Pharmabranche

Pflegefall Antibiotika: Kaum Forschung deutscher Firmen

Patienten sind zunehmend resistent gegen Antibiotika. Doch für die Industrie ist die Forschung kaum mehr lukrativ.

Lediglich zwei deutsche Pharmafirmen forschen derzeit nach neuen Antibiotika. (Foto: Flickr/Sheep purple/CC BY 2.0)

Lediglich zwei deutsche Pharmafirmen forschen derzeit nach neuen Antibiotika. (Foto: Flickr/Sheep purple/CC BY 2.0)

Der Fall schlug Wellen: Alle 26 zugelassenen Antibiotika konnten einer an einem multiresistenten Keim erkrankten Rentnerin in den USA nicht helfen – die Frau stirbt nach erfolgloser Behandlung letztlich an einer Blutvergiftung, berichtet Reuters.

Herkömmliche Antibiotika stoßen immer mehr an ihre Grenzen, weil multiresistente Keime weltweit zunehmen. Helfen könnten neue Präparate, die als Reserve dienen, wenn alle anderen Mittel versagen. Doch für die Pharmaunternehmen ist die Erforschung neuer Antibiotika wenig lukrativ. Denn die Rendite ist bei Volkskrankheiten wie Diabetes oder kostspieligen Krebsbehandlungen viel höher als bei Antibiotika, die üblicherweise nur für wenige Tage verschrieben werden und möglichst selten zur Anwendung kommen sollten.

Dabei zeigt das Schicksal der Rentnerin aus den USA, wie dringend der Bedarf an neuen Antibiotika ist. Schätzungen gehen von weltweit bis zu 700.000 Todesfällen im Jahr aufgrund von Antibiotikaresistenzen aus. „Wir sind dabei, von den Krankheitserregern in die Enge gedrängt zu werden“, sagt der Antibiotika-Forscher Kim Lewis, Professor an der Northeastern Universität in Boston. „Ohne Antibiotika gibt es im Grunde keine moderne Medizin.“

Bereits 2014 warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO vor einer weltweiten Bedrohung durch Antibiotikaresistenzen. Ohne geeignete Maßnahmen stehe die Welt vor einer „post-antibiotischen Ära“, in der gewöhnliche Infektionen und leichte Verletzungen wieder tödlich enden könnten. Rund 30 Jahre ist es her, dass die bislang letzte komplett neue Klasse von Antibiotika auf den Markt kam.

„Das ist ein Riesenproblem, aber es wird von der Politik nicht genug getan. Es braucht wohl erst eine große Krankheitswelle, bis etwas passiert“, sagt Oliver Baron, Geschäftsführer des Exzellenzclusters Integrierte Proteinwissenschaften (CIPSM) der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Baron war Geschäftsführer des Biotech-Start-ups Aviru, eine Ausgründung der beiden Münchener Universitäten, das neue Antibiotika erforschte. 2015 musste Aviru nach Angaben von Baron jedoch den Betrieb einstellen, nachdem das Bundesforschungsministerium die Förderung des Unternehmens stoppte – mit der Begründung, dass diese zu risikoreich sei. Die Erforschung neuer Arzneimittel ist teuer und riskant, das liegt in der Natur der Sache. Von der Idee bis zur ersten Zulassung dauert es in der Regel mehr als 13 Jahre. Von 5.000 bis 10.000 Substanzen, die in den Laboren untersucht werden, erreicht nach Angaben des Verbands forschender Arzneimittelhersteller vfa im Schnitt nur eine tatsächlich später den Markt.

Zu risikoreich, zu wenig Ertrag: Während in den 1980er Jahren noch viele große Pharmaunternehmen aus den USA und Europa in der Antibiotikaforschung tätig waren, sind es heute mit Sanofi, GlaxoSmithKline, Merck&Co, Roche sowie Novartis nur noch eine Handvoll. Die deutschen Pharmariesen Bayer und Merck hatten sich bereits vor Jahren verabschiedet. Unter den deutschen Pharmafirmen forschen nach vfa-Angaben lediglich zwei nach neuen Antibiotika: die Hamburger Evotec sowie die Wuppertaler AiCuris, die vor gut zehn Jahren als Spin-off aus der Antibiotikaforschung von Bayer entstand.

Doch bis aus deren Laboren ein neues Antibiotikum auf den Markt kommen könnte, dürften noch viele Jahre vergehen. Evotec befindet sich mit seinen Projekten derzeit noch in der präklinischen Prüfung, die ein neuer Wirkstoff durchläuft, bevor er am Menschen erprobt werden kann. Das Antibiotikum von AiCuris steckt in der ersten von drei Phasen der klinischen Entwicklung. „Wir sprechen da von Zeiträumen von rund zehn Jahren, bis ein neues Antibiotikum auf den Markt kommt“, sagt AiCuris-Chef Holger Zimmermann. „Wenn ich Antibiotika entwickele, die nur begrenzt eingesetzt werden können oder sollen, muss das Verständnis da sein, dass diese auch hochpreisig verkauft werden können, damit für Firmen klar ist, dass sich die Entwicklung lohnen kann.“

Der Weltmarkt für Antibiotika ist zwar mit Jahresumsätzen von rund 40 Milliarden Dollar relativ groß, doch nur etwa 4,7 Milliarden davon werden mit patentgeschützten Antibiotika erzielt – weniger als der Jahresumsatz nur eines der weltweit umsatzstärksten Krebsmedikamente.

Ex-Bayer-Chef Marijn Dekkers hatte bereits vor zwei Jahren moniert, ohne staatliche Unterstützung gebe es zu wenige Anreize, neue Antibiotika für Patienten zu entwickeln, die insbesondere in Krankenhäusern mit resistenten Keimen kämpfen. Die Bundesregierung setzt im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen unter anderem auf mehr Kooperationen zwischen universitären Einrichtungen und der Industrie. Mit dem geplanten Gesetz zur Stärkung der Arzneimittelversorgung sollen zudem dringend benötigte Reserve-Antibiotika, die im Notfall gegen resistente Keime eingesetzt werden können, bei der Vergütung besser gestellt werden, um die Erforschung solcher Präparate anzukurbeln. Auch die Entwicklung von Schnelltests zur zielgenauen Anwendung von Antibiotika soll gefördert werden.

Jährlich stellt das Bundesforschungsministerium über die zeitlich befristete Projektförderung rund 27 Millionen Euro für die Antibiotikaforschung zur Verfügung, diese Förderung steht auch Unternehmen offen. Derzeit werden aber keine großen Industrieprojekte zur Antibiotikaforschung gefördert. Auch außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung oder das Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie werden finanziell unterstützt. Doch nach Angaben des vfa kann alleine die Entwicklung eines neuen Antibiotikums bis zu 1,5 Milliarden Euro kosten.

Die mangelnde Finanzkraft bekommt auch die Wissenschaft zu spüren: Forscher der Universität Würzburg haben einen Antikörper entdeckt, der resistente Bakterien bekämpfen soll. „Wir haben den Antikörper seit zwei Jahren fertig entwickelt und könnten direkt mit der klinischen Erprobung beginnen“, sagt Knut Ohlsen vom Institut für Molekulare Infektionsbiologie der Uni Würzburg. Allein – es fehlt an Geld. „Wir sind seit Jahren auf der Suche nach Kapitalgebern“, erklärt Ohlsen und bringt das Problem auf den Punkt: „Je wirksamer und spezifischer ein Mittel ist, desto weniger Geld kann man damit verdienen. Der Antibiotika-Markt liefert nicht die Milliarden-Einnahmen, die sich ein Pharmakonzern oder ein Investorenkonsortium vorstellen.“

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