28-Stunden-Woche

Freizeit ist Gewerkschaften wichtiger als mehr Lohn

Verkürzte Arbeitsstunden treffen den Nerv der Zeit. Doch das starre Arbeitszeitgesetz verschärft den Fachkräftemangel.

Mehr Zeit für die Familie wird den Deutschen wieder wichtiger. (Foto: Flickr/Kat Grigg/CC BY 2.0)

Mehr Zeit für die Familie wird den Deutschen wieder wichtiger. (Foto: Flickr/Kat Grigg/CC BY 2.0)

Der Chef des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall ist kein Mann, der sich leicht aufregt. Wenn die Rede aber auf den Vorstoß zur 28-Stunden-Woche der IG Metall kommt, schäumt Rainer Dulger: „Das verschärft uns den Facharbeitermangel.“ Als „völlig verantwortungslos“ geißelt der Cheflobbyist der Metall- und Elektrobranche das Vorhaben der größten Gewerkschaft Europas, in der kommenden Tarifrunde für etwa 3,9 Millionen Beschäftigte den Anspruch auf eine „verkürzte Vollzeit“ durchzusetzen.

Die Arbeitszeitdebatte trifft den Nerv der Zeit. Auch die Politik will mit flexibleren Arbeitszeiten punkten. In den Programmen zur Bundestagswahl reichen die Forderungen von befristeter Teilzeit bis hin zum Wunsch, die Arbeitszeit nicht länger auf höchstens zehn Stunden täglich zu begrenzen. Auch Dulger fordert eine Modernisierung: „Unsere Arbeitszeitgesetze stammen noch aus der Zeit von Telex und Wählscheibe.“

Arbeitsministerin Andrea Nahles zeigt sich für Arbeitgeber und Gewerkschaften offen. „Ich wünsche mir, dass wir aus den Betrieben heraus lernen, wie man eine neue Arbeitszeitpolitik macht“, sagte die SPD-Politikerin zu Reuters.

Arbeitszeitdebatte nimmt Fahrt auf

Mit dem Gewerkschaftsvorstoß könnte die Arbeitszeit bei den Tarifverhandlungen wieder stärker in den Blick geraten. „Wenn die IG Metall bei der Arbeitszeit einen Schritt weitergeht, wird das sicher auf viele Bereiche ausstrahlen“, sagte Thorsten Schulten vom gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in Düsseldorf. Für etwa zehn Millionen Beschäftigte werden 2018 neue Tarifverträge ausgehandelt. Neben der Metall- und Elektrobranche sind das vor allem der Öffentliche Dienst bei Bund und Kommunen, das Bauhauptgewerbe und im Herbst die Chemie-Industrie.

Doch noch scheint offen, ob die kampferprobte IG Metall mit ihren fast 2,3 Millionen Mitgliedern eine Vorreiterrolle spielt. Bei Verdi, der mit nahezu zwei Millionen Mitgliedern zweitgrößten Gewerkschaft, herrscht Zurückhaltung. Für die Dienstleistungsgewerkschaft steht im Frühjahr die Lohnrunde für 2,5 Millionen Beschäftigte beim Bund und in den Kommunen an. „Im Öffentlichen Dienst wird in der kommenden Tarifrunde eine Forderung nach genereller Arbeitszeitverkürzung eher nicht gestellt“, sagte ein Verdi-Sprecher. Im zweiten großen Verdi-Zweig, der Dienstleistungsbranche, wünschten sich in Bereichen wie dem Einzelhandel, wo Minijobs, Teilzeit und Befristung verbreitet sind, viele längere Arbeitszeiten: „Die Beschäftigten dort hätten vielfach lieber einen unbefristeten Vollzeitjob.“

Was will die IG Metall?

Die IG Metall reagiert mit ihrem Vorstoß auf eine Befragung ihrer Mitglieder, an der sich fast 680.000 Beschäftigte beteiligten. Die Mehrheit ist mit ihrer Arbeitszeit zufrieden – aber über 80 Prozent fänden es gut, wenn sie diese an die jeweilige Lebenslage anpassen könnten. „Wir wollen, dass die Beschäftigten ihre Arbeitszeit – etwa bis zu 28 Stunden – verkürzen können, zeitlich befristet, mit einem Rückkehrrecht auf die 35-Stunden-Woche“, lautete die Schlussfolgerung von IG-Metall-Chef Jörg Hofmann bereits im Juni. Die IG Metall nennt das „verkürzte Vollzeit“.

Hinzu kommt: Wer die Arbeitszeit für Kinder oder Pflege von Angehörigen verkürzt oder Schichtarbeit leistet, soll einen teilweisen Lohnausgleich erhalten. Dieser soll umso höher sein, je geringer das Tarifentgelt ist, damit sich auch untere Einkommen eine zeitweise Arbeitszeitverkürzung leisten können. In der untersten Lohngruppe für einfache Helfertätigkeiten wird ein Grundgehalt von etwa 2300 Euro gezahlt.

Die Metallarbeitgeber lehnen das ab. Sie verweisen darauf, dass jedes fünfte Unternehmen über Produktionsbehinderungen durch fehlende Fachkräfte klage. In den Metall- und Elektroberufen gebe es mehr offene Stellen als Arbeitslose.

Anfang Oktober will die IG-Metall-Spitze eine Tarifempfehlung beschließen, für die Höhe der Lohnforderung und den Rang der Arbeitszeit in den Verhandlungen. Auf Kosten der Lohnerhöhung soll der Arbeitszeitwunsch nicht gehen. Das seien „zwei Paar Stiefel“, gab Hofmann jüngst im Deutschlandfunk Kultur als Devise aus, räumte aber ein: „Dort, wo Volumen bewegt werden, etwa im Bereich des Entgeltausgleichs, werden die Arbeitgeber sicherlich uns das in Rechnung stellen wollen.“ Gegen Ende Oktober soll die konkrete Tarifforderung für die im November anlaufenden Verhandlungen mit den Arbeitgebern stehen.

Könnten verkürzte Arbeitszeiten die Konjunktur dämpfen?

Ökonomen sind vorsichtig mit der Einschätzung, was kürzere Arbeitszeiten für die vor allem vom Konsum getragene Konjunktur bedeuten könnten. In Deutschland wird laut der Industriestaaten-Organisation OECD im Europa-Vergleich schon jetzt am wenigsten gearbeitet. Wenn alle Arbeitsstunden eines Jahres auf alle Beschäftigten verteilt werden, arbeitete ein Arbeitnehmer in Deutschland 2016 gut 1360 Stunden. Das Land mit den meisten Arbeitsstunden in Europa ist Griechenland (über 2000 Stunden).

Die Bundesbank betrachtet den IG-Metall-Vorstoß als Neuland. Die Auswirkungen der Lohnrunde seien sehr schwer zu kalkulieren, sagte Chef-Volkswirt Jens Ulbrich zu Reuters. „Wenn es um mehrere Prozent mehr oder weniger geht, hat das schon einen Effekt“, rechnet der Prognosechef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Enzo Weber, vor. „Aber um so viel wird es nicht gehen.“ Er sieht die IG Metall in einer guten Verhandlungsposition. Der Arbeitsmarkt laufe gut, Fachkräfte würden gesucht, Arbeitszeit und Flexibilität seien in der Gesellschaft ein wichtiges Thema: „Daher glaube ich, dass die IG Metall an einem ganz guten Hebel sitzt und sich das vielleicht nicht allzu teuer erkaufen muss.“

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