Forschung

Forschungsprogramm untersucht Erinnerung an Pariser Anschläge

In einem Programm untersuchen Wissenschaftler, welche Folgen das Drama langfristig hat – für Überlebende und Gesellschaft.

Typisch für Betroffene sind wiederkehrende Symptome des Wiedererlebens. (Foto: Flickr/Fred PO/CC BY-SA 2.0)

Typisch für Betroffene sind wiederkehrende Symptome des Wiedererlebens. (Foto: Flickr/Fred PO/CC BY-SA 2.0)

Die Pariser Terroranschläge vor zwei Jahren haben Frankreich tief erschüttert. In einem auf zwölf Jahre angelegten Forschungsprogramm gehen Wissenschaftler der Frage nach, wie sich das gesellschaftliche Gedächtnis bei einem so einschneidenden Ereignis entwickelt und wie die Überlebenden damit umgehen. Es gehe darum, die Konstruktion der Erinnerung an die Anschläge zu verstehen, erläuterte der Neuropsychologe Francis Eustache der Deutschen Presse-Agentur. Eustache leitet das interdisziplinäre Programm gemeinsam mit einem Historiker.

Zum Programm gehören Videointerviews mit rund 1000 Menschen. Darunter sind Überlebende der Anschläge vom 13. November 2015, aber auch Unbeteiligte. Sie sollen innerhalb von zehn Jahren viermal zu ihren Erinnerungen befragt werden. Es geht auch um die Frage nach dem Zusammenspiel von individuellem und kollektivem Gedächtnis.

Eine weitere Studie befasst sich mit Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), einer psychischen Erkrankung infolge einer traumatischen Erfahrung. 120 direkt Betroffene der Anschläge, Überlebende und Einsatzkräfte, werden neuropsychologisch untersucht. Die Frage: Warum erkranken manche Betroffene an PTBS und andere nicht?

Die Hälfte der Studienteilnehmer habe die Störung entwickelt, die andere nicht, sagte Eustache. Typisch sind wiederkehrende Symptome des Wiedererlebens (Intrusionen). „Das sind Bilder, Töne, Gerüche, die sich der Person aufdrängen“, so Eustache. „Die Person hat den Eindruck, dass diese Eindrücke aufs Neue präsent sind. Das ist nicht wie in einer Erinnerung.“

Die 120 Teilnehmer wurden im vergangenen Jahr erstmals im Rahmen der Studie untersucht, dies soll 2018 und 2021 wiederholt werden. Dazu gehören unter anderem Gespräche mit einem Psychiater und MRT-Aufnahmen des Gehirns. Als Vergleichsgruppe werden Menschen aus Caen untersucht, die von den Anschlägen nicht direkt betroffen waren.

„Das ist ein sehr anderes Studiendesign, als man normalerweise hat“, sagte Eustache. Üblicherweise würden bei Studien zu PTBS von Symptomen betroffene Menschen, etwa Veteranen oder Missbrauchsopfer, mit unbeteiligten Gesunden verglichen. Hier gebe es nun eine weitere Gruppe: Betroffene, die keine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt haben.

Untersucht werden etwa kognitive Kontrollmechanismen, Ziel ist ein besseres Verständnis der PTBS. Ergebnisse liegen noch nicht vor. Getragen wird das Programm von den großen nationalen Forschungsorganisationen CNRS und Inserm.

Bei den Anschlägen vom 13. November 2015 hatten Terrorkommandos im Musikclub „Bataclan“, auf Bars und Restaurants im Osten von Paris sowie am Stadion Stade de France 130 Menschen getötet.

 

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