Gesellschaft

Die Zukunft ist personalisiert

Die personalisierte Behandlung gerät immer mehr in den Fokus. In den nächsten zehn Jahren wird sie den Blick der Patienten auf die Ärzte und Pharmaunternehmen stark ändern. Die ganze Gesundheitsbranche steht vor einem digitalen, personalisierten Wandel.

Das Bild des Halbgotts in Weiß wird in den kommenden Jahren zunehmend verschwinden. (Foto: Flickr/ Seattle Municipal Archives/CC by 2.0)

Das Bild des Halbgotts in Weiß wird in den kommenden Jahren zunehmend verschwinden. (Foto: Flickr/ Seattle Municipal Archives/CC by 2.0)

In der Krebsforschung hat sie ihren Einzug schon in großen Teilen geschafft, doch nicht nur dort wird sie in ein paar Jahren anzutreffen sein: die personalisierte Medizin. Die fortschreitende Digitalisierung und die rasante Entwicklung im Bereich der Forschung und Innovation tragen dazu erheblich bei. Der Vorteil der personalisierten Medizin ist ganz klar die Reduzierung von Nebenwirkungen, die genauere Einstellung. Gleichzeitig setzt der Trend aber viele Bereiche der Gesundheitsbranche massiv unter Druck. Die Ärzte verlieren das Image des strahlenden Allwissenden in Weiß. Die Pharma- und Chemiebranche können nicht mehr nur auf Blockbuster setzen, sondern müssen ihre Medikamente genauer anpassen. Und die Patienten geben mit ihren digitalen Helfern extrem viele sehr persönliche Daten preis. Hier gilt es, die neuen Entwicklungen früh zu erkennen und sich gut zu positionieren bzw. direkt am Entwicklungsprozess teilzuhaben.

Eine zum Thema personalisierte Medizin durchgeführte Trendstudie der deutschen Apotheker- und Ärztebank schaut in das Jahr 2025 und verweist auf die vier wichtigsten Aspekte, die mit dieser Entwicklung einhergehen. Demnach verschwimmen die Grenzen zwischen Krankheit und Gesundheit, Spezialisten arbeiten in übergreifenden Teams, die Gesundheitsdaten übernehmen die Lead-Funktion und das Veränderungstempo nimmt zu. „Die datengetriebene unternehmensübergreifende Zusammenarbeit wird der neue Standard“, heißt es in der Studie.

Die Zunahme der digitalen Fitness-Tracker und der Fitness-Apps führt zu einer massiven Korrelation von Gesundheitsdaten. Zusammen mit diesen und dem Internet erhöht sich für die Patienten die Fähigkeit, Informationen selbst zu suchen und zu finden. Das führt einerseits dazu, dass der Beruf des Arztes an Glanz verliert, und andererseits, dass die Ärzte stärker auf die Gesundheitsdaten der Patienten eingehen und diese für ihn deuten müssen. „Der persönliche Arzt wird in diesem Zuge zu einem Projektmanager des Behandlungsteams; er wird einen nennenswerten Teil seiner Arbeitszeit für Organisation, Management und Kommunikation der unterschiedlichen Behandlungsteams aufwenden; dafür benötigt er ebenso profunde Kenntnisse des Projektmanagements wie auch Zugang zu entsprechenden Netzwerken.“

Außerdem müssen sich Mediziner und Apotheker darauf einstellen, dass sowohl sie als auch ihre Patienten durch den Service des Internets permanent und überall verfügbar sind. Damit wird jedes Endgerät zu einer Schnittstelle mit dem Patienten. „Ein vernetztes Gerät wird im Jahr 2025 nicht nur den Patienten erkennen, sondern binnen Sekundenbruchteilen wissen, was dieser für Beschwerden hat, welche Medikamente er zuletzt eingenommen hat, welche therapeutischen Maßnahmen er in Anspruch genommen hat, usw.“ Dadurch sind elektronische Assistenzsysteme im Jahr 2025 in der Lage, den Patienten individuellere und wohl auch besser situativ angepasste Antworten geben zu können, als es menschliche Mediziner oder Apotheker vermögen. „Ärzte müssen einen kompetenten Weg finden, wie sie diese Geräte und Systeme als Assistenten nutzen und dennoch einen ‚menschlichen Mehrwert‘ anbieten“, heißt es in der Studie.

