Umwelt

Klimawandel bedroht Gesundheit und Landwirtschaft

Die Eisschmelze an Nord- und Südpol wird gemeinhin als Streitpunkt für den fortgeschrittenen Klimawandel angesehen. Doch während man in Potsdam vor einer kompletten Schmelze der Antarktis warnt, spricht die NASA von einem Zuwachs des Eises – zumindest vorerst. In jedem Fall aber steigt der Meeresspiegel und bedroht bald zahlreiche Regionen unbewohnbar und nicht mehr für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Schon jetzt sind die Auswirkungen des Klimawandels spürbar.

Ausgewertete Satellitendaten zeigen, dass die Antarktis in der Zeit von 1992 und 2001 netto 112 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr dazugewonnen hat.  (Foto: NASA's Operation IceBridge 2)

Ausgewertete Satellitendaten zeigen, dass die Antarktis in der Zeit von 1992 und 2001 netto 112 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr dazugewonnen hat. (Foto: NASA’s Operation IceBridge 2)

Schmelzende Pole, die zu heftigen Überschwemmungen und einem Anstieg des Meeresspiegels führen, werden gern zur Veranschaulichung der drohenden Klimakatastrophe herangezogen. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat sich mit diesem Thema etwas genauer beschäftigt. Untersuchungen des Instituts haben gezeigt, dass allein durch Veränderungen in der westlichen Antarktis der Meeresspiegel um drei Meter ansteigen könnte. Entscheidend dafür ist das sogenannte Amudsen-Becken. „Der riesige Eispanzer der westlichen Antarktis könnte vollständig verschwinden, wenn dort das vergleichsweise winzige Amundsen-Becken instabil würde“, warnen die Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Eine aktuelle Princeton-Studie komme zu dem Schluss, dass das „Amundsen-Becken sich sehr wahrscheinlich schon destabilisiert“ hat. „Was wir das ewige Eis der Antarktis nennen, erweist sich leider als keineswegs ewig“, sagt Johannes Feldmann, Leitautor der in den ‚Proceedings’ der US-National-Akademie der Wissenschaften (PNAS) erschienenen Untersuchung. „Wird der Naturzustand der Eismassen einmal gestört, und genau das passiert heute, so reagieren sie in nicht-linearer Weise: nach einer langen Zeit ohne große Veränderungen bricht ihre Stabilität ziemlich rasch zusammen.“

Hintergrund der Problematik ist die Erwärmung des Ozeans. Dadurch schmelzen die Eisschelfe. „Große Teile des Eises der West-Antarktis ruhen auf einem Felsbett, das sich unterhalb des Meeresspiegels befindet. Eisverlust an den Rändern führt dazu, dass sich Stück für Stück die Aufsetzlinie des Land-Eises ins Landesinnere verschiebt“, so das Potsdamer Institut. Weil der Boden hier abfalle, statt anzusteigen, werde eine immer dickere Eiskante dem wärmeren Meereswasser ausgesetzt, was den Eisverlust weiter beschleunige. Zwar vollzieht sich dieser Prozess nicht von heute auf morgen, doch die Tragweite dieses Schmelzens ist weit größer als der eigentliche Prozess. „In unseren Simulationen genügen 60 Jahre des Abschmelzens in der heute beobachtbaren Rate, um einen dann nicht mehr zu stoppenden Prozess des Eisverlustes auszulösen, der Tausende von Jahren anhält“, so Feldmann. Die Suche nach einer Lösung ist jedoch schwierig. So könne man nicht sicher sagen, ob Treibhausgase das Amundsen-Becken destabilisieren oder die weltweite Erwärmung. Unabhängig davon aber würde der weitere Ausstoß von Treibhausgasen das Risiko eine „Kollapses der West-Antarktis“ erhöhen, sagt Ko-Autor Anders Levermann.

