Gesundheit

Organisation: EU-Studie zu Glyphosat verletzt EU-Recht

Eine österreichische Umweltorganisation wirft der Behörde wirtschaftspolitische Beweggründe für die Beurteilung vor.

Der Kampf um die Frage nach dem Zusammenhang mit Krebserkrankungen geht weiter. (Foto: Flickr/Die Grünen Kärnten/CC by 2.0)

Der Kampf um die Frage nach dem Zusammenhang mit Krebserkrankungen geht weiter. (Foto: Flickr/Die Grünen Kärnten/CC by 2.0)

Die Diskussion um den Herbizidwirkstoff Glyphosat, der in vielen Unkrautvernichtungsmitteln enthalten ist, gewinnt wieder an Fahrt. Zwar haben mehr und mehr Baumärkte Pflanzenschutzmittel mit Glyphosat nach der WHO-Warnung als „wahrscheinlich krebserregend“ aus den Regalen genommen. Doch aus Sicht des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) sei dies zumindest nicht notwendig, da das Institut Glyphosat nicht so negativ bewertete wie die Weltgesundheitsbehörde (WHO). Nach heftiger Kritik hatte das Institut dann vergangene Woche Unterstützung von der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) erhalten. „Den Schlussfolgerungen des Berichts zufolge ist es unwahrscheinlich, dass Glyphosat eine krebserregende Gefahr für den Menschen darstellt“, erklärte die EFSA. Doch geschlagen geben sich die Glyphosat-Gegner deshalb noch lange nicht.

Die österreichische Umweltschutzorganisation Global 2000 behauptet nun, dass die Bewertung durch die EFSA EU-Recht verletze. Während 17 unabhängige internationale ExpertInnen der IARC einhellig eine statistisch signifikante Tumorhäufung in allen fünf Mäusestudien bei Verabreichung von Glyphosat feststellten, hatte das BfR später in denselben Studien angeblich „keine Hinweise auf eine krebserregende Wirkung bei Tieren“ gefunden. „Konfrontiert mit der wissenschaftlichen Analyse der WHO-Experten ruderte das BfR zurück“, heißt es von der Organisation.

Das BfR hatte darauf verwiesen, dass man sich bei den fünf Mäusestudien auf die von der Industrie mit den Versuchsdaten mitgelieferte statistische Interpretation der Ergebnisse „verlassen“ hatte. Und die statistische Methode der Pestizidhersteller habe keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Tumorhäufigkeit und Glyphosatverabreichung gezeigt.

Bei der Anwendung der WHO-Methode habe es jedoch eine signifikante Tumorhäufung gegeben. „Doch wer nun erwartet hätte, dass das BfR im Lichte dieser neuen Erkenntnis die WHO-Einstufung von Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ endlich anerkennt, wurde eines Besseren belehrt“, erklärt Helmut Burtscher, Umweltchemiker der österreichischen Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000:

„Als nun feststand, dass Mäuse, die Glyphosat erhielten, signifikant mehr Tumore entwickelten als Mäuse, denen kein Glyphosat verabreicht wurde, wechselten die RisikobewerterInnen die Strategie: Sie zweifelten nun in jeder einzelnen der fünf Industriestudien die Plausibilität der jeweiligen ‚Negativkontrolle‘ an und ,korrigierten’ die fehlende oder geringe ,spontane’ Tumorhäufigkeit bei den unbehandelten Mäusen nachträglich nach oben. Möglich wurde dies durch die Hinzunahme von sogenannten ,historischen Kontrolldaten‘. Damit ließ sich die (spontane) Tumorhäufigkeit bei den nicht mit Glyphosat behandelten Mäusen soweit nach oben ‚korrigieren‘, bis der Unterschied zu den Glyphosat-belasteten Mäusen unter die Signifikanz-Schwelle rutschte.“

Damit habe sich die oberste Europäische Zulassungsbehörde für Pestizide als idealer Anwärter für das Prädikat „Junk Science“ – zu deutsch ‚Schrottwissenschaft‘ – qualifiziert. „Zwar ist die Hinzunahme von historischen Kontrolldaten unter bestimmten, klar definierten Voraussetzungen zulässig“, so Burtscher. „Doch wie aus der Analyse von Clausing hervorgeht, verstießen die Zulassungsbehörden gleich mehrfach gegen diese Vorgaben und Voraussetzungen.“

Glyphosat-Hersteller Monsanto kam das entgegen, denn nach der EU-Verordnung 1107/2009 ist eine Zulassungsverlängerung nur möglich, wenn das Mittel kanzerogen (krebserregend) der Klasse 1a oder 1b im Sinne der EU-Verordnung CLP 1272/2008 ist. Demnach dürfte das Pflanzenschutzmittel in der EU nicht mehr zugelassen werden, wenn ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Pestizid und der Häufigkeit maligner Tumore feststellbar ist. Der Analyse der WHO zufolge dürfte Glyphosat also keine Verlängerung erhalten. „Möglicherweise sind also die erwartbaren handelspolitischen – Stichwort TTIP – und wirtschaftlichen Implikationen eines europäischen Verbots der wahre Hintergrund der kreativen, aber keineswegs wissenschaftlich fundierten Risikobewertung durch die europäischen Zulassungsbehörden“, sagt Burtscher: Eine solche Vorgehensweise der obersten europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit sei nicht nur aus wissenschaftlicher Perspektive, sondern auch unter moralischen und ethischen Gesichtspunkten inakzeptabel.

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