Studie

Schwangere als Patienten: Gynäkologen wehren sich gegen kritische Studie

Der Frauenärzteverband kritisiert eine aktuelle Studie, nach der Schwangere zu viele Vorsorge-Untersuchungen bekommen. Kritiker befürchten, Schwangere würden so unnötig zu Patienten gemacht. Die Ärzte kontern, die Krankenkassen würden viele sinnvolle Untersuchungen aus wirtschafltlichen Gründen nicht empfehlen.

Schwanger ist nicht krank: Kritiker befürchten, zu viele Untersuchungen bei Schwangeren seien wirtschaftlich motiviert. (Foto: Flickr/Schwangerschaft/CC BY 2.0)

Schwanger ist nicht krank: Kritiker befürchten, zu viele Untersuchungen bei Schwangeren seien wirtschaftlich motiviert. (Foto: Flickr/Schwangerschaft/CC BY 2.0)

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung hat die Situation der schwangeren Frauen in Deutschland untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass sie zunehmend mehr Vorsorge-Untersuchungen durchlaufen als  empfohlen. Die Studie „Zusatzangebote in der Schwangerschaft“ hat zu einer breiten kritischen Reaktion in der Gesellschaft geführt. Viele Kritiker befürchten, Frauen die Kinder erwarten würden unnötig zu Patienten gemacht.

Der Verband der deutschen Frauenärzte hat nun heftig widersprochen. Schon die einleitende Aussage „Schwangere nehmen immer früher und öfter Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft wahr“ hält der BVF für nicht korrekt, da die Untersuchungsintervalle gesetzlich vorgeschrieben sind und nur bei Frauen mit einem Risiko, das sich zum Beispiel im Verlauf der Schwangerschaft entwickelt, die Vorsorgeintervalle verkürzt werden. Dies sei jedoch den Gynäkologen zufolge durchaus sinnvoll. „Da heute deutlich mehr und ältere Frauen mit Risiken wie schweres Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes etc. schwanger werden als vor 20 Jahren, kann es durchaus sein, dass sich insgesamt bezogen auf die Zahl der Schwangeren die durchschnittliche Zahl an Terminen erhöht hat.“

Demnach untersuchen die Ärzte nicht zu viel, sondern die Kassen schreiben zu wenig vor. Die Ärzte kritisieren die Krankenkassen, deren Katalag der vorgeschriebenen Untersuchungen nach veralteten und oftmals rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten erstellt wurde und dringend aktualisiert gehört.  „Es ist richtig, dass viele Schwangere mehr diagnostische Leistungen erhalten als in den Mutterschaftsrichtlinien vorgesehen ist. Das liegt unter anderem daran, dass es heute mehr Möglichkeiten gibt als in den Richtlinien vorgegeben, und dass die gesetzlichen Krankenkassen bisher nur die Kosten für Leistungen übernehmen, die auch wirtschaftlich sind. Diagnostische Maßnahmen, die sinnvoll sind, sich für die Krankenkassen aber wirtschaftlich nicht „rechnen“, wie zum Beispiel den Toxoplasmose-Test oder auch den Test auf Streptokokken in der Spätschwangerschaft, werden wir Schwangeren immer empfehlen, auch wenn sie keine Kassenleistungen sind“, so der Vernband.

Eine Medikalisierung der Schwangerschaft sieht der Verband darin nicht, schließlich trügen die Maßnahmen trägt erheblich zur Senkung der Krankheitsrisiken potentiell infizierter Kinder bei. Insbesondere auch der frühe Ausschluss einer Eileiterschwangerschaft, eines intrauterinen Hämatoms oder eine Myoms habe demnach viele Leben gerettet. „Das Ersttrimesterscreening verhindert sogar Fehlgeburten durch Vermeidung überflüssiger – invasiver – Amniozentesen“, so der Verband. Die Studie kritisiert häufige Herzfrequenz- und Wehen-Ableitungen. Aus der Publikation gehe jedoch nicht hervor, ob diese Ableitungen in der Praxis oder in der Geburtsklinik durchgeführt wurden. „Diese Ableitungen sind nach Mutterschaftsrichtlinien nicht zwingend vorgeschrieben. Sie erleichtern aber Hebammen und Ärzten die Beurteilung der Schwangerschaft und helfen leichte Kontraktionen von echten Wehen zu unterscheiden, was überflüssige Ruhigstellungen der Schwangeren verhindern und sie selbst sehr beruhigen kann. Viele Schwangere wünschen für ihren persönlichen Gebrauch Ultraschall-Bilder ihrer ungeborenen Babys in 3D oder anderen Formaten; gleichzeitig „sehen“ sie dadurch die Gesundheit ihres Ungeborenen. Da von Ultraschalluntersuchungen keine Gefahren für das Baby ausgehen, kommen Frauenärztinnen und -ärzte diesem Wunsch nach, wenn sie darum gebeten werden. Daraus die Schlussfolgerung abzuleiten, häufige Ultraschallaufnahmen in der Schwangerschaft würden die Kaiserschnittrate erhöhen, ist eine gewagte Hypothese.“

Die Autorinnen folgern aus den Befragungsergebnissen der Studie auch, es habe sich „eine bedürfnisinduzierte Versorgungssituation jenseits der evidenzbasierten Medizin wie auch der geltenden Richtlinien entwickelt, die Ärztinnen wie Hebammen gleichermaßen unter wirtschaftlichen Druck setzt. Für Leistungsträger wie -anbieter wird es gleichermaßen eine Herausforderung sein, die bedürfnisinduzierte, geburtshilfliche Versorgung der evidenzbasierten Medizin anzupassen“.

Hierzu merken die Frauenärzte an, dass beinahe alle der in der Schwangerschaft angebotenen diagnostischen Leistungen, wie das Ersttrimesterscreening, Toxoplasmose- und Cytomegalietestungen und so weiter durchaus evidenzbasiert sind, auch wenn sie nicht Bestandteil der Mutterschaftsrichtlinien sind.

Andere lestung werden nicht von den ärzten, sondern von den Frauen gewünscht, dazu gehören vor allem zusätzliche Ultraschall-Leistungen, Babyfernsehen und 3D-Screening. Die Unterstellung, Frauenärzte – ebenso wie Hebammen – würden Schwangeren Leistungen nur anbieten, weil sie unter wirtschaftlichem Druck stehen, sei daher „Unsinn“.

Die Ärzte fühlen sich dabei bereits durch die Fragestellung der Studie angegriffen und kritisieren eine böswillige Absicht: „Bereits in der Formulierung der Befragung und in der Interpretation der Ergebnisse ist der Versuch erkennbar, die seit über 50 Jahren bewährte frauenärztliche Mutterschaftsvorsorge zu diskreditieren“, steht es in der Mitteilung des Verbands. Dabei sehen die Ärzte die Zahlen und Statistiken auf ihrer Seite: Immerhin sei in dieser Zeit die perinatale Mortalität um den Faktor 10, die mütterliche um ein Vielfaches mehr gesunken. Damit stehe Deutschland mit an der Spitze in der Welt. Ein Wechsel dieses Systems, so wie von den Autorinnen in die Diskussion eingeworfen, „würde die gesundheitliche Versorgung der Schwangeren und ihrer Babys mit Sicherheit verschlechtern“.

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