Im Bericht zur Weltklimakonferenz von 2013 hieß es, dass zwischen „1992 und 2011 Grönland und die Antarktis-Eisschilde an Masse verloren haben (höchstwahrscheinlich), wahrscheinlich vor allem zwischen 2002 und 2011 mit einer höheren Rate“. Allerdings gebe es starke regionale Unterschiede in der Antarktis mit Blick auf Gebiete, in denen das Eis abnimmt und in denen es zunimmt. Das zeigt sich nun auch in einer Veröffentlichung „Journal of Glaciology“ der NASA. Demnach haben Untersuchungen gezeigt, dass die Zunahme der Schneeakkumulation in der Antarktis, die vor 10.000 Jahren begonnen hat, derzeit mehr Eis auf dem Kontinent entstehen lässt, als durch das Schmelzen der Gletscher verloren geht.

Ausgewertete Satellitendaten zeigen, dass die Antarktis in der Zeit von 1992 und 2001 netto 112 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr dazugewonnen hat. Zwischen 2003 und 2008 habe sich der Prozess auf einen Nettogewinn von 82 Milliarden Tonnen pro Jahr verlangsamt. Tatsächlich bezieht sich dieses Entwicklung auf die Ost-Antarktis. Derzeit seien die Eisgewinne in der Ost-Antarktis größer als die Schmelze in der Westantarktis. Das bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht, dass kein wirklicher Klimawandel stattfindet. Vielmehr könnte sich diese Situation auch bald wieder ändern, warnt Jay Zwally von der NASA: „Wenn sich die Verluste auf der antarktischen Halbinsel und in der westlichen Antarktis genauso schnell verstärken wie in den vergangenen zwei Jahrzehnten, werden die Eisverluste schnell die Langzeitgewinne der Ost-Antarktis aus den vergangenen 20 bis 30 Jahren aufwiegen.“ Und „ich denke nicht, dass sich der Schneefall so stark erhöhen werde, dass er diese Verluste auszugleichen vermag“.

Die gute Nachricht aber sei, dass die Antarktis derzeit nicht zum Ansteigen der Meeresspiegel beiträgt. Vielmehr „verringert es den Meeresspiegel jedes Jahr um 0,23 Millimeter“, so Zwally. Aber es gäbe auch eine schlechte Nachricht. Denn wenn der jährliche Anstieg des Meeresspiegels nicht wie im IPPC-Bericht angegeben auf die Antarktis zurückzuführen ist, dann müsse es eine andere Quelle geben, die zu dem Anstieg des Meeresspiegels beiträgt, die wir aber noch nicht berücksichtigt haben.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch der Beitrag der Landwirtschaft zum Klimawandel. Dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zufolge, wird sich der Bedarf an Nahrungsmitteln bis 2050 weltweit verdoppeln. Das stellt auch die Landwirtschaft vor enorme Herausforderungen. „Obwohl auf die Landwirtschaft nur 9 Prozent aller Treibhausgase entfallen, ist sie die Hauptquelle der Emissionen von Methan (CH4) und Distickstoffoxid (N2O)“, so die EU-Kommission. „Andererseits bietet die Umwandlung von landwirtschaftlich zu forstwirtschaftlich genutzten Flächen ein beträchtliches Potential zur Minderung des CO2 in der Atmosphäre.“ Und gleichzeitig gefährdet der Klimawandel wiederum die Landwirtschaft, was angesichts eines steigenden Bedarfs an Nahrungsmitteln ebenfalls verheerende Folgen haben kann, ein Teufelskreis. Dies bemerkte bereits 2012 der Weltklimarat IPCC in dem Sonderbericht Risikomanagement von Extremereignissen und Katastrophen zur Anpassung an den Klimawandel (SREX)“. Bis zum Ende des Jahrhunderts projizieren Klimamodelle des IPCC eine deutliche Erhöhung der extremen Temperaturen und längere Hitzewellen, eine Zunahme von Starkniederschlägen in vielen Regionen der Erde sowie möglicherweise eine Zunahme der Intensität (nicht der Häufigkeit) von tropischen Wirbelstürmen. „Extremere Küstenhochwasser sind wahrscheinlich aufgrund des zunehmenden Meeresspiegelanstiegs“, fasst das Bundesumweltministerium die Kernaussagen des Berichts zusammen. Auch Ausmaß und Anzahl von Dürren könnten in einigen Regionen zunehmen sowie Erdrutsche oder Gletscherseeausbrüche in Hochgebirgen.

