläne und hat gemeinsam mit der DNA-Test-Firma 23andMe bereits eine Datenbank von 850.000 DNA-Proben gesammelt. Diese haben Nutzer freiwillig abgegeben und dazu noch je 99 Dollar für die Auswertung gezahlt. Zwei der größten Pharmafirmen, Roche und Pfizer, haben bereits Deals mit 23anME abgeschlossen, um diese DNA-Daten für ihre Forschung nutzen zu können. Doch Google will langfristig nicht nur zuliefern, sondern eigene Medizin entwickeln: Die Google Labs haben nicht nur bereits zusammen mit dem Pharmakonzern Novartis Insulin-messende Kontaktlinsen entwickelt, sondern längst mit der Entwicklung von eigenen Nano-Medikamenten begonnen.

Durch die Zusammenarbeit, so Novartis, könnten die beiden Branchen bahnbrechende Technologien entwickeln, um den wachsenden gesundheitlichen Bedürfnissen einer alternden Weltbevölkerung zu begegnen. Wohltätige Motive allein haben die IT-Riesen bisher jedoch selten motiviert. Google und Apple werden wohl, ähnlich wie bei ihren anderen Brancheneinstiegen etwa bei Autos oder Bezahldiensten, vor allem einen nicht unbeträchtlichen Anteil an den reichen Erträgen der Pharmabranche im Blick haben.

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