Digitalisierung

BDI: Krankenversicherte verhalten sich beim digitalen Wandel schizophren

Der Datenschutz in Deutschland behindert die Modernisierung des Gesundheitssystems. Dass Krankenversicherte sich gegen die elektronische Gesundheitskarte wehren, gleichzeitig aber Daten über Apps preisgeben, grenzt für BDI-Geschäftsführer Markus Kerber an Schizophrenie. Auch das geplante E-Health-Gesetz der Bundesregierung setzt keine verbindlichen Maßstäbe für die Digitalisierung des Gesundheitssystems.

Die zentrale Speicherung von Patientenakten und die elektronische Übermittlung von Rezepten sind nur zwei Baukästen des digitalen Gesundheitssystems. (Foto: Flickr/Jay Reed/CC BY-SA 2.0)

Die zentrale Speicherung von Patientenakten und die elektronische Übermittlung von Rezepten sind nur zwei Baukästen des digitalen Gesundheitssystems. (Foto: Flickr/Jay Reed/CC BY-SA 2.0)

Das Potenzial der digitalen Vernetzung der Gesundheitssysteme ist groß. Effizientere Abrechnung, weniger Doppeluntersuchungen und eine verbesserte Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten durch die elektronische Patientenakte sind nur einige Vorteile, die die Befürwortung eines digital vernetzten Gesundheitssystems anführen. Axel Wehmeiner von der Deutsche Telekom Healthcare & Security Solutions und Vorsitzender des Arbeitskreises E-Health bei BITKOM nennt die digitale Vernetzung eine „strategische Antwort auf den demografischen Wandel“.

Auf einer Veranstaltung des BDI-Ausschusses für Gesundheitswirtschaft, auf dem mehrere Experten zu dem Thema Vorträge hielten, wurde der Nachholbedarf Deutschlands in dem Bereich deutlich: Nur 6 Prozent der Akutkliniken in Deutschland sind Teil der übergreifenden IT-Gesundheitsnetzwerke. In Dänemark und der Schweiz sind es weit über 50 Prozent. Auch die Hausärzte rangieren weit unterhalb des EU-Durchschnitts. Am größten sind die Rückstände in der Telemedizin und im Austausch digitaler Patientenakten.

Der BDI kritisiert die Versicherten und macht die Politik für diesen Nachholbedarf verantwortlich: „Die Politik muss die Wachstumsbremsen endlich lösen“, sagte Markus Kerber, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), am vergangenen Donnerstag in Berlin. Die elektronische Gesundheitskarte bleibe vorgeblich wegen des Datenschutzes weit hinter ihren technischen Möglichkeiten zurück. „Derweil nutzen die Bürger begeistert Apps auf ihren Smartphones und geben persönlichste Daten preis“, sagte Kerber. „Diese Schizophrenie gehört schleunigst beendet.“

Kerber forderte ein Bekenntnis der Politik zur Digitalisierung der Gesundheit als ressortübergreifende Aufgabe. Moderne Lösungen der Industrie böten greifbare Vorteile, etwa eine höhere Diagnose- und Therapiesicherheit, effektiveres Arbeiten und zufriedenere Patienten. Digitale Instrumente wie die Telemedizin müssten hierzulande flächendeckend eingesetzt werden können.

Tatsächlich lässt sich Kerbers angesprochene „Schizophrenie“ gut darstellen: Trotz großer Skepsis aufgrund von Datenschutzfragen bei der Gesundheitskarte verwenden Patienten das Internet zunehmend im Kontext ihrer individuellen Bedürfnisse und ihrer ärztlichen Therapie, zeigt die Umfrage „EPatient Survey 2015“. In Deutschland entsteht eine ganze Startup Branche zum Thema Internetmedizin. Fast die Hälfte der Befragten gab an, die Anweisungen ihres Arztes zu ihren Medikamenten aufgrund von Informationen aus dem Netz besser zu verstehen und zu befolgen. Insgesamt sagen 38 Prozent, das Internet habe ihnen im Alltag und im Umgang mit ihrer Erkrankung seelisch, beruflich und praktisch geholfen. Jeder dritte gab an, durch eine App für seine Medikamente mit der regelmäßigen Einnahme besser umgehen zu können. Circa 40 Millionen Deutsche können aktuell über mehr als 8.000 Webdienste und Apps zu Gesundheitsthemen verfügen. Patienten möchten Medikamenten-Apps lieber von ihrem Arzt (57%) oder ihrer Krankenversicherung (38%) erhalten als von Google oder App-Stores. Von den Krankenversicherungen wünschen sie sich außerdem geprüfte Übersichten zu empfehlenswerten Webseiten und Apps. Potential zeigt die Studie auch für Online-Dienste zur Vereinbarung von Arztterminen sowie für digitale Gesundheitsakten, in denen die eigenen Behandlungsdaten zusammen mit Röntgenbildern, Arztbriefen, etc. gesammelt werden. Rund ein Drittel der Befragten wünscht sich solche Angebote. Und immerhin 16 Prozent würden nach Klinik- und Reha-Aufenthalten gern eine digitale Nachsorge in Anspruch nehmen, etwa in Form von App-gestützten Lernprogrammen zu ihrer Krankheit, um die weitere Behandlung nach der Entlassung zu optimieren.

