Forschung

Wissenschaftler entdecken Antibiotika in der Nase

Die zunehmende Antibiotika-Resistenz hat viele Gesundheitsorganisationen zu Warnung veranlasst. Zu häufig werden Antibiotika verschrieben, die Zahl der Antibiotika-resistenten Bakterien steigt. In den kommenden Jahren kann dies zu zahlreichen Todesfällen führen.

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Die chemische Strukturformel des neu entdeckten Antibiotikums „Lugdunin“. Außerdem im Bild: die beiden Erstautoren Alexander Zipperer (links) und Martin Christoph Konnerth (rechts). Foto: Martin Christoph Konnerth

Die chemische Strukturformel des neu entdeckten Antibiotikums „Lugdunin“. Außerdem im Bild: die beiden Erstautoren Alexander Zipperer (links) und Martin Christoph Konnerth (rechts). Foto: Martin Christoph Konnerth

Die Zahl der Menschen, die sich mit Krankheiten infizieren, gegen die keine Antibiotika mehr helfen, steigt rapide. Jedes Jahr infizieren sich etwa 700.000. Nicht nur, dass viele Bakterien nicht mehr auf die Antibiotika anspringen, ist beunruhigend, sondern auch die Tatsache, dass die Pharmaindustrie derzeit eigentlich kein Interesse an der Forschung zu neuen Antibiotika hat. Zu hoch sind die Forschungskosten, zu gering die Gewinne, die die Medikamente am Ende abwerfen.

Wissenschaftler der Universität Tübingen könnten nun aber wieder etwas Bewegung in die Diskussion einfließen lassen. Sie haben ein spezielles Bakterium in der menschlichen Nase entdeckt und konnten daraus einen neuartigen antibiotischen Wirkstoff gegen multiresistente Erreger entwickeln. Zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) hatten sie das in der Nase lebende Bakterium Staphylococcus lugdunensis entdeckt. Der bisher unbekannte Wirkstoff, Lugdunin, soll selbst bei Erregern helfen, gegen die herkömmliche Antibiotika keine Chance haben.

Normalerweise werden Antibiotika nur von Bodenbakterien und Pilzen gebildet“, sagte Andreas Peschel vom Interfakultären Institut für Mikrobiologie und Infektionsmedizin Tübingen (IMIT). „Dass auch die menschliche Mikroflora eine Quelle für antimikrobielle Wirkstoffe sein kann, ist eine neue Erkenntnis.“ Bei Versuchen bemerkten die Wissenschaftler, dass der bedrohliche Erreger Staphylococcus aureus nur sehr selten zu sehen war, wenn das Bakterium Staphylococcus lugdunensis ebenfalls in der Nase lebt.

Zukünftig solle deshalb untersucht werden, ob „Lugdunin“ tatsächlich therapeutische Anwendung finden könnte. Denkbar wäre etwa, Risikopatienten mit harmlosen „Lugdunin“-bildenden Bakterien zu besiedeln, um so das Risiko von MRSA-Infektionen vorbeugend zu senken, so die Forscher. Eine chemische Untersuchung des Lugdunin zeigte, dass die Struktur des Bakteriums aus einer bisher unbekannten Ringstruktur von Aminosäurebausteinen besteht und somit eine neue Stoffklasse begründet.

„Es gibt Schätzungen, dass in den kommenden Jahrzehnten mehr Menschen durch resistente Keime als an Krebs sterben werden“, sagte Bernhard Krismer. Die unsachgemäße Nutzung von Antibiotika verstärke die bedenkliche Entwicklung, so Krismer weiter. Da sich viele der Erreger als Teil der menschlichen Mikroflora aber auf Haut und Schleimhäuten befänden, könnten Menschen ihnen nicht aus dem Weg gehen.

Unternehme man nichts gegen die Ausbreitung der Antibiotika-Resistenzen, könnten ab dem Jahr 2050 zehn Millionen Menschen an Infektionen sterben, gegen die es keine Medikamente gibt, warnten jüngst britische Wissenschaftler. Das entspricht einem Todesfall alle drei Sekunden. „Antimikrobielle Medikamente verlieren immer stärker an Wirksamkeit und die Welt entwickelt nicht ausreichend neue, um dem etwas entgegenzusetzen“, heißt es in dem Bericht. Kommt es tatsächlich zu einer solch dramatischen Entwicklung, wie zuvor beschrieben, würden die kumulativen wirtschaftlichen Kosten bei etwa 90 Billionen Euro liegen.

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