Wirtschaft

Studie: Vorsicht vor Werbung mit Vitaminen

Die Lebensmittelbranche setzt auf stetig neue Mittel, um ihre Produkte an die Konsumenten zu bringen. Besonders Lebensmittel, die scheinbar „zusätzliche Vitamine“ aufweisen, werden gern gekauft. Auch Softdrinks und Süßigkeiten wollen so den Konsumenten für sich gewinnen. Oft sind aber die Lebensmittel mit extra Vitaminen sehr süß bzw. sehr fett, also genau das Gegenteil von gesund. Foodwatch fordert deshalb einen gesetzliche Regelung für eine derart irreführende Werbung.

Von den untersuchten Produkten sind knapp 90 Prozent zu süß, zu fettig oder zu salzig. (Foto: foodwatch)

Von den untersuchten Produkten sind knapp 90 Prozent zu süß, zu fettig oder zu salzig. (Foto: foodwatch)

Foodwatch hat im Februar und März 2016 in Deutschland und den Niederlanden in Supermärkten und Discountern recherchiert. In beiden Ländern wurde dazu jeweils ein Markt der drei umsatzstärksten Händler aufgesucht und alle Produkte erfasst, auf deren Verpackungsvorderseite mit Vitaminen geworben wird. In Deutschland wurden 214 und in den Niederlanden 430 solcher Produkte gefunden. Die Lebensmittel wurden anschließend anhand des WHO-Nährwertprofilmodells als ausgewogen oder unausgewogen eingestuft.

Die Ergebnisse der Untersuchungen sind eindeutig: Von den in Deutschland untersuchten Produkten mit beworbenen Vitaminen erfüllen 89 Prozent (190 von 214 Produkten) nicht die Kriterien des WHO-Nährwertprofilmodells für ausgewogene Lebensmittel. In den Niederlanden sind 76 Prozent (325 von 430) der untersuchten Produkte mit Vitaminwerbung unausgewogen. Vor allem auf Süßigkeiten und gesüßten Getränken sind derart irreführende Botschaften zu finden. Aber auch bei Fruchtsäften und Joghurts wird dies von den Herstellern gern genutzt, um ihre Produkte gesünder und damit attraktiver wirken zu lassen.

„Ob Fruchtgummis, Bonbons oder zuckrige Getränke – die Lebensmittelhersteller nutzen die Unfähigkeit der EU schamlos aus, sich endlich auf Regeln zu einigen“, so foodwatch. Die Health-Claims-Verordnung sollte in der EU eigentlich genau das verhindern. Nur Lebensmittel, die danach als ausgewogen eingestuft werden, sollen mit gesundheits- oder nährwertbezogenen Angaben werben dürfen. Die EU-Kommission hat 2009 einen Entwurf für ein solches Modell vorgelegt. Die Umsetzung ist jedoch seit sieben Jahren im Verzug.

Derzeit ist allerdings unklar, ob die Nährwertprofile schließlich, wie in der Verordnung festgeschrieben, eingesetzt werden oder ob sie gestrichen werden sollen. Unter dem Deckmantel der „Vereinfachung von Gesetzen“ (dem sogenannten REFIT-Programm) führt die EU derzeit eine Evaluierung der Health-Claims-Verordnung bezüglich der Nährwertprofile durch. Mitte April 2016 stimmt außerdem das europäische Parlament über den Vorschlag ab, die Nährwertprofile ganz aus der Verordnung zu streichen.

Doch nicht nur die Verbrauchertäuschung ist bei dieser Herstellerpraxis zu kritisieren. Bei Produkten, die mit Vitaminen angereichert wurden, besteht darüber hinaus die Gefahr einer Überdosierung. Diese kann nachteilige Folgen für die Gesundheit haben. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät zum Beispiel von der Anreicherung von Lebensmitteln mit Vitamin A (außer bei Margarine) und Vitamin D ab. Dennoch sind zum Beispiel viele gesüßte ACE-Getränke oder zuckrige Joghurts mit Vitamin D auf dem Markt. „Hier wird gezielt mit der Angst von Verbraucherinnen und Verbrauchern vor einem Vitaminmangel gespielt, um die Produkte als gesund zu vermarkten“, heißt es in der Studie von foodwatch.

In 85 Prozent der Fälle wurden die Vitamine künstlich zugefügt. Dabei sind die meisten Menschen in Deutschland laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung (DGE) mit Vitaminen ausreichend versorgt. Aus diesem Grund müsse die EU-Kommission endlich die Health-Claims-Verordnung umsetzen.

Schließlich stellen die Folgen der weitverbreiteten Fehlernährung bereits jetzt eine immense gesellschaftliche Herausforderung dar: In den letzten Jahrzehnten ist weltweit ein dramatischer Anstieg von Übergewicht und ernährungsbedingten Krankheiten wie Diabetes Typ II zu beobachten. In Deutschland gelten ungefähr 60 Prozent der Menschen als übergewichtig, fast jeder Vierte gilt als fettleibig. Experten zufolge entstehen allein durch Adipositas (Fettleibigkeit) in Deutschland jährlich 63 Milliarden Euro gesamtgesellschaftliche Kosten. Mehr als 6 Millionen Menschen sind hierzulande an Diabetes Typ II erkrankt.

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