Lebensmittelskandal

Osteuropäer wollen nicht EU-Mitglieder zweiter Klasse werden

In der EU haben nicht alle den gleichen Status. Es gibt deutliche Qualitätsunterschiede bei Lebensmitteln in Ost und West.

Viele Kunden sind verunsichert: Ein Vergleich der Ware ist für sie nicht möglich. (Foto: Flickr/Dez Creates/CC BY-SA 2.0)

Viele Kunden sind verunsichert: Ein Vergleich der Ware ist für sie nicht möglich. (Foto: Flickr/Dez Creates/CC BY-SA 2.0)

Die Konsumenten in Osteuropa sind verunsichert, ob sie beim Griff in das Supermarkt-Regal wirklich das bekommen, was ihnen in der Werbung versprochen wurde. Die Angst, Menschen zweiter Wahl zu sein, obwohl die EU doch als Einheit agieren sollte, ist groß.

Der Hintergrund ist ein Vergleich verschiedener Lebensmittel in Osteuropa und Österreich. Der Vorwurf: Gleiche Markenprodukte besitzen erhebliche Qualitätsunterschiede. Die nationale Lebensmittel-Aufsichtsbehörde Ungarns (Nebih) hatte in einer Untersuchung 24 Produkte verglichen: Die Salzburger Nachrichten sprechen von Ergebnissen wie „der Milchreis von Landliebe sei cremiger“ oder „Nutella schmecke im Westen schokoladiger“. Kritiker halten diese Ergebnisse für subjektiv – zurecht. Doch eine zweite Untersuchung des Agrarministeriums in Bratislava ergab, dass nahezu die Hälfte der getesteten Produkte aus der Slowakei eine geringere Qualität hatte als diejenigen aus Österreich. Bei ein und demselben Markennamen gebe es Unterschiede im Fleisch- oder Käseanteil, bei Zusatzstoffen, Konservierungsmitteln und der Füllmenge, hieß es.

Der slowakische Regierungschef Robert Fico hat die multinationalen Konzerne nun an den Pranger gestellt. Gemeinsam mit seinen Amtskollegen der Visegrad-Länder (Slowakei, Tschechien, Polen und Ungarn) will Fico den Druck auf die EU-Kommission in Brüssel erhöhen, gesetzliche Kontrollmechanismen einzuführen. Das war ein wichtiger Punkt des Gipfels der vier Staaten am Donnerstag in Warschau. „In der EU darf es nur eine Qualitätsstufe für alle geben, und zwar die höchste“, forderte der tschechische Regierungschef Bohuslav Sobotka.

Die Angst, zur zweiten Klasse zu gehören, gibt es auch beim EU-Beitrittskandidaten Serbien: Die Tageszeitung „Blic“ aus Belgrad kritisiert die viele „Ausschussware“ im Land. Viele Produkte seien von minderer Qualität, zitiert das Blatt Verbraucherschützer. Das Spektrum reiche von schlecht reinigendem Waschpulver bis hin zum Honig, der mit Maissirup gestreckt sei.

Milos Lauko vom slowakischen Verbraucherverband lässt das Argument nicht gelten, dass die jeweilige Zusammensetzung ja auf der Verpackung angegeben sei: „Der einzelne Konsument kann nicht das Kleingedruckte auf seiner Packung im Osten mit der im Westen vergleichen.“ Die Waren seien auch nicht automatisch billiger. „Der Preis ist gerade bei Produkten mit klingenden Markennamen oft genauso hoch und die Qualität trotzdem schlechter“, sagt er.

Kritische Beobachter sehen im Vorstoß der Visegrad-Gruppe aus Tschechien, Polen, Ungarn und Slowakei indes einen Versuch, ein neues populistisches Thema zu finden, das sie eint, so die Deutsche Presse Agentur. In der Flüchtlingskrise hatte sich das informelle Bündnis gegen die Quotenverteilung aufgelehnt – obwohl es kaum Flüchtlinge aus dem Nahen Osten oder Afrika in den vier Ländern gibt.

Lubos Palata von der Prager Zeitung „MF Dnes“ sieht in der Markenpfusch-Kampagne ein „Paradox“: Dieselben vier Visegrad-Staaten, die jetzt nach mehr EU-Kontrollen riefen, würden in anderen Fällen von einem „Diktat Brüssels“ sprechen, berichtet der EUObserver – zum Beispiel, wenn es um die Rechtsstaatlichkeit geht. „Wir haben ein Recht auf gleich gute Lebensmittel wie der Rest der EU – aber auch auf eine gleich gute Demokratie“, fordert der tschechische Journalist daher.

Selbige vier Staaten sehen ein Problem in der Integration neuer EU-Mitglieder. Jede Art der Desintegration wie in dem Lebensmittelskandal schüre den Riss innerhalb der Union, so ein offizielles Statement. Dies war eine Reaktion auf Junckers Vorhersagen der europäischen Zukunft, wo er u.a. ein Europa zweier Geschwindigkeiten beschrieb, über das sich auch Bundeskanzlerin Merkel bereits geäußert hatte. Mitgliedsstaaten, die enger zusammenarbeiten wollten, könnten dies somit tun – während andere die freie Wahl hätten, daran teilzunehmen. Im Vordergrund steht somit die Angst osteuropäischer Staaten, hinter den westlichen EU-Mitgliedern zurückzufallen.

Die Visegrad-Staaten erhalten EU-Gelder, um die Entwicklung ärmerer Regionen ihrer Länder voranzutreiben. Der ungarische Premier Viktor Orban unterstellt westlichen Unternehmen jedoch, dass diese durch die finanzielle Hilfe bewusst profitieren. In Rumänien sorge man sich z.B. darum, dass die einheimischen Lebensmittel immer mehr von westlichen Billigprodukten verdrängt werden, berichtet die dpa. Deshalb wurde Mitte des letzten Jahres ein Gesetz beschlossen, demzufolge die Supermärkte zu 51 Prozent Waren aus regionaler Erzeugung im Regal haben müssen. Dagegen hat die EU nun ein Verfahren eingeleitet.

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