Trendforschung

Wichtigster Wert: Natur löst Gesundheit ab

Natur, Gesundheit und Familie stehen bei den Deutschen offenbar hoch im Kurs. Freiheit und Erfolg werden zur Nebensache.

Gesundheit bleibt ein wichtiger Wert der Deutschen. Die Selbstoptimierung ändert dabei aber ihre Qualität. (Foto: Flickr/Urban Wired/CC BY-SA 2.0)

Gesundheit bleibt ein wichtiger Wert der Deutschen. Die Selbstoptimierung ändert dabei aber ihre Qualität. (Foto: Flickr/Urban Wired/CC BY-SA 2.0)

Die Liebe der Deutschen zum Wald erlebt eine Neuauflage: Nach dem Werte-Index 2018 des Marktforschungsunternehmens Kantar TNS hat die Natur die Gesundheit als wichtigsten individuellen Wert der Deutschen abgelöst. Weil die Menschen immer mehr in der digitalen Welt unterwegs seien, werde die Natur zu einem Event, sagte der Trendforscher Peter Wippermann. Kantar TNS wertete für die insgesamt zehn Werte jeweils 800 stichprobenartig ausgewählte Beiträge im öffentlich zugänglichen Bereich sozialer Medien aus, so die dpa. Anders als bei einer Befragung geht es den Forschern um das Beobachten und Zuhören, wie Kantar-TNS-Geschäftsführer Jens Krüger erläuterte.

Auf Platz drei der Rangliste steht der Wert der Familie, der im Aufsteigen begriffen ist, ebenso wie die Sicherheit, die nach Freiheit auf Platz fünf ist. Unter den Top Ten finden sich ferner Erfolg und Gemeinschaft mit sinkender Tendenz sowie Anerkennung konstant auf Platz acht. Gerade noch unter den wichtigsten Werten findet sich Gerechtigkeit, nach der zunehmend geschätzten Nachhaltigkeit.

Die Wertebegriffe haben nach Angaben der Forscher eine mehr individuelle Bedeutung bekommen. So schätzen sogenannte Influencer die Natur als Sinnbild der Ursprünglichkeit: Es gehe weniger um politische Veränderungen wie Klima- und Umweltschutz. „Die Idee, dass uns Natur nicht permanent im Alltag begegnet, bedeutet, dass es eher ein Schauspiel, ein Event ist. Man fährt in die Natur und möchte auch hier wieder sofort ein Benefit haben, nämlich sich entspannen und Kraft tanken.“ Erlebt werde die Natur aber meist nur auf dem Teller beim Thema Ernährung. Bio-Lebensmittel, vegetarische und vegane Ernährung lägen weiter im Trend.

Auch der Wert Nachhaltigkeit werde mehr auf das eigene Leben bezogen. Es gehe im Grunde um Themen wie Anti-Aging. Als Influencer bezeichnen die Forscher 15 Prozent aller beobachteten User, die sich durch ihre Reichweite und gesammelten Likes hervorheben. Die Gesundheit bleibe wichtig, im Vordergrund stehe jedoch die mentale Fitness. Die Leute wollten zufriedener und glücklicher sein, statt schneller und besser. Wippermann nennt diese Haltung „Self-Coaching“. Der Einzelne wolle wissen