Nuklearenergie

Ärzte bezweifeln Sicherheit von Atomkraftwerken

Angesichts der steigenden Bedrohung durch gezielte Terroranschlägen auf Atomkraftwerke fordern Ärzte ein Umdenken.

Die Sicherheit von Atomkraftwerken kann immer weniger gewährleistet werden, so die Ärztevereinigung. (Foto: Flickr/ Metropolico.org/ cc by 2.0)

Die Sicherheit von Atomkraftwerken kann immer weniger gewährleistet werden, so die Ärztevereinigung. (Foto: Flickr/ Metropolico.org/ cc by 2.0)

Die beunruhigenden Nachrichten aus Belgien, wo die maroden Katastrophenmeiler Doel und Tihange offenbar konkret ins Visier von Terroristen genommen wurden, rücken die Gefahr einer „schmutzigen“ radioaktiven Bombe oder eines gezielten Anschlags auf ein Atomkraftwerk wieder stärker ins Bewusstsein. Die ärztliche Friedensorganisation IPPNW nutzt diesen Anlass, um vor der Gefahr eines terroristischen Angriffs auf ein Atomkraftwerk zu warnen. Die Sicherheit der Atomkraftwerke in Europa müsse demnach von den Behörden und der Politik grundsätzlich neu bewertet werden. Ärztinnen und Ärzte der IPPNW fordern, dass die belgischen Atomkraftwerke Doel und Tihange in einem ersten Schritt sofort stillgelegt werden und sich die Bundesregierung in Brüssel für einen europaweiten Atomausstieg so schnell wie möglich einsetzt.

Insbesondere Tihange war jüngst mehrfach Ziel von Protesten aus der Bevölkerung. Risse in dem Druckbehälter führen immer wieder zur Abschaltung und haben Ärzte in der nahegelegenen Stadt Aachen bereits dazu veranlasst, zehntausend Jod-Tabletten an die Bevölkerung zu verteilen, um sie im Ernstfall zumindest vor Schulddrüsenkrebs zu schützen. Durch die Einnahme von Jod soll in der Schilddrüse eine sogenannte Jodblockade aufgebaut werden, die die Aufnahme des gefährlichen radioaktiven Jods verhindert.

Die Ärzte sind besorgt um das zunehmende Gesundheitsrisiko, das die Nuklearen Kraftwerke und ihr Betrieb darstellen. Dass radioaktives Material aus Einrichtungen der Atomindustrie entwendet und mithilfe konventionellen Sprengstoffs in eine „schmutzige Bombe“ verwandelt wird oder dass diese Einrichtungen selbst zu Anschlagszielen werden, halten Experten für sehr wahrscheinlich. „Letztlich ist es nicht die Frage ob, sondern wann und wo wir das erste Mal mit einer solchen Situation konfrontiert sein werden,“ so Dr. Alex Rosen, Vorstandsmitglied der deutschen IPPNW. „Der Aufwand für die Terroristen wäre im Verhältnis zu den katastrophalen Folgen für die Zivilbevölkerung relativ gering, solange weiter tagtäglich Unmengen radioaktives Material kreuz und quer durch Europa gefahren und an unzureichend gesicherten Orten aufbewahrt werden: Auf dem Gelände der rund 200 europäischen Atomkraftwerke, in atomaren Zwischenlagern wie Ahaus oder Gorleben, in Brennelementfabriken wie Lingen, in Urananreicherungsanlagen wie Gronau oder in Forschungsreaktoren wie in Berlin-Wannsee, Garching bei München oder Jülich.“

Im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen die Attentäter aus Belgien war ans Licht gekommen, dass sie offenbar den Leiter eines Atomkraftwerks wochenlang per Video überwacht und geplant hatten, radioaktives Material von ihm zu erpressen. Sicherheitsexperten sind sich einig, dass Atomkraftwerke nicht wirksam gegen Terroranschläge zu schützen sind. Vorkehrungs- und Schutzmaßnahmen gegen gewaltsame Angriffe und Cyberattacken durch Hacker oder Computerviren wurden bei den AKW-„Stresstests“ der EU nicht abgefragt. Mögliche Anschlagsszenarien, wie sie in der jüngsten Studie des BUND dargelegt wurden, reichen von konventionellen Sprengstoffanschlägen über Angriffe mit Hubschraubern, tragbaren panzerbrechenden Waffensystemen bis hin zum gezielten Absturz eines Flugzeugs über dem Reaktorgebäude. „Die mögliche Folge solcher Anschläge wäre eine Zerstörung des Reaktordruckbehälters, der Kühlsysteme oder elektronischer Komponenten mit der Folge einer Kernschmelze und dem Austritt großer Mengen an Radioaktivität,“ so Rosen.

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