Ernährung

Wer Massentierhaltung beenden will, muss mehr für Fleisch zahlen

Ein Gutachten macht klar: Wenn die Konsumenten bessere Tierhaltung wollen, müssen sie höhere Fleischpreise bezahlen. Die Massentierhaltung ist nämlich in erster Linie dazu eingeführt worden, den Konsumenten mehr und billigeres Fleisch zu verkaufen. Die Preise für Fleisch könnten bis zu 20 Prozent steigen.

Das Bewusstsein gegen Massentierhaltung wächst. (Foto: Flickr/daniel.stark/CC BY 2.0)

Das Bewusstsein gegen Massentierhaltung wächst. (Foto: Flickr/daniel.stark/CC BY 2.0)

In einem Gutachten für die Bundesregierung hat der Wissenschaftliche Beirat Agrarpolitik WBA zahlreiche Leitlinien zusammengestellt. Bei der Umsetzung dieser würden für die Landwirte und Tierzüchter jährliche Mehrkosten in Höhe von drei bis fünf Milliarden Euro entstehen. Um einen besseren Tierschutz jedoch tatsächlich umsetzen zu können, müssen sich den Gutachtern zufolge auch die Politik und die Verbraucher beteiligen.

Die Produktionskosten der Landwirte für Fleisch machen 25 Prozent des Endpreises aus. Unter dieser Maßgabe würden sich die Verbraucherpreise durch einen verbesserten Tier- und Umweltschutz um drei bis sechs Prozent erhöhen.

„Dies entspricht größenordnungsmäßig der bekundeten Zahlungsbereitschaft eines erheblichen Teils der Bevölkerung, die jedoch aufgrund fehlender Konzepte und der internationalen Marktintegration zurzeit nicht realisiert wird“, heißt es in dem Gutachten. „Ohne politische Begleitmaßnahmen würde eine solche Kostensteigerung aufgrund des Wettbewerbsdrucks in der durch Kostenführerschaft geprägten Fleisch- und Milchwirtschaft zur Abwanderung von Teilen der Produktion in Länder mit geringeren Tierschutzstandards führen, wodurch die Tierschutzziele konterkariert würden.“

70 Prozent der Bevölkerung würde sogar für eine bessere Tierhaltung einen leichten Aufschlag auf die Preise akzeptieren: Also ein 250g-Kotelett für 3,00 € statt 2,49 €:

„5 € und mehr, was einem Aufschlag von 100 % entspricht und heute für Biofleisch im Markt typisch ist, würden jedoch nur noch ein sehr geringer Anteil (6,2 %) der Konsumenten/Konsumentinnen bezahlen. Tierschutzprodukte, die ein größeres Marktsegment erreichen wollen, müssen sich daher in einem mittleren Preissegment von rund 20 bis 30 % oberhalb des Vergleichspreises bewegen. Zahlungsbereitschaften für Tierschutz sind bei Frischfleisch höher als bei Wurst oder Convenience-Gerichten.“

Landwirtschaftliche Betriebe mit Haltungsplätzen für Schweine und Legehennen am 01.03.2010 nach Haltungsverfahren. (Grafik: Gutachten)

Landwirtschaftliche Betriebe mit Haltungsplätzen für Schweine und Legehennen am 01.03.2010
nach Haltungsverfahren. (Grafik: Gutachten)

Das Gutachten empfiehlt der Bundesregierung die Abkehr von der Massentierhaltung. Es kommt zu interessanten Detail-Erkenntnissen: Die Kritik an einer nicht artgerechten Tierhaltung kommt vor allem von der wohlhabenderen Schicht, die es sich offenkundig eher leisten kann, teureres Bio-Fleisch zu kaufen:

„Die Infragestellung einer produktivitätsorientierten Land- und Ernährungswirtschaft ist bei Fragen der Tierhaltung besonders ausgeprägt. Zudem sind es eher meinungsstarke Gruppen der Gesellschaft, von denen die Kritik ausgeht (einkommensstärker, höheres Bildungsniveau, höheres Interesse an landwirtschaftlichen Themen). (…) Die Menge und Art des Fleischkonsums wird in Deutschland von einer Vielzahl soziodemographischer Faktoren (wie Einkommen, Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht, Alter, Geschlecht) beeinflusst, wobei Geschmacksvorlieben und psychologische Determinanten (Einstellungen, Werte) zunehmend an Bedeutung gewinnen.“