„Höhere Temperaturen fördern in vielen Regionen die Verdunstung, oftmals geht das einher mit verstärkten Dürreperioden“, sagt Thilo Pommerening, Klimaschutzexperte des WWF Deutschland. „Zudem erwarten wir auch extremeren Starkregen mit Überflutungen. Das kann die Ausbreitung von Pflanzenschädlingen begünstigen“. Bereits heute führe all das zu Ernteausfällen bei vielen Agrarrohstoffen und wird in Zukunft deutlich häufiger vorkommen. „Die aktuellen Dürren in Brasilien und Kalifornien geben uns einen Vorgeschmack auf die Zukunft, wenn die Folgen des Klimawandels noch spürbarer werden.“ Eine Untersuchung des WMF Deutschland macht deutlich, dass Brasilien in Folge des Klimawandels bis 2070 etwa ein Drittel der aktuell für den Kaffeeanbau nutzbaren Gebiete verlieren könnte. Weltweit könnte bis Mitte des Jahrhunderts sogar die Hälfte der bisherigen Kaffeeanbauflächen unbrauchbar sein.

„Auch Bananen, das meist angebaute Obst der Welt, leiden stark. Wärmere Temperaturen, Stürme und Überflutungen begünstigen die großflächige Ausbreitung gefährlicher Bakterien und Pilze, deren Bekämpfung sehr teuer ist. In Kolumbien, dem drittgrößten Exportland, könnten bis 2060 etwa 60 Prozent der heute für den Bananenanbau geeigneten Flächen durch den Klimawandel unbrauchbar werden.“

Was geschehen könnte, wenn sich die Temperatur weltweit um vier Grad Celsius erhöhen würde, zeigt ein aktueller Bericht der US-Forschungsorganisation Climate Central. Während bei einem Anstieg um zwei Grad 130 Millionen Menschen von einem höheren Meeresspiegel gefährdet wären, sind es bei vier Grad Celsius bereits zwischen 470 und 760 Millionen Menschen in den Küstenregionen. Am schwersten wäre China von einem höheren Meeresspiegel betroffen. 145 Millionen Menschen leben hier in von Überflutungen bedrohten Regionen.

In China scheint man die Brisanz des Klimawandels jedoch weiter zu bestreiten. Einem Bericht der New York Times zufolge hat China über Jahre hinweg deutlich zu niedrige Werte für den Kohleverbrauch des Landes angegeben. Die Statistikbehörde habe die Angaben für mehrere Jahre in ihrem jüngsten Jahrbuch um bis zu 17 Prozent angehoben, berichtete die New York Times. Allein für das Jahr 2012 sei die Angabe für den Kohleverbrauch um 600 Millionen Tonnen erhöht worden – mehr als 70 Prozent des US-Jahresverbrauchs. Der Kohlendioxidausstoß Chinas könnte damit um einen kompletten Jahreswert Deutschlands über den bisherigen Annahmen liegen. Entsprechend hoch ist die Feinstaubbelastung in den Städten des Landes. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge, sollte ein Grenzwert von durchschnittlich 25 Mikrogramm pro Kubikmeter über den Tag verteilt nicht überschritten werden. In Changchun, der Hauptstadt der nordostchinesischen Provinz Jilin, wurden zuletzt PM2.5 Feinstaubpartikel in Höhe von 860 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen.

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