Krankengeld

Krankengeld zu teuer: Gutachter empfehlen Teilzeitkrankschreibung

Patienten können künftig stundenweise krankgeschrieben werden und dafür Lohn und Krankengeld jeweils anteilig erhalten.

Krank ist nicht gleich arbeitsunfähig: Wer „nur“ eine Erkältung hat, kann künftig auch nur stundenweise krankgeschrieben werden. 8Foto: flickr/ Thomas Waldix/ cc by 2.0)

Krank ist nicht gleich arbeitsunfähig: Wer „nur“ eine Erkältung hat, kann künftig auch nur stundenweise krankgeschrieben werden. 8Foto: flickr/ Thomas Waldix/ cc by 2.0)

In den vergangenen zehn Jahren sind die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Krankengeld deutlich gestiegen. 2014 waren es 10,6 Milliarden Euro, jährlich stieg der Betrag im Schnitt um 8,1 Prozent. Das zeigt ein am Montag in Berlin vorgestelltes Gutachten des Sachverständigenrats für das Gesundheitswesen.

Der Sachverständigenrat betont jedoch, dass ein erheblicher Teil der Ausgabensteigerungen beim Krankengeld seit 2006 auf politisch erwünschte Entwicklungen zurückzuführen ist: Etwa die Hälfte der Ausgaben gehe demnach auf gestiegene Beschäftigung, Löhne und Lebensarbeitszeit zurück. Zur Berechnung der Höhe eines Krankengeldanspruchs wird das Arbeitseinkommen der Versicherten herangezogen. Somit führten sowohl höhere durchschnittliche Erwerbseinkommen als auch eine größere Anzahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter in der Tendenz zu höheren Krankengeldausgaben. Zugleich wirkte sich die Zunahme von älteren krankengeldberechtigten Mitgliedern mit durchschnittlich höheren Einkommen, aber auch höherer Wahrscheinlichkeit eines Krankengeldfalls steigernd auf die Krankengeldausgaben aus.

Zur Senkung der stark gestiegenen Krankengeldausgaben schlägt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen in einem Sondergutachten vor, die Möglichkeit einer teilweisen Krankschreibung (sogenannte Teilarbeitsunfähigkeit) nach skandinavischem Vorbild einzuführen. Patienten sollten zum Beispiel zu 50 Prozent arbeiten gehen können und dafür Lohn erhalten. Die andere Hälfte des Einkommens solle von der Krankenkasse kommen.

Der Vorsitzende des Sachverständigenrates, Ferdinand Gerlach, betonte bei der Präsentation des Gutachtens, dass die Vorschläge des Rates nicht darauf zielten, das Krankengeld um jeden Preis zu drücken. „Das Krankengeld ist keine Wohltat, sondern eine gesamtgesellschaftlich sinnvolle Leistung, und die Versicherten haben einen Anspruch darauf, die Beträge zu erhalten“.

Mit den Vorschlägen würde es erkrankten Erwerbstätigen jedoch ermöglicht, entsprechend ihrem Gesundheitszustand ihrer Arbeit in Teilen nachzugehen, so die Gutachter. Derzeit gilt in Deutschland eine „Alles-oder-Nichts-Regelung“. Der Empfehlung des Sachverständigenrats folgend könnte zukünftig der individuellen Situation und Leistungsfähigkeit erkrankter Erwerbstätiger flexibler entsprochen werden: Die Einstufung könnte auf 100 Prozent, 75 Prozent, 50 Prozent oder 25 Prozent Arbeitsunfähigkeit erfolgen und würde mit einer Verringerung der zu leistenden Arbeitszeit einhergehen. Nach Ablauf der Entgeltfortzahlung würde das Arbeitsentgelt entsprechend der Arbeitsunfähigkeit reduziert und durch ein Teilkrankengeld ergänzt. Die Einstufung sollte ausschließlich im Einvernehmen zwischen Arzt und betroffenem Arbeitnehmer erfolgen und bei einer Veränderung des Gesundheitszustands angepasst werden können.

Die Ärzte und Verbände in Deutschland reagierten auf den Vorschlag wenig begeistert: Sie kritisierten in einem Bericht der Ärzte-Zeitung die mangelnde Umsetzbarkeit der Teilzeit-Bescheinigung in der Praxis. Die Umsetzung dürfte für Ärzte eine enorme, zusätzliche Last bedeuten, weil Arzt und Patient über den Prozentsatz des Restleistungsvermögens diskutieren müssten, sagte Ulrich Weigeldt, der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes der Ärzte-Zeitung. Es sei schwer, sich vorzustellen, wie das bei einer Grippewelle ablaufen solle. Dazu komme die Unsicherheit, ob der Medizinische Dienst die Einschätzungen übernehmen oder zu anderen Einschätzungen kommen werde.

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