Skepsis gegen digitale Gesundheitssysteme ist "schizophren", wenn Versicherte ihre Daten freiwillig über Apps preisgeben, so der BDI. (Foto: Flickr/Nicola since 1972/CC BY 2.0)

Skepsis gegen digitale Gesundheitssysteme ist „schizophren“, wenn Versicherte ihre Daten freiwillig über Apps preisgeben, so der BDI. (Foto: Flickr/Nicola since 1972/CC BY 2.0)

In den USA ist diese Skepsis gegen die Digitalisierung des Gesundheitssystems nicht vorhanden. Dort wurde ein Anreizsystem geschaffen für die Förderung von IT in Gesundheitseinrichtungen. So wurden in das Telematik-System der USA 30 Milliarden US-Dollar gepumpt, zur Neueinführung zertifizierter IT-Systeme. In der Folge haben sich Einsatz und Bedeutung von IT in US-amerikanischen Arztpraxen in den vergangenen fünf Jahren von 30 auf 75 Prozent mehr als verdoppelt.

In Österreich gibt es seit 2014 ein Informationssystem, das Patienten, Ärzte, Spitäler, Pflegeeinrichtungen und Apotheken den Zugang zu Gesundheitsdaten erleichtert. Das Projekt ELGA soll in den nächsten Jahren weiter in öffentlichen Krankenhäusern, bei Kassenärzten und Apotheken und ab 2017 auch in privaten Krankenanstalten installiert werden.

In Dänemark gibt es ein Zentrales Portal, auf dem die Bürger Zugang zu ihrer persönlichen Krankengeschichte haben. Sie können Informationen bis zum Jahr 1977 einsehen, Formulare ausfüllen, Kontaktdaten von Ärzten abrufen und medizinische Informationen erhalten. Mitarbeiter des Gesundheitswesens können über das gleiche System Zugang zur elektronischen Fallakte und zu Labordaten bekommen. 70 Prozent der gesamten Kommunikation wird über das System Sundhed.dk abgewickelt. 84 % der Arztbriefe der Krankenhäuser werden elektronisch übermittelt. Fast alle Laborresulte werden in dem System erfasst. Alle Rezepte werden automatisch an die Apotheken weitergeleitet.

Auf der europäischen Ebene gibt es epSOS. Das System soll Ärzte mit Informationen über Patienten aus anderen Ländern Europas versorgen. Erklärtes Ziel ist die Verbesserung der Qualität der medizinischen Versorgung in Europa. Mehrfachuntersuchungen sollen vermieden werden können. Bereits 25 Staaten nehmen an dem System teil – darunter Spanien, Frankreich, Österreich, Italien und Griechenland – epSOS wird schon seit 2012 in einem Pilotbetrieb getestet. Über 250 Gesundheitseinrichtungen nehmen an dem Projekt teil.

Deutschland isoliere sich in Europa, so Wehmeier in seinem Vortrag. Es gibt keine funktionierende Telematikstruktur, keine verbindlichen Standards, an denen sich die Bundesrepublik beiteiligt, keine elektronische Patientenakte und keine elektronisch übermittelten Rezepte. Das geplante E-Health-Gesetz der Bundesregierung enthält keinen Bezug zum europäischen epSOS-System. Des Weiteren wird in dem für 2016 angekündigten Gesetz nicht festgelegt, wann verbindliche Standards, die ePatientenakte und das eRezept eingeführt werden sollen.

Bislang gibt es über 300 kleine, nicht nahhaltige Projekte in Deutschland, die die Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems in einzelnen Bereichen testen. Das sind zu viele Systeme. Das Projekt Carus Consil Sachsen (CCS) will einen Lösungsansatz ab dem dritten Quartal 2015 bereitstellen: eine Anwendungsoffene Telemedizin-Plattform mit standardisierten Schnittstellen soll die einzelnen Projekte miteinander verbinden können.

Der Ansatz ist richtig, nur dauert es in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wesentlich länger, bis sich datenschutzrechtliche Bedenken beiseite wischen lassen und Platz geschaffen wird, für medizinische Innovationen.

Kommentare

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  1. Das ich mich auf einen Datentausch freiwillig einlasse nachdem ich die AGBs gelesen hab ist eine sache, wenn ich durch Staatsgewalt dazu gezwunge werde ist etwas ganz anderes. Das hat mit Schizophrenie aber so gar nichts zu tun.

  2. Hallo,
    wir haben die wahrscheinen langweiligste App für die schlimmsten Fall, den menschlichen Krankenmanager. Der Datenschutz ist komplett in der Hand des Menschen, er hat mit der MedisApp die Datenhoheit. Er allein ist dafür verantwortlich.
    Chinesische Investoren haben schon dieses deutsche StartUp(beteiligt über ein Booster sind SAP, Land Baden-Württemberg und Stadt Walldorf) besucht und sind stark interessiert.
    Nun wieder ausländische Investoren, welche deutsche Ideen und KnowHow vor der zurückhaltenden deutschen Kleinkariertheit und Geizigkeit wegschnappen.