Gesundheitssystem

Ärztemangel: In Deutschland fehlen 110.000 Ärzte bis 2030

Der Ärztemangel in Deutschland wird sich in den nächsten Jahren verschlimmern. Vor allem an Hausärzten fehlt es. Die jungen Mediziner scheuen die Eröffnung einer eigenen Praxis. Sie suchen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Beruf, Familie und Freizeit in einer Festanstellung.

Deutschland muss mehr Mediziner ausbilden. (Foto: Flickr/ Katrin Morenz/CC BY-SA 2.0)

Deutschland muss mehr Mediziner ausbilden. (Foto: Flickr/ Katrin Morenz/CC BY-SA 2.0)

Im vergangenen Jahr waren in Deutschland mehr Ärzte gemeldet als 2013. Wie aus den Daten der Bundesärztekammer (BÄK) hervorgeht, erhöhte sich die Zahl der bei den Landesärztekammern gemeldeten ärztlich tätigen Mediziner im vergangenen Jahr um 2,2 Prozent auf 365.247. Doch „dieses leichte Plus reicht bei Weitem nicht aus, um die Lücken in der medizinischen Versorgung zu schließen, die sich aus einer Reihe von gesellschaftlichen Entwicklungen ergeben“, sagte Frank Ulrich Montgomery, Präsident der BÄK. Das geplante Versorgungsstärkungsgesetzt könnte zudem die weitere Schließung von Facharztpraxen in überversorgten Regionen mit sich bringen.

Die Regierung will den Ärztebedarf stärker in ländliche Regionen verlegen. In Ballungszentren wie Berlin, Hamburg und München gibt es eine Überversorgung mit Arztpraxen. Der Entwurf zum Versorgungsstärkungsgesetz sieht vor, in solchen überversorgten Regionen Praxen zu schließen und die Eröffnung einer Praxis auf dem Land zu fördern. Doch die Schließung der Praxen bringt die Gefahr mit sich, dass die Versorgung mit Fachärzten weiter ausgedünnt wird. Etwa 25.000 Arztpraxen sind Medienberichten zufolge von der Schließung bedroht.

Die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Annette Widmann-Mauz, verteidigt das Versorgungsstärkungsgesetz. Auch in überversorgten Gebieten werde es immer von der konkreten Versorgung und der Bewerberlage abhängen, ob eine Praxis nachbesetzt werde oder nicht, zitiert sie das Ärzteblatt. Darüber müsse vor Ort entschieden werden und das liege in der Verantwortung der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Krankenkassen.

Aus der Ärztestatistik geht hervor, dass sich immer mehr Ärzte für eine Anstellung und gegen die Niederlassung in einer eigenen Praxis entscheiden. Dazu planen 23 Prozent der niedergelassenen Ärzte, bis zum Jahr 2020 ihre Praxis aufzugeben. Hinzu kommt ein personeller Mehrbedarf, der aus neuen Behandlungsmöglichkeiten, vor allem aber aus dem demografischen Wandel resultiert. Die Schließung bestehender Praxen nach Gesetzesvorlage erscheint vor diesem Hintergrund widersprüchlich.

Während heute fünf Prozent der Bevölkerung älter als 79 Jahre sind, wird ihre Zahl bis zum Jahr 2060 auf etwa 13 Prozent steigen. Je älter die Bevölkerung ist, desto höher ist die Behandlungsintensität und damit die Nachfrage nach Ärzten. Von allen EU-Staaten hat Deutschland die älteste und weltweit nach Japan die zweitälteste Bevölkerung. Allein in unseren Krankenhäusern werden bis zum Jahr 2030 etwa 111.000 Ärztinnen und Ärzte fehlen, prognostiziert die Unternehmensberatung Roland Berger.

Die Prioritäten verschieben sich. „Wir haben es mit einer nachwachsenden Ärztegeneration zu tun, die berechtigte Anforderungen an ihren Arbeitsplatz stellt“, so Montgomery. „Wie zahlreiche Umfragen zeigen, legen diese jungen Ärzte großen Wert auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Beruf, Familie und Freizeit.“ Viele Ärzte wollen in Teilzeit arbeiten.

Nicht nur die Gesellschaft altert, auch die Ärzteschaft. Der Anteil der unter 35-Jährigen Ärzte im Jahr 2014 lag bei 18,3 Prozent. Zum Vergleich: Im Jahr 1993 waren noch 26,6 Prozent der Ärzte jünger als 35 Jahre. Weiterhin schrumpfte der Anteil der 40- bis 49-Jährigen von 26,6 Prozent auf 25,2 Prozent, während der Anteil der 50- bis 59-Jährigen von 28,3 Prozent auf 28,5 Prozent anstieg.

Zudem gelingt es nicht, alle in Deutschland ausgebildeten Ärzte im Land zu halten. 2.364 von ihnen wanderten 2014 aus, am liebsten in die Schweiz, nach Österreich oder in die USA. Die Zuwanderung kann die Abwanderung jedoch kompensieren. 2014 kamen 3.768 Ärzte aus dem Ausland nach Deutschland, ein Plus von 10,5 Prozent. Drei Viertel von ihnen kommen aus Europa, knapp jeder fünfte aus Asien. Die größten Gruppen bilden die Rumänen (3.857), Griechen (3.011) und Österreicher (2.695), gefolgt von den Polen (1.936).

Doch „abwehren lässt sich der Ärztemangel nur, wenn es gelingt, mehr Ärztinnen und Ärzte auszubilden. Derzeit gibt es an unseren Universitäten knapp 10.000 Medizinstudienplätze. Mindestens zehn Prozent mehr wären notwendig“, forderte Montgomery. Besonders dringend gesucht werden Hausärzte – laut KBV-Statistik wird sich ihre Zahl bis 2020 um etwa 7.000 verringern.

Aber auch bei Kinderärtzen herrscht in 75 Prozent aller Regionen Deutschlands ein Ärztemangel, berichtet das Handelsblatt. Bei Frauenärzten und Augenärzten ist die Ärztedichte ähnlich gering.

Im Versorgungsstärkungsgesetz ist genau geregelt, wie die Abwicklung und Schließung von Arztpraxen auszusehen hat. Doch Entwürfe für die Schaffung und Förderung von Arztpraxen in unterversorgten Regionen verläuft noch weitgehend planlos. Arztpraxen in wohlhabenden und überversorgten Regionen könnten aufgekauft und in die weniger gut versorgte Vorstadt verlegt werden. Wie die niedergelassenen Ärzte dazu gebracht werden sollen und welche Praxen ausgewählt werden, ist unklar. Zudem ist die Planung für den Bedarf an Praxen in ländlichen Gebieten umstritten. Das Gesetz zur Verstärkung der Versorgung droht damit zu einem Gesetz zu werden, dass die medizinische Versorgung in Deutschland ausdünnt.

 

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