Daher ist klar: Besserer Tierschutz hat seinen Preis, und den sollen nach Einschätzung der Gutachter künftig auch die Konsumenten zahlen, wenn eine Abkehr von der Massentierhaltung tatsächlich gesellschaftlich gewünscht ist. Hinsichtlich einer Preiserhöhung spielt die Art des angebotenen Fleisches eine Rolle. Je stärker das Fleisch verarbeitet wurde, je weiter es ersichtlich von einem Tier stammt, umso weniger sind die Menschen bereit zu  zahlen. Das führt dazu, dass der Preisaufschlag bei Frischfleisch höher angesetzt werden muss, um die anderen Fleischprodukte subventionieren zu können.

Die Anhebung der Verbraucherpreise könnte aber je nach Tragweite der Tierschutzmaßnahmen noch höher ausfallen. Würde der Tierschutzstandard in der ganzen EU erhöht, würden beispielsweise die Schweinefleischpreise in der EU laut Gutachten „um bis zu 20 Prozent und die Preise für Geflügel, Eier und Rindfleisch um bis zu 14 Prozent steigen.“

Der Blick in die Preise von Fleisch in Bioläden (bis zu 200% teurer) zeigt die derzeitige Problematik hinsichtlich angemessener Tierhaltung:

„Am Markt ist die Umsetzung höherer Tierschutzstandards bisher an der Kleinstmengen- und Kuppelproduktionsproblematik gescheitert. Die Diskrepanz zwischen Mehrkosten für die Tierhaltung und den Verbraucherpreisen ist enorm. Aufgrund der Kuppelproduktionsproblematik sowie der hohen Verarbeitungs- und Vermarktungskosten werden Tierwohlprodukte derzeit zu ‚Luxusartikeln‘ für eine hoch motivierte und ausgesprochen zahlungskräftige Zielgruppe. Ein durchschnittlicher Haushalt, der heute sein Fleisch nur aus besonders tiergerechter Produktion kauft, verdoppelt seine Ausgaben in dieser Warengruppe von ansonsten ca. 50 auf rund 100 € je Monat und damit von rund 2 auf 4 % der durchschnittlichen Haushaltsausgaben.“ Gleichzeitig führt der Konkurrenzkampf unter den Discountern zu massiven Preissenkungen für Lebensmittel wie Fleisch und Milch.

Die Gutachter fordern einen radikalen Neuanfang. Der Wissenschaftliche Beirat Agrarpolitik WBA will zahlreiche Aspekte der Tierhaltung verbesser, unter anderem:

„(1) Zugang aller Nutztiere zu verschiedenen Klimazonen, vorzugsweise Außenklima, (2) Angebot unterschiedlicher Funktionsbereiche mit verschiedenen Bodenbelägen, (3) Angebot von Einrichtungen, Stoffen und Reizen zur artgemäßen Beschäftigung, Nahrungsaufnahme und Körperpflege, (4) Angebot von ausreichend Platz, (5) Verzicht auf Amputationen, (6) routinemäßige betriebliche Eigenkontrollen anhand tierbezogener Tierwohlindikatoren, (7) deutlich reduzierter Arzneimitteleinsatz, (8) verbesserter Bildungs-, Kenntnis- und Motivationsstand der im Tierbereich arbeitenden Personen und (9) eine stärkere Berücksichtigung funktionaler Merkmale in der Zucht.“

Um den Tierschutz in der Tierhaltung tatsächlich grundlegend verbessern zu können, rechnen die Gutachter bei der Umsetzung dieser Leitlinien mit Mehrkosten von etwa 13 bis 23 Prozent, also insgesamt etwa 3 bis 5 Milliarden Euro jährlich. Aus diesem Grund wird auch die Politik zu entsprechenden Maßnahmen aufgefordert. Nur so könne ein verbesserter Tierschutz überhaupt umgesetzt werden. So sollen in den Bundesländern die Kontrollen verbessert und öfter durchgeführt werden. Und bei Nichteinhaltung der entsprechenden Regelungen zum Tierschutz müsse es stärkere Sanktionen geben, so die Gutachter.

Verteilung von Zahlungsbereitschaften für ein Tierwohlprodukt (Referenzpreis 2,49 €) in einer exemplarischen Studie. (Grafik: Gutachten)

Verteilung von Zahlungsbereitschaften für ein Tierwohlprodukt (Referenzpreis 2,49 €) in einer exemplarischen Studie. (Grafik: Gutachten)

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