Finanzen

Pharmafirmen sollen Spenden an Selbsthilfegruppen offen legen

Ersatzkassen und Ärzte wollen den Einfluss der Pharmaunternehmen auf Selbsthilfegruppen eindämmen. Diese spenden oft hohe Summen, um ihre eigenen Produkte direkt an die Zielgruppe zu vermarkten, so der Vorwurf. Die Pharmafirmen verweisen auf ihre Leitsätze zur Transparenz. Doch der Druck auf die Industrie nimmt zu.

Die Ersatzkassen werfen Pharmafirmen vor, gezielt Selbsthilfegruppen zu finanzieren, deren Patienten sie auch Medikamente verkaufen wollen. (Foto: e-Magine Art/CC BY 2.0)

Die Ersatzkassen werfen Pharmafirmen vor, gezielt Selbsthilfegruppen zu finanzieren, deren Patienten sie auch Medikamente verkaufen wollen. (Foto: e-Magine Art/CC BY 2.0)

Die Selbsthilfe erhält einen beträchtlichen Teil ihrer finanziellen Mittel von der Pharmaindustrie. Dabei ist nicht immer klar, wie hoch die Spenden sind und welchen Einfluss sich die Pharmafirmen damit sichern. Das soll sich nun ändern. Ersatzkassen, Vertreter der Patientenselbsthilfe und Ärzte fordern auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin mehr Transparenz bei den Zuwendungen der Pharmaindustrie an die Selbsthilfe.

Jedes Jahr fließen schätzungsweise 5,6 Milliarden Euro von der Pharmaindustrie in Richtung der Selbsthilfegruppen. Die Ersatzkassen finanzieren 38 Prozent der Selbsthilfegruppen. Das entspricht 45 Millionen Euro jedes Jahr – ein deutlicher Unterschied und der Hauptgrund für die Bedenken der Einflussnahme der Pharmaindustrie. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AKdÄ), gibt im Ärzteblatt zu bedenken, dass die Pharmaindustrie den Patienten als „Kunden“ betrachte, um die Nachfrage nach Arzneimitteln, Produkten oder Verfahren zu steigern und schneller im Markt zu verbreiten.

Die AKdÄ fordert zudem eine zentrale Kontrolle der Patienteninformationen und Werbeanzeigen der Pharmaindustrie. Eine unabhängige Organisation könne für Transparenz sorgen.

Von einigen Stellen wird sogar gefordert, das Sponsoring der Industrie an die Selbsthilfegruppen ganz einzustellen und das Geld stattdessen in einen Fonds zu überführen. Das Geld von spendenwilligen Unternehmen könne in dem Fonds anonym an die Gruppen verteilt werden, schlägt Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des Verbands der Ersatzkassen (vdek) in einem Bericht der Ärztezeitung vor. Eine Einflussnahme wäre dann von vorn herein ausgeschlossen.

Der vdek fordert die Gruppen dazu auf, alle Kooperationen und Geldquellen kenntlich zu machen, um glaubhaft zu bleiben. Die Ersatzkassen befürchten Interessenskonflikte. In der Broschüre „Ungleiche Partner – Patientenselbsthilfe und Wirtschaftsunternehmen im Gesundheitssektor“ greifen die Kassen die Pharmaunternehmen scharf an: „Pharma- und Medizinproduktehersteller sind bemüht, ihre Waren zu verkaufen und versuchen dabei, Akteure im Gesundheitswesen für sich und ihre Erzeugnisse einzunehmen – zunehmend auch die Organisationen der gesundheitlichen Selbsthilfe.“ Unabhängige Informationen seien für Patienten wichtig, „denn erst dann können sie eigenverantwortlich entscheiden.“

Die Schweizer Roche Pharma AG zahlte Ende 2006 insgesamt 230.000 € an 18 Adressaten. Die höchsten Beträge seien an Mamazone (60.000 €), die Stiftung PATH (40.000 €) und die Deutsche Leukämie- und Lymphomhilfe (30.000 €) geflossen, so der vdek. Im Februar 2007 veröffentlichte der britische Konzern GlaxoSmithKline(GSK) Zahlungen an 35 Organisationen über 326.000 Euro, das entspricht einem Viertel des Gesamtetats eines von der Zahlung profitierenden Verbandes.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe (BAG) schlägt vor, dass Zuwendungen der Pharmaindustrie an Selbsthilfegruppen einen Anteil von 15 Prozent von dessen Haushalt nicht übersteigen dürfen. Zusammen mit dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband hat die BAG bereits 2007 ein Monitoringverfahren eingeführt, das Leitsätze zum Thema Sponsoring entwickelt und offene Fragen klären soll.

Die Pharmaindustrie hat seit 2008 Verhaltensgrundsätze bei der Kooperation mit Selbsthilfegruppen auferlegt. „Ein zentraler Aspekt ist der Transparenzgedanke, nach dem jedwede Unterstützung, ob finanzieller oder sonstiger Art, schriftlich festgehalten und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden muss“, heißt es in den Leitlinien. Auch die mittelständischen Pharmahersteller haben sich dem Kodex des konkurrierenden Selbstkontrollvereins AKG verpflichtet.

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) will ab 2015 Geldleistungen und vermögenswerten Zuwendungen an Fachkreise dokumentieren und ab dem kommenden Jahr auf den Webseiten veröffentlichen. Dazu gehören Forschungshilfe, Spenden, Zuwendungen, Sponsoring, und andere finanzielle Leistungen.

Den Ersatzkassen ist das nicht genug. „Patienten wollen glaubwürdige Antworten. Selbsthilfegruppen und -organisationen sollen sie liefern: unabhängig von Pharmafirmen oder Medizinprodukteherstellern“, heißt es in der Broschüre. Nicht umsonst würden die Firmen jene Patientengruppen sponsern, für deren Krankheiten sie Medikamente produzieren. Aus den Patientengruppen generieren sich Versuchspersonen für klinische Studien. Pharmafirmen würden zudem Medikamente für Befindlichkeitsstörungen entwickeln, die bislang nicht behandelt werden mussten.

Der Druck auf die Pharmaindustrie steigt: All diese Maßnahmen könnten mit mehr Transparenz bei den finanziellen Zuwendungen und mit mehr Aufklärung bei den Patienten eingedämmt werden.

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