Gesundheitswirtschaft

Qualität deutscher Pflegeeinrichtungen ist nicht messbar

Einer Umfrage zufolge zweifeln 58 Prozent der Deutschen an der Qualität der Pflege in Deutschland. Die Bundesregierung will das „unnütze“ Benotungssystem der Pflegeeinrichtungen abschaffen. Tatsache ist: Es fehlt an Fachkräften und die Qualifizierung der Angestellten kostet Geld. Eine Pflegereform kann das nicht ausblenden.

Blick in das Zimmer einer Seniorenresidenz in Brühl. Die Fürsorge und der respektvolle Umgang mit Pflegeangehörigen lassen sich nicht messen. (Foto: Flickr/ Michael Panse/CC BY-ND 2.0)

Blick in das Zimmer einer Seniorenresidenz in Brühl. Die Fürsorge und der respektvolle Umgang mit Pflegeangehörigen lassen sich nicht messen. (Foto: Flickr/ Michael Panse/CC BY-ND 2.0)

Die Deutschen zweifeln an den Qualitätskriterien, mit denen Pflegeeinrichtungen bewertet werden. Zwar haben drei Viertel positive Erfahrungen mit solchen Einrichtungen gemacht, doch 58 Prozent sind einer Umfrage zufolge besorgt, dass die Qualität der Pflege zu wünschen übrig lässt, zeigt die Studie der Deutschen Gesellschaft für Qualität (DGQ), bei der 1.000 Menschen befragt wurden.

Besonders schlecht schloss der sogenannte Pflege-TÜV der Bundesregierung ab. Demnach werden Einrichtungen mit Noten versehen, um dessen Qualität zu bemessen. Die DGQ-Umfrage, die den Deutschen Gesundheits Nachrichten vorliegt, ergibt, dass 41 Prozent der Befragten daran zweifeln, dass die Qualität der Pflege überhaupt messbar ist. Einen respektvollen Umgang mit Pflegebedürftigen kann man nicht so einfach kategorisieren und in Zahlen umwandeln. Die notenbasierte Bewertung sei daher nur wenig aussagekräftig, so die Studie.

Nur jeder vierte Befragte ist mit den Regeln des Pflege-TÜVs überhaupt vertraut. Daher spielt auch das Qualitätssiegel bei der Auswahl der Pflegeeinrichtung kaum eine Rolle. Die DGQ urteilt zudem, dass es im Pflegesystem an Reformen und Fachkräften fehle. „Es fehlt an Transparenz. Die Qualität leidet. Pflegebedürftige und ihre Angehörigen haben das Vertrauen verloren.“ Es bestehe zudem deutlicher Informationsbedarf in Bezug auf die Transparenz bei Pflege-TÜV und bei der Messbarkeit von Qualität in der Pflege.

Doch es gibt auch gute Neuigkeiten: Neue Formen des betreuten Wohnens für Senioren sind gefragt. Etwa die Hälfte der Befragten würde Angebote wie „Betreutes Wohnen“ in einem Wohnkomplex mit professioneller Pflege in Anspruch nehmen. Die Mehrheit der Deutschen (63 Prozent) hätte keinerlei Probleme damit, zuhause von einer ausländischen Pflegekraft betreut zu werden. Die Qualität der Pflege muss auch bei diesen alternativen Formen gewährleistet sein, damit rückt die Qualifizierung der Pflegekräfte näher ins Zentrum einer Pflegereform.

Nach der Qualifikation des Pflegepersonals (55,1%) sind die Kosten für Pflegebedürftige das wichtigste Entscheidungskriterium (41,9%). Der Zugang zu ärztlicher Versorgung ist für 35,9 Prozent besonders wichtig. Jeder dritte Befragte gibt an, dass sympathisches Pflegepersonal für die Auswahl der Pflegeeinrichtung entscheidend ist (33,5%).

Das Vertrauen in Pflegeeinrichtung müsse wiederhergestellt werden, so die DGQ. Die unnützen Bewertungskriterien der Einrichtungen machen es unabdingbar, sich selbst vor Ort ein Bild vom Pflegeinstitut zu machen, das man selbst nutzen oder seinen Angehörigen nahelegen will. Doch viele wissen scheinbar nicht, nach welchen Kriterien sie schauen müssen. „Die Studie zeigt, dass es vielen Verbrauchern an Orientierung und Vertrauen in die Qualität der Pflege fehlt“, sagte Udo Hansen, Präsident der DGQ, dem Ärzteblatt.

Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange der Patienten sowie Bevollmächtigter für Pflege, Karl-Josef Laumann, hat angekündigt, die Pflegenoten abschaffen zu wollen. „Die Pflegenoten sind gescheitert. Bundesgesundheitsminister Gröhe hat mich gebeten, ein aussagekräftigeres System für Qualitätsprüfungen in Pflegeeinrichtungen zu erarbeiten“, teilte Laumann im April mit.

Die Pflegenoten sollen durch eine gesetzliche Regelung zum 1. Januar 2016 ausgesetzt werden, da sie keinen echten Qualitätsvergleich zwischen Einrichtungen ermöglichen. Gleichzeitig soll die Übergangslösung gelten, dass Kassen und Pflegeeinrichtungen die Prüfergebnisse des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen in der bisherigen Form weiterhin veröffentlichen.

Die Durchschnittsnote der Pflegeeinrichtungen liegt bei 1,3 und Laumann zufolge „keine Aussagekraft“. Stattdessen soll eine Kurzzusammenfassung des Prüfberichtes der Medizinischen Dienste veröffentlicht werden. Der GKV-Spitzenverband erhält den gesetzlichen Auftrag, bis Ende 2015 einheitliche Vorgaben für die Prüfzusammenfassung zu erlassen, sodass ein Vergleich der Einrichtungen durch die Verbraucher ermöglicht wird.

Die Abschaffung des Notensystems ist nur der erste Schritt. Viel schwieriger erscheint die Konzeption messbarer Kriterien, an denen die Qualität von Pflege und Betreuung festmacht werden soll. Um sicherzustellen, dass die neuen Kriterien nicht interessengeleitet sind, sollen sie auf wissenschaftlichen Grundlagen basieren. Dazu soll ein neues Pflegequalitätsinstitut gegründet werden. Es soll aus bereits vorhandenen Mitteln finanziert werden.

Abseits der Messung der Qualität von Pflegeeinrichtungen muss auch die Pflege durch Angehörige weiter institutionalisiert werden. Mehr als ein Drittel der Befragten (40 Prozent) würden persönliche und berufliche Nachteile in Kauf nehmen, um ihre Eltern zu Hause pflegen zu können. Weiterhin fühlen sich etwa 40 Prozent moralisch verpflichtet Angehörige selbst zu pflegen. Wenn die Angehörigen bei der Pflege durch staatliche Unterstützungsmaßnahmen stärker entlastet würden, könnten auch die Kosten der Pflege im Rahmen gehalten werden. Etwa 42 Prozent der Studien-Teilnehmer glauben, dass möglichst viele Pflegebedürftige in ihrer gewohnten Umgebung betreut werden sollten. Sie sind bereit, sich deshalb in diesem Bereich in Zukunft ehrenamtlich zu engagieren –oder tun dies bereits.

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