Arbeitswelt

Nach dem Herzinfarkt zurück in den Job? Nicht immer leicht

Depressionen und Ängste können Infarktpatienten eine Rückkehr in den Job erschweren. Neue Möglichkeiten können helfen.

Es gibt eine hohe Rate an Post-Infarkt-Depressionen. Etwa drei Viertel der Patienten sind davon betroffen. (Foto: Flickr/Pia Kristine/CC BY-SA 2.0)

Es gibt eine hohe Rate an Post-Infarkt-Depressionen. Etwa drei Viertel der Patienten sind davon betroffen. (Foto: Flickr/Pia Kristine/CC BY-SA 2.0)

Ein Herzinfarkt rüttelt das Leben der Betroffenen komplett durcheinander, und der Weg zurück ins Arbeitsleben ist nicht immer einfach. Relativ häufig scheitert er längerfristig an psychosozialen Problemen wie Depressionen und Ängsten, aber auch aus anderen Gründen.

Nun haben dänische Forscher im Journal der Amerikanischen Herz-Gesellschaft die bislang größte Studie zum dem Thema veröffentlicht, berichtet die dpa. Von den 22 394 dänischen Herzinfarkt-Patienten, die vor der Attacke gearbeitet hatten, waren demnach 91 Prozent ein Jahr später wieder berufstätig.

Jeder vierte dieser Wiedereinsteiger war allerdings nach einem weiteren Jahr ausgeschieden und bezog Sozialleistungen. Hochgerechnet auf die Ausgangszahl sind demnach etwa 70 Prozent der Herzinfarkt-Patienten nach zwei Jahren noch im Job.

„Die Fähigkeit, nach einem Herzinfarkt weiter zu arbeiten, ist maßgeblich für Lebensqualität, Selbstwertgefühl, emotionale und finanzielle Stabilität“, so Hauptautor Laerke Smedegaard von der Universitätsklinik in Hellerup. Das gelte nicht nur für die Menschen in Dänemark, sondern fast noch mehr für diejenigen in Ländern mit weniger entwickelten Sozial- und Wohlfahrtssystemen.

Daten von fast 40 000 Patienten

Die höchsten Ausfallraten hatten neben den 60 bis 65-Jährigen dabei überraschenderweise die 30 bis 39-Jährigen, ausgerechnet diejenigen, die eigentlich noch ein längeres Arbeitsleben vor sich hätten. Neben Depressionen waren erneute Herzprobleme und Diabetes starke Risikofaktoren für ein vorzeitiges Berufsende.

Insgesamt hatten die Forscher Zugriff auf Daten von mehr als 39 000 Dänen im Alter von 30 bis 65 Jahren, die zwischen 1997 und 2012 erstmals einen Herzinfarkt erlitten hatten.

Deutsche Forscher loben die hohe Aussagekraft der umfassenden dänischen Studie. „Wir haben in Deutschland nichts Vergleichbares, was an diese Patientenzahlen herankäme“, sagt Karl-Heinz Ladwig, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung und Professor für Psychosomatische Medizin am Klinikum Rechts der Isar in München. Dennoch deuteten eine Reihe kleinerer Studien und auch Beitragszahlen zur Deutschen Rentenversicherung darauf hin, dass die Situation hierzulande ähnlich sei.

Abhängig vom jeweiligen Erhebungsprofil, das sich nicht mit dem der dänischen Studie deckt, sind in Deutschland zwei Jahre nach einer kardiologischen Reha etwa 75 bis 85 Prozent der Patienten berufstätig. Teils allerdings mit Unterbrechungen oder nur Teilzeit.

„Wir haben eine hohe Rate an Post-Infarkt-Depressionen“, sagt Ladwig. Etwa drei Viertel der Patienten seien davon betroffen. Hier sei die Reha immens wichtig, „um Ängste zu verlieren und Vertrauen in den Körper zurückzugewinnen“.

An diesem Punkt sieht Bernhard Schwaab, Kardiologe und Reha-Spezialist an der Curschmann-Klinik (Timmendorfer Strand), ein Kernproblem. Denn: „Nur die Hälfte der Infarktpatienten geht überhaupt in die Reha.“ Hier seien seine Kollegen noch mehr in der Pflicht, die Patienten im Akutstadium auf dieses Angebot hinzuweisen. Aber es zeigt sich seiner Meinung nach auch die soziale Schere zwischen den Betroffenen: Wer Familie hat, mehr Bildung und Unterstützung durch ein informiertes Umfeld, weiß über Reha-Möglichkeiten in der Regel eher Bescheid.

Ohne Reha geht es noch schwerer

Auch geringeres Einkommen, und drohende Einkommensverluste, weil prekäre Jobs oft schnell gekündigt werden, nennt Schwaab als Hinderungsgrund für viele Betroffenen, sich drei Wochen Zeit zum Neustart in der Reha zu nehmen. Besonders auffällig sei dieser Verzicht bei Frauen. „Die Frauen, die derzeit betroffen sind, leben oft noch das traditionelle Rollenmodell, halten den Haushalt zusammen, oder sie sind alleinerziehend.“ Die Folge: Ohne Reha haben sie es noch schwerer, Lebensgewohnheiten zu ändern, mit dem Rauchen aufzuhören, sich gesünder zu ernähren oder mehr zu bewegen.

Und auch nach der Reha-Zeit sei es wichtig, nicht wieder in den alten Trott zu verfallen. „Hier ist noch eine Achillesferse“, sagt Schwaab. Zwar gibt es einige Nachsorgeangebote, aber sie sind kaum bekannt.

Dabei stehen die Chancen auf aktive Lebensjahre nach dem Infarkt gar nicht schlecht, wenn man sein Leben anpasst. „Eigentlich sind das sehr positive Aussichten“, sagt Ladwig. Schon ein halbes Jahr nach dem Erstinfarkt sinkt das Risiko für einen weiteren Infarkt deutlich und liegt zwei Jahre später nur noch bei sechs Prozent.

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