Wirtschaft

Zuckerlobby hat immensen Einfluss auf die EU-Politik

Die Diabetes-Fälle und die Zahl der Übergewichtigen steigen. Doch die EU geht keinesfalls strenger gegen die Verschleierungspolitik der Unternehmen vor, wie eine aktuelle Studie zeigt. Tatsächlich trägt die millionenschwere Lobbyarbeit der Zuckerindustrie reife Früchte.

Nicht nur in Süßigkeiten steckt Zucker. (Foto: Flickr/ Pulpolux !!!/CC by nc 2.0)

Nicht nur in Süßigkeiten steckt Zucker. (Foto: Flickr/ Pulpolux !!!/CC by nc 2.0)

Die Ernährungsberater und Ärzte warnen vor dem Überfluss an Zucker in unzähligen Lebensmitteln und den daraus resultierenden, vielen Übergewichtigen. Nicht nur in Softdrinks und Schokolade ist Zucker enthalten. Zucker findet sich auch in Milch und vielen vermeintlich gesunden Fertiggerichten. Zwar gibt es entsprechende Bemühungen in der EU, hier mehr einzulenken, doch die Macht der Zuckerindustrie ist groß, wie der aktuelle Bericht „A spoonful of sugar“ der NGO Corporate Europe zeigt.

Jedes Jahr gibt die Zuckerindustrie 21,3 Millionen Euro für Lobbyarbeit in der Europäischen Union aus. Ihr Ziel ist es, strengere und detailliertere Regelungen in der EU zu verhindern bzw. abzuschwächen. „Es gibt so viele unabhängige wissenschaftliche Studien, die einen Zusammenhang zwischen exzessiven Zuckerkonsum und ernsthaften, gesundheitlichen Risiken zeigen“, sagt Katharina Ainger, CO-Autorin der Studie. „Aber die Tatsache, dass es unter den EU-Behörden keinen Konsens über die Gefahren von Zucker gibt, beweist wie mächtig die Lebensmittel- und Getränkelobby ist.“

Ein Erfolg sei es beispielsweise, dass auf der Verpackung von Lebensmitteln nicht unterschieden werde, wieviel natürlicher Zucker – beispielsweise Fruchtzucker – und wieviel beigemischter Zucker enthalten ist. So gab es einige EU-Länder, die diese Informationen gern gesehen hätten, die EU hält aber dagegen. Und mit der im Dezember 2016 in Kraft tretenden EU-Lebensmittelinformationsverordnung wird es sogar verboten, derartiges auf die Verpackung zu schreiben.

Allein in Deutschland haben sich 2014 sieben Millionen Menschen wegen Adipositas ärztlich behandeln lassen müssen. Insgesamt stieg die Zahl der Krankenhausaufenthalte im Jahr 2015 um 7,1 Prozent auf 218 Fälle von 204 pro 1000 Versicherten im Vorjahr. Und mehr als die Hälfte der EU-Bürger ist übergewichtig oder fettleibig, so die Studie. Vor allem die Zunahme der gegessenen Fertigprodukte trägt dazu bei. Die Bürger sind immer gestresster und suchen nach einer schnellen Mahlzeit oder sie können sich frische Lebensmittel nicht leisten. 2014 konnten zehn Prozent der EU-Bürger sich nicht einmal jeden zweiten Tag eine ausgewogene Mahlzeit leisten.

Der NGO zufolge arbeitet die Zuckerindustrie an mehreren Stellschrauben der EU gleichzeitig. So spricht sich die Industrie für Handelsabkommen wie CETA und TTIP aus, die eine Lockerung in der Lebensmittelbranche nach sich ziehen. Beschwerden und Klagen von Unternehmen werden genutzt, um Staaten einzuschüchtern, wenn sie beispielsweise sogenannte Zucker-Steuern einführen wollen. Die Zuckerindustrie fertigt zudem eigene Studien zu den Folgen von Zuckerkonsum an. Nicht selten landen die auch auf dem Tisch von Behörden.

Die Europäische Lebensmittelbehörde (EFSA) etwa hat mehrere Studien ausgewertet, um den möglichen Zusammenhang zwischen zu viel Zucker und Übergewicht zu beurteilen. Vier der fünf Studien stammten aus der Wirtschaft. Das Ergebnis: Die EFSA sprach davon, dass es nicht genügend wissenschaftliche Beweise für einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Übergewicht gebe. Die Weltgesundheitsorganisation sieht das anders. Zudem nutzen Unternehmen ihre Marktmacht, die sie bei großen sportlichen Events als Sponsor haben.

Die Vereinigung FoodDrinkEurope hatte eine Milliarde Euro für eine erfolgreiche Kampagne gegen die Einführung einer europaweiten Lebensmittel-Ampel auf den Verpackungen geplant. Die Ampel wird nicht eingeführt, obwohl Ernährungsexperten und Verbraucherschützer das System befürworten.

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