Gesundheitswirtschaft

Milliardengeschäft: Kliniken werben um Auslandspatienten

Deutsche Krankenhäuser buhlen um reiche Patienten aus aller Welt. Das beschert Einnahmen von mehr als 1,2 Milliarden Euro.

Das Werben um ausländische Patienten ist für deutsche Kliniken lukrativ. (Foto: Flickr/401(K) 2012/CC BY-SA 2.0)

Das Werben um ausländische Patienten ist für deutsche Kliniken lukrativ. (Foto: Flickr/401(K) 2012/CC BY-SA 2.0)

Prominenter geht es kaum: Ägyptens damaliger Präsident Husni Mubarak wählte die Uni-Klinik Heidelberg, als er sich 2010 die Gallenblase entfernen ließ. Kasachstans Machthaber Nursultan Nasarbajew folgte nur ein Jahr später mit einer Prostata-Operation in Hamburg. Und die frühere ukrainische Regierungschefin Julia Timoschenko unterzog sich in Berlin einem Eingriff am Rücken.

Jens Juszczak wundert sich nicht über einen solchen Andrang. „Weil sie eine hervorragende Qualität, ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und gut ausgebildete Ärzte haben, sind deutsche Kliniken weltweit so beliebt“, zitiert die dpa den Wissenschaftler der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem „Gesundheitstourismus“.

Russen, die ihrer Gattin eine neue Brust bezahlen, oder Araber, die für eine Botox-Kur anreisen: Wenige Sparten der Branche scheinen so voller Klischees wie der Aufenthalt ausländischer Patienten. „Viele kommen zunächst zu einer anderen medizinischen Behandlung“, sagt Benjamin Waschow vom Universitätsklinikum Freiburg. Erst später stünde dann vielleicht eine Beratung mit dem Schönheitschirurgen an.

Oft fragen Patienten mit ernsten Erkrankungen an, die kein Vertrauen in das Gesundheitssystem ihres eigenen Landes haben. Es geht etwa um Geburtsschäden, Unfallverletzungen oder Kriegswunden. Viele dieser Kunden kratzen ihr letztes Geld zusammen. Für sie präsentiert sich Deutschland als Paradies: top-ausgebildete Ärzte, moderne Kliniken.

Der Markt ist umkämpft – und lukrativ. Mehr als 250 000 Ausländer reisen jährlich an, um sich behandeln zu lassen. „Das beschert dem deutschen Gesundheitssystem Einnahmen von mehr als 1,2 Milliarden Euro“, sagt Juszczak. Viele Medizintouristen stammen aus früheren Sowjetrepubliken, vor allem aus Russland. Patienten aus den Golfstaaten ließen sich früher oft in den USA operieren, etliche zieht es inzwischen eher nach Deutschland. Experten vermuten dahinter Ressentiments gegen Muslime in den USA nach den Anschlägen von 2001.

Mittlerweile werde aber die Türkei zunehmend interessant für arabischsprachige Länder, erklärt Martin Schmidt von der Freiburger Erich-Lexer-Klinik. „Die Ärzte dort wurden sehr oft in Deutschland oder den USA ausgebildet und arbeiten auf einem ähnlichen Niveau wie zumindest Deutsche – und gehören dem Islam an.“

Deutlich weniger Patienten kamen zuletzt aus Russland. „Die wirtschaftliche und die politische Krise führten zu einem Rückgang von etwa 30 Prozent“, sagt Juszczak. Die Zahlen von Kunden aus dem arabischen Raum seien ebenfalls rückläufig.

Auslöser seien unter anderem geschrumpftes Kapital für Behandlungen im Ausland sowie ein Skandal in Stuttgart. Das dortige Klinikum blieb auf Forderungen von 9,4 Millionen Euro sitzen. Hintergrund sind Verträge mit Libyen und Kuwait.

Doch wenn der Patient seltener zur Klinik kommt, kommt die Klinik eben zum Patienten: Baden-Württemberg wirbt etwa auf Fachmessen wie der „Arab Health“ in Dubai. Anfang Februar präsentierten sich dort die Region Freiburg, der Landkreis Konstanz, die Region Schwarzwald und die Metropolregion Rhein-Neckar. Sie werben nicht nur mit Medizin, sondern auch mit schöner Landschaft. Gesundheitstouristen sollen nach einem Eingriff noch Urlaub machen, lautet der Wunsch.

Mancher Kunde aus den Golfstaaten bestehe darauf, von einem Mann oder – falls es eine Frau ist – von einer Ärztin untersucht zu werden, heißt es. Wichtig seien auch Dolmetscher. „Wir haben ein ‚International Office‘, das sich um die Organisation, Betreuung und Übersetzung kümmert“, sagt Paul-Georg Friedrich-Schmieder von den Kliniken Schmieder in Allensbach am Bodensee.

Er setzt auf den direkten Kontakt, nicht auf Vermittler. Auch Doris Rübsam-Brodkorb vom Universitätsklinikum Heidelberg betont, dass das Krankenhaus nur Vermittler mit speziellen Prüfungen akzeptiere und Provisionszahlungen ablehne. Immer wieder ist zu hören, dass nicht jeder Vermittler nur das Wohl seines Klienten im Sinn habe.

Dass die Behandlung von Kunden aus dem Ausland zu Nachteilen bei einheimischen Patienten führt, hält Juszczak für unwahrscheinlich. „Bei sehr speziellen Therapien kann es einmal zu Wartezeiten kommen, aber insgesamt ist die Zahl ausländischer Patienten vergleichsweise sehr gering“, sagt der Experte. Ein ähnliches Bild zeichnet zum Beispiel Heidelberg. 2015 hatte das Klinikum nach eigenen Angaben 1200 stationäre internationale Patienten – das waren 2,1 Prozent.

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