Versorgung

Volkskrankheit Rückenleiden: Oft keine adäquate Therapie in Krankenhäusern

Die Zahl der Patienten mit Rückenschmerzen im Lendenbereich in den Krankenhäusern ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Doch oft sind die Behandlungsmethoden fragwürdig oder könnten von einem niedergelassenen Arzt durchgeführt werden.

Vollstationäre Krankenhausfälle nach Alter und Geschlecht 2014. (Grafik: Barmer GEK)

Vollstationäre Krankenhausfälle nach Alter und Geschlecht 2014. (Grafik: Barmer GEK)

„Ich hab Rücken“, hört man die Deutschen immer häufiger sagen. Rückenschmerzen treten immer häufiger auf. Allein in den Krankenhäusern ist die Zahl der Patienten mit Rückenschmerzen zwischen  2006 und 2014 von 282.000 auf 415.000 gestiegen, wie der Krankenhausreport der Barmer GEK zeigt. Die Zahl der Patienten mit lumbalen Rückenschmerzen – also im Lendenbereich – stieg sogar um 50, 2Prozent. Angesichts der 68 Milliarden Euro, die die Gesetzliche Krankenversicherung im vergangenen Jahr ausgegeben hat, ist diese Entwicklung von erheblicher Bedeutung.

Zumal nur etwa ein Drittel der Patienten mit Rückenschmerzen mit der Schmerzbehandlung im Krankenhaus zufrieden sind. „Das ist die niedrigste je gemessene Ergebniszufriedenheit bei den im Rahmen des Krankenhausreports durchgeführten Patientenbefragungen“, heißt es in dem Report. Bei ihrem Aufenthalt im Krankenhaus werden etwa 30 Prozent der Patienten an der Wirbelsäule operiert bzw. erhalten eine interventionelle Schmerztherapie. Nur in fünf Prozent der Fälle kommt es zu einer multimodalen Schmerztherapie. Und bei gut einem Drittel erfolgt weder eine Operation noch eine Schmerztherapie.

Das Volksleiden Rückenschmerzen ist nicht nur individuell ein Problem, es belastet auch das deutsche Gesundheitssystem und hat Rückwirkungen auf die Wirtschaft. „Von 100 Erwerbspersonen, die aufgrund von lumbalen Rückenschmerzen in 2013 im Krankenhaus gewesen sind, war im Jahr vor diesem Indexaufenthalt knapp die Hälfte (49,6%) arbeitsunfähig wegen Rückenleiden, es entstanden im Durchschnitt 22,4 Arbeitsunfähigkeitstage.“ Baden-Württemberg ist das Land mit der niedrigsten Anzahl an Krankenhausfällen und -tagen je 1.000 Versichertenjahre (187,2 Krankenhausfälle und 1.461,6 Krankenhaustage), gefolgt von Berlin, Bremen und Hamburg.

Die Erfolge der im Krankenhaus ergriffenen Maßnahmen sind jedoch nicht zufriedenstellend: nur ein Drittel der Patienten ist eineinhalb Jahre nach dem Krankenhausaufenthalt schmerzfrei. Bei den Personen mit interventioneller Schmerztherapie sind es immerhin etwas mehr als 48 Prozent. Außerdem ist nur jede zweite operierte Person und nur jeder vierte mit (multimodaler oder interventioneller) Schmerztherapie behandelte Patient ist uneingeschränkt mit dem Ergebnis der Krankenhausbehandlung zufrieden.

Tatsächlich gibt es aber auch viele Patienten, bei denen während ihres Krankenhausaufenthalts weder eine Operation noch eine Schmerztherapie erfahren. „Nach den Abrechnungsdaten zu urteilen wird bei diesen Patienten keine einheitliche Strategie verfolgt. Prozeduren, die auf eine Therapie hinweisen, sind selten dokumentiert.“ Diese Gruppe der Patienten hat mit 19,2 Prozent die geringste Zufriedenheit hinsichtlich ihres Krankenhausaufenthaltes. Besonders hier stellt sich noch einmal die Frage, inwiefern ein Krankenhausaufenthalt sinnvoll ist und, ob nicht die ambulante Versorgung gewählt und auch vom Staat gefördert werden sollte.

Etwa 1,25 Milliarden Euro werden jedes Jahr von der gesetzlichen Krankenversicherung für die stationäre Versorgung von Patienten mit lumbalen Rückenschmerzen gezahlt. Ganz zu schweigen von den Folgekosten aufgrund von Tagen der Arbeitsunfähigkeit und auch Frühverrentungen in Höhe von etwa sieben Milliarden Euro.

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  1. …die ambulante multimodale Schmerztherapie zeigt sehr gute Ergebnisse und kostet weniger als ein Drittel einer stationären multimodaen Behandlung.
    Es heißt doch immer noch ambulant vor stationär oder nicht?