Wirtschaft

Briten riskieren nach Brexit Arznei-Engpässe

Der Schweizer Pharmakonzern Roche warnt vor negativen Auswirkungen des Brexit für die britischen Patienten.

London (Foto: Flickr/Thomas Fabian/CC by sa 2.0)

London (Foto: Flickr/Thomas Fabian/CC by sa 2.0)

Wenn Großbritannien nicht mehr Teil des EU-weiten Medikamenten-Zulassungsverfahrens sei, müsse das Vereinigte Königreich die entsprechenden Kontrollinstanzen selbst aufbauen, sagte Konzernchef Severin Schwan. Das berge die Gefahr von Verzögerung bei der Einführung neuer Medikamente. „Wenn die Regulierungsbehörden nicht zur Zeit vorhanden sind, besteht für die Patienten das Risiko, dass sie die Medikamente nicht erhalten“, sagte Schwan. Roche ist der weltweit größte Anbieter von Krebsmedikamenten.

Mit dem vor einem Monat beschlossenen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) dürfte die European Medicines Agency (EMA) London verlassen. Mailand, Strassburg und verschiedene andere Städte auf dem Kontinent haben bereits ihr Interesse an der Behörde mit 890 Mitarbeitern angekündigt. Der Chef des spanischen Pharmaunternehmens Almirall, Eduardo Sanchiz, befürchtet, dass die Umsiedlung zu Störungen bei der Zulassung von Medikamenten führen könnte.

Roche-Chef Schwan sorgt sich weniger um die EU als um Großbritannien. Die EMA sei zwar in London angesiedelt, aber der Zulassungsprozess sei ein dezentrales Verfahren, an dem sich viele europäische Länder beteiligten. „Jetzt müssen sie das im Prinzip alleine machen.“ Schwan ließ auch durchblicken, dass Roche die Investitionen in dem Land überdenken könnte. Er hoffe, dass Großbritannien bezüglich Forschung und Innovation eines der führenden Länder der Welt bleibe. Investitionen hingen aber auch davon ab, dass die Einführung von neuen Medikamenten nicht behindert werde.

Roche hat auch selbst ein Interesse daran, dass neue Wirkstoffe zugelassen werden. Nur für Arzneien, die lebensverlängernd oder heilend wirken, kann der Basler Pharmariese Höchstpreise von jährlich tausenden oder gar zehntausenden Franken verlangen.

Schwan zufolge sind die direkten Auswirkungen des Brexit für Roche begrenzt. Ähnlich hatte sich schon Rivale Novartis geäußert. Roche erwirtschafte in Großbritannien nicht einmal drei Prozent des Gesamtumsatzes. Insgesamt setzten die Basler im ersten Halbjahr 25 Milliarden Franken um, sechs Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Wachstumstreiber waren Medikamente gegen Brustkrebs und immunologische Erkrankungen.

Der Konzerngewinn kletterte um vier Prozent auf 5,47 Milliarden Franken. Roche sieht sich nach sechs Monaten zudem auf Kurs zu seinen Jahreszielen. Schwan peilt währungsbereinigt 2016 einen Umsatzanstieg im niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbereich an. Da die bisherigen Umsatzrenner aber an Zugkraft verlieren dürften, hofft der Manager auf Nachschub. „Im Verlauf von zwölf Monaten bringen wir fünf neue Medikamente auf den Markt“, kündigte Schwan an. „Dies ist in der Roche-Geschichte eine beispiellose Zahl von Neulancierungen in einer so kurzen Zeit.“

Zwei große EU-Behörden stehen vor dem Abschied aus Großbritannien, wenn das Vereinigte Königreich die EU verlässt. Sowohl die Mitarbeiter der EU-Bankenregulierer (EBA) als auch der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) müssen London nach aktuellem Stand „Goodbye“ sagen, nachdem die britische Bevölkerung sich mit einer knappen Mehrheit gegen einen Verbleib des Landes in der EU ausgesprochen hat.

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