Gesundheit

Atom-Ernstfall: Zehntausende sorgen mit Jodtabletten vor

Die Nähe zum belgischen Kernkraftwerk Tihange ängstigt die Bürger. Gut 100.000 versorgen sich mit Jodtabletten.

AKW-Bedrohung: Der Sturm auf die Jodtabletten wird als alarmierendes Signal gewertet. (Foto: Flickr/Alexandre Dulaunoy/CC BY-SA 2.0)

AKW-Bedrohung: Der Sturm auf die Jodtabletten wird als alarmierendes Signal gewertet. (Foto: Flickr/Alexandre Dulaunoy/CC BY-SA 2.0)

Zehntausende Menschen in der Region Aachen haben sich aus Angst vor einem Atomunfall bei einer Verteilaktion der Behörden mit Jodtabletten versorgt. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur zum Zwischenstand. Demnach gingen bisher knapp 40 000 Anträge für jeweils einen Haushalt ein, der auch mehrere Personen umfassen kann. Damit liegt die Zahl derer, die sich über die Aktion mit Jodtabletten versorgt haben, schätzungsweise bei rund 100 000. Anspruch haben etwa 600 000 Menschen.

Viele verunsicherte Bürger hätten sich schon vor der Behörden-Aktion Jodtabletten rezeptfrei in den Apotheken gekauft, sagte der Leiter der regionalen Koordinierungsgruppe, Markus Kremer. Darum sei es absehbar gewesen, dass ein Teil der Bevölkerung von dem Angebot nicht mehr Gebrauch machen würde. Er ging davon aus, dass in den letzten Wochen bis zum 30. November noch mehr Personen die kostenlose und unbürokratische Möglichkeit nutzen werden.

„Wenn sich so viele Menschen Sorgen machen und sofort losgehen und sich Jodtabletten holen, dann ist das schon ein alarmierendes Signal“, sagte der Sprecher der Städteregion, Detlef Funken.
Wegen der Nähe zum umstrittenen belgischen Kernkraftwerk Tihange hatte die Region beim Land Nordrhein-Westfalen darauf gedrungen, die Bevölkerung schon jetzt mit den Tabletten zu versorgen. Politik und Verwaltung bezweifeln, dass dies im Ernstfall rechtzeitig gelingen kann. Die hoch dosierten Jodtabletten sollen verhindern, dass die Schilddrüse radioaktives Jod aufnimmt.
Aachen liegt knapp 70 Kilometer von dem Kernkraftwerk Tihange entfernt. Wegen Tausender Mikrorisse an Meiler 2 ist die Sicherheit umstritten. Die Bundesregierung hatte vergeblich eine vorübergehende Abschaltung bis zur Klärung offener Sicherheitsfragen gefordert.

Sicherheitslücken bei AKWs in Frankreich und Belgien

Zuletzt hatte auch Greenpeace gewarnt: Französische und belgische Atomkraftwerke sind laut einem Bericht der Organisation nicht ausreichend gegen Angriffe geschützt. Die Abklingbecken für abgebrannte Brennelemente seien im Falle böswilliger Taten „extrem anfällig“, teilte die Umweltschutzorganisation in Paris mit. In diesen Becken falle die höchste radioaktive Strahlung in einem Atomkraftwerk an. Anders als die Reaktorgebäude seien die Gebäude der Abklingbecken nicht mit einem verstärkten Sicherheitsbehälter versehen.

Falls bei einer Attacke das Becken beschädigt würde und das Wasser abliefe, würden die Brennelemente nicht mehr gekühlt, teilte Greenpeace mit: „Ein Atomunfall kommt in Gang, mit sehr schwerwiegenden radiologischen Folgen.“

Die Organisation hatte sieben Experten aus Frankreich, Deutschland, Großbritannien und den USA mit dem Bericht beauftragt, der sich auf frei zugängliche Informationen stützt. Vier Kraftwerke in Frankreich, darunter Cattenom und Fessenheim, sowie Doel und Tihange in Belgien wurden dabei näher untersucht. Greenpeace veröffentlichte nur eine Zusammenfassung, der komplette Bericht werde aus Sicherheitsgründen nur den Behörden zugängig gemacht.

Darin wird auch auf das „sehr hohe Bedrohungslevel“ in Frankreich verwiesen, das Land war in den vergangenen Jahren mehrfach Ziel von Terroranschlägen. Greenpeace forderte vom Stromkonzern EDF, der die 58 französischen Atomreaktoren betreibt, die Abklingbecken besser zu schützen.

 

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