Politik

Mediziner warnen vor Unterversorgung von Flüchtlingskindern

Die Bundesregierung bekennt sich für den Umgang mit minderjährigen Flüchtlingen zur UN-Kinderrechtskonvention. Doch der Zugang zu gesundheitlicher Versorgung dieser ist vielen Medizinern und Gesellschaften zufolge ganz und gar unzureichend. Vor allem mit Blick auf Vorsorge und eine entsprechende Versorgung bei Traumata gebe es erhebliche Lücken.

Die gesundheitliche Versorgung der Flüchtlingskinder in Deutschland ist alles andere als beispielhaft. (Foto: Flickr/baselactionnetwork/CC by nd 2.0)

Die gesundheitliche Versorgung der Flüchtlingskinder in Deutschland ist alles andere als beispielhaft. (Foto: Flickr/baselactionnetwork/CC by nd 2.0)

Bereits 2014 beklagte die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ): „Leider müssen wir feststellen, dass gegenwärtig die meisten ausländerrechtlichen Gesetze gegenüber minderjährigen Flüchtlingen diskriminierend wirken.“ So erhalten die Flüchtlingskinder nur einen unzureichenden Zugang zu gesundheitlicher Versorgung, Bildung und sozialer Teilhabe.

Angesichts der steigenden Zahl in Deutschland angekommener Flüchtlinge hat sich die Situation vor allem für Kinder weiter verschärft. Deshalb fordern sowohl Erika Sievers von der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) als auch die DAKJ eine tatsächliche Bindung an die UN-Kinderrechtskonvention.

Im Artikel 24 Absatz 1 der UN-Kinderrechtskonvention heißt es:

„Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit an sowie auf Inanspruchnahme von Einrichtungen zur Behandlung von Krankheiten und zur Wiederherstellung der Gesundheit. Die Vertragsstaaten bemühen sich sicherzustellen, dass keinem Kind das Recht auf Zugang zu derartigen Gesundheitsdiensten vorenthalten wird.“

„Die Realität in Deutschland sieht aber anders aus“, so die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin. So würden nach § 4 AsylbLG nur die Kosten für die Behandlung akuter Krankheiten und Schmerzzustände erstattet. Nicht erstattet würden dagegen in aller Regel präventive Leistungen wie Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen, Kariesprophylaxe und Zahnspangen, Sehhilfen, die Behandlung chronischer Erkrankungen, die Heil- und Hilfsmittelversorgung von behinderten Kindern sowie die Behandlung von psychisch traumatisierten Kindern und Jugendlichen. Zumal die Traumata für die Kinder nicht nur in der früheren Situation im Herkunftsland ihren Ursprung haben können, sondern auch im Migrationsweg und in der Versorgungssituation am Zufluchtsort. Dabei wiesen beispielsweise viele der 100.000 Kinder und Jugendlichen, die allein 2013 nach Deutschland eingewandert sind,  massive körperliche Beschwerden auf. Viele seien auch traumatisiert, betonte Erika Sievers von der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ).

Eine entsprechende Behandlung sei extrem wichtig für Flüchtlingskinder. 35 Prozent der Asylerstanträge wurden 2013 von Kindern und Jugendlichen gestellt. Kosten können in dem Fall kaum ein Argument sein. Denn die Kosten für die Folgeschäden, die möglicherweise erst viel später zu spüren sind, werden erheblich höher sein.

„Besonders im frühen Kindesalter sind noch Maßnahmen zur Prävention oder zur Früherkennung und Behandlung schwerwiegender Erkrankungen in bestimmten Zeitfenstern besonders sinnvoll möglich“, so Erika Sievers zu den Deutschen Gesundheits Nachrichten. In späteren Jahren seien diese nur eingeschränkt nachholbar. Dies betrifft z. B. Impfungen, Vorsorgeuntersuchungen und Kariesprophylaxe ebenso wie Screeningmaßnahmen in Schwangerschaft und frühem Kindesalter. „Eine angemessene Heil- und Hilfsmittelversorgung von behinderten Kindern oder die Behandlung psychisch traumatisierter Kinder und Jugendlicher ist oft Grundlage für eine gelingende Integration.“

Die Ursachen für die schlechte medizinische Versorgung liegen oft schon bei mangelnden Sprachkenntnissen der Behördenmitarbeiter. So beschreibt die DAKJ:

„So kann nach § 6 Absatz 2 in Verbindung mit § 4 AsylbLG Personen, die eine Aufenthaltserlaubnis gemäß § 24 Absatz 1 AufenthG besitzen und die besondere Bedürfnisse haben, wie beispielsweise unbegleitete Minderjährige, bereits heute die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe gewährt werden. § 6 Absatz 1 AsylbLG ermöglicht es daneben auch anderen Leistungsberechtigten, sonstige Leistungen zu gewähren, wenn sie im Einzelfall zur Sicherung der Gesundheit unerlässlich sind. Die Realität ist aber, dass in der Regel medizinisch nicht oder nicht ausreichend geschultes Personal in den Sozial- und Ausländerbehörden den Gesundheitszustand der potentiell Leistungsberechtigten einschätzt.“

Oft würden gravierende gesundheitliche Probleme übersehen bzw. falsch bewertet. „Diese unseres Erachtens nicht ausreichend qualifizierten Mitarbeiter bestimmen über das weitere Schicksal von Menschen. Hier besteht eindeutig Änderungsbedarf“, so die DAKJ. „Nur medizinisch ausreichend geschultes Personal kann körperliche und seelische Krankheiten adäquat erkennen und angemessene Maßnahmen in die Wege leiten.“ Die Schwierigkeiten bei der Kommunikation setzen sich dann im weiteren Verlauf an anderer Stelle fort. In einer 2013/2014 erfolgten bundesweiten Befragung gaben über 85 Prozent der Teilnehmer an, dass oft oder häufig sprachliche Verständigungsschwierigkeiten beziehungsweise kulturell unterschiedlich geprägte Krankheits- und Behandlungskonzepte zwischen dem medizinischen Personal und den Eltern des Kindes bestehen. Aus diesem Grund sei eine Weiterbildung auch des medizinischen Personals unabdingbar angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen, so die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ).

Und so hätten Flüchtlingskinder aufgrund der Ermessensregelung einen erschwerten Zugang zur gesundheitlichen Versorgung, gerade auch im Bereich der psychischen Gesundheit. „So ist uns bekannt, dass meist sehr lange Wartezeiten bei Therapieeinrichtungen für Folteropfer und traumatisierte Flüchtlinge bestehen“, heißt es von Seiten der DAKJ. Dies zeigt sich auch im internationalen Vergleich der Integrationspolitik MIPEX. Hier weist Gesundheit unter den Indikatoren für Deutschland den niedrigsten Stand auf. „Im Bereich der interkulturellen Öffnung des Gesundheitswesens in Deutschland besteht Nachholbedarf, hier könnte beispielsweise im Krankenhausbereich eine Orientierung an dem Modell der ,Migrant friendly hospitals’ der Kinderspitäler in der Schweiz erfolgen“, sagt Sievers.

Der Zugang zur medizinischen Versorgung und Vorsorge für Flüchtlinge, insbesondere aber für Schwangere und Kinder, in Deutschland sollte durch die Einführung einer elektronischen „Gesundheitskarte“ wie in Bremen und Hamburg erleichtert werden, so Sievers. Außerdem sollten zuwandernde Kinder und Jugendliche, die in unterschiedlichen Altersstufen in das deutsche Schulsystem und Gesundheitswesen kommen, die Möglichkeit einer so genannten ,Seiteneinsteiger-Untersuchung’ durch die öffentlichen Kinder- und Jugendgesundheitsdienste haben, um schulrelevante Gesundheitsfaktoren erfassen zu können. „Ein nationaler Telefondolmetscherdienst wie in der Schweiz würde Übersetzungsleistungen gerade in Notfällen kurzfristig in großer Sprachenvielfalt möglich machen“, so Sievers zu den Deutschen Gesundheits Nachrichten.

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