Die Zunahme der persönlichen Gesundheitsdaten hat aber auch Auswirkungen auf Pharmaunternehmen und Labore. Es geht nicht mehr vor allem darum, Blockbuster zu entwickeln und zumindest ein paar Jahre patentieren zu lassen. „Der Verband der forschenden Pharmaunternehmen schätzt, dass bei etwa einem Drittel aller neuen Forschungsprojekte der Pharmaindustrie eine Komponente zur Individualisierung enthalten ist.“ Grundlage für neue personalisierte Medikamente war die erfolgreiche Entschlüsselung des menschlichen Genoms durch das Human Genome Projekt im Jahr 2000. Auch in Deutschland existieren bereits Medikamente, deren Wirksamkeit vorher durch einen Gentest getestet wurde. Dazu gehört beispielsweise der Wirkstoff Tamoxifen bei Brustkrebs. Dabei wird auf Hormonrezeptor-positive Brustkrebszellen getestet. Vor der Anwendung von Bosutinib bei chronisch myeloischer Leukämie muss dagegen der genetische Nachweis des Philadelphia-Chromosoms erfolgen.

„Morgen steht nicht mehr nur genetische und molekulare Anpassung von Therapien im Fokus“, so die Wissenschaftler. Die Daten von den digitalen Endgeräten können zusammen mit Gentests etc. die Anwendung von Wirkstoffen noch besser empfehlen. Dennoch werde die Vision, für jeden Menschen jedes Medikament und jedes Produkt zu jeder Zeit ganz individuell herzustellen, aus Gründen der Machbarkeit und der Kosten eine Utopie bleiben. Das Ziel ist es daher, „sinnvolle Untergruppen zu bilden, auf die Produkte angepasst werden können und in einzelnen Bereich mehr Raum für individuelle Unterschiede zwischen Patienten zu schaffen“.

So positiv eine personalisierte Medizin für den Patienten klingt, so schwierig kann sie in bestimmten Bereichen auch sein. Die gesammelten und ausgewerteten Informationen über einen Patienten – über Gentests bis hin zu Daten aus Gesundheitsapps – werden es auch möglich machen, sehr genaue Risikoprofile zu erstellen und Aussagen über die gesundheitliche Zukunft des Patienten zu machen. „Für Ärzte bedeutet das in manchen Fällen eine unbequeme Beratungssituation. Für einige Patienten wird das Wissen um ihre Krankheitsrisiken zu einer fatalistischen Haltung gegenüber Prävention führen.“ Die Datensammlung nimmt immer weiter zu:

„Heute werden oftmals Daten über beispielsweise die körperliche Aktivität, die Medikamenteneinnahme, das Essverhalten oder die Gewohnheiten der Zahnhygiene mit einem Fragebogen erhoben. In Zukunft geht es darum, diese Daten vom Smartphone und smarten Gegenständen im Haus des Patienten auszuwerten und für die Beratung zu nutzen. Denn diese Daten sind alle schon vorhanden. Das Smartphone weiß bereits, wie viel sich ein Patient täglich bewegt. Die App kann bereits recht gut einschätzen, wie viele Kalorien ein Patient täglich zu sich nimmt. Erste vernetzte Teller kommen auf den Markt, die das Essen dokumentieren und analysieren. Die Zahnbürste mit Bluetooth weiß, wie oft und wie lange sich ein Patient die Zähne putzt. Eine Pillenbox mit Internetverbindung kann sagen, ob die Medikamente zur richtigen Zeit eingenommen wurden.“

Von Vorteil ist aber nicht nur die zunehmende Vernetzung zwischen Patient und Arzt, sondern auch die Vernetzung zwischen den Fachleuten untereinander. Viele Untersuchungen werden auch heute noch doppelt durchgeführt, weil die Rohdaten anderen behandelten Kollegen nicht zur Verfügung gestellt wurden. Das soll sich der Trendstudie zufolge bald ändern. „Das Bild vom einzelnen Halbgott in Weiß ist Vergangenheit. Austausch und gemeinsame Lösungsfindung stehen im Vordergrund.“

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