Brexit

Europas Metropolen buhlen um Arzneimittelaufsicht

Die Arzneimittelaufsicht muss mit fast 900 Mitarbeitern umziehen. 19 europäische Städte wollen EMA nach Brexit zu sich holen.

 

Weg aus London: Beim Umzug haben die EMA-Mitarbeiter kein Mitsprachrecht. (Foto: Flickr/Pedro Figueiredo/CC BY-SA 2.0)

Weg aus London: Beim Umzug haben die EMA-Mitarbeiter kein Mitsprachrecht. (Foto: Flickr/Pedro Figueiredo/CC BY-SA 2.0)

Kostenlose Mieten, brandneue Büros oder prestigeträchtige Gebäude: Im Buhlen um den künftigen Sitz der europäischen Arzneimittelbehörde werden dicke Köder ausgeworfen. Wegen des geplanten Austritts Großbritanniens aus der EU müssen die Europäische Bankenaufsicht (EBA) und die Arzneimittelagentur (EMA) bis spätestens Frühjahr 2019 aus London wegziehen. Städte von Amsterdam bis Zagreb wollen ihnen eine neue Heimat bieten und legen sich dafür stark ins Zeug. Die Zahl der Konkurrenten ist groß, berichtet Reuters, alleine 19 Städte wollen neuer Sitz der EMA werden, acht bemühen sich um die EBA. Die EMA ist dabei der größere Gewinn: Während die EBA nur 170 Mitarbeiter beschäftigt, arbeiten für die Arzneimittelaufsicht fast 900 Menschen. Rund 36.000 Fachleute zieht sie außerdem jedes Jahr mit ihren Veranstaltungen an, ein Segen für Hotels und Gastronomie.

„Es ist keine Überraschung, dass die Länder versuchen, ihre Bewerbungen auf die eine oder andere Weise zu versüßen“, sagt der frühere Vorstandschef des dänischen Pharmakonzerns Novo Nordisk, Lars Rebien Sorensen, der sich für das Gebot Kopenhagens einsetzt. Die EMA sei nutzbringend für jede Stadt und ziehe neue Unternehmen an, die sich in Europa niederlassen wollen. Während Frankfurt von vielen als Spitzenkandidat für die EBA angesehen wird, ist das Rennen um die EMA noch offen. Besonders stark bemühen sich Stockholm, Kopenhagen, Amsterdam, Dublin, Barcelona, Mailand, Wien, das französische Lille und auch Bonn.

Mailand bietet als neuen Sitz der Behörde das 1958 gebaute Pirelli-Hochhaus an, eines der Wahrzeichen der Stadt und Symbol der wirtschaftlichen Erholung Italiens nach dem zweiten Weltkrieg. Barcelona wirbt mit dem Torre Glories für sich. Das Gebäude ähnelt dem unter dem Spitznahmen „Gurke“ bekannten Hochhaus „30 St Mary Axe“ in London. Kopenhagen hat wiederum einen nur zehn Minuten vom Flughafen entfernten Gebäudekomplex angeboten und will die Miete für die nächsten 20 Jahre übernehmen. Das wird noch von Wien getoppt, das Mietfreiheit für die nächsten 25 Jahre verspricht.

Bonn wirft im Bewerbungsvideo sein internationales Flair und die erschwinglichen Lebenshaltungskosten in die Waagschale. Die ehemalige Bundeshauptstadt am Rhein sei grün und ideal für Familien. Der EMA stellt Bonn den Bau maßgeschneiderter Büros in unmittelbarer Nähe zum Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Aussicht. Zwischen der Entscheidung für den neuen Sitz der europäischen Behörde im November und dem für März 2019 geplanten Brexit bleibt dafür aber nicht viel Zeit.

Die Europäische Kommission will die Angebote bis zum 30. September prüfen, bevor die Minister der 27 EU-Staaten darüber im November abstimmen. Die Abstimmung ist geheim. Ein politischer Handel ist aber nicht auszuschließen. So wurde bereits spekuliert, dass Frankreich sich damit einverstanden erklären könnte, dass Frankfurt die EBA bekommt, wenn die EMA dafür im Gegenzug nach Lille zieht. Dass beide Behörden in Deutschland landen, gilt als höchst unwahrscheinlich. Schweden und Dänemark haben bereits im Februar 2016 ihren Arm für den neuen Sitz der EMA gehoben, vier Monate bevor die Briten überhaupt über den Austritt aus der EU abgestimmt hatten.

In die Röhre gucken derweil die Mitarbeiter der EMA und der EBA, die ihren Arbeitsplatz derzeit noch im Londoner Finanzdistrikt Canary Wharf haben. Sie haben kein Mitsprachrechte dabei, wo sie künftig arbeiten werden. Die EMA hat deshalb bereits mehrere leitende Angestellte verloren. Das schürt unvermeidlich Sorgen. Dabei ist der Standortwechsel für EMA-Chef Guido Rasi noch das kleinere Problem. Er fürchtet dabei auch Arbeitsunterbrechungen. Auf dem Spiel stehe nicht nur der reibungslose Ablauf des Zulassungsprozesses für Arzneimittel, sondern auch die öffentliche Sicherheit, wenn die Behörde nicht rechtzeitig auf Probleme bei Nebenwirkungen oder der Qualität reagieren könne. „Was ich wirklich fürchte, ist, dass etwas genau während der Übergangsphase passiert, das ist eine wirkliche Gefahr für die öffentliche Gesundheit.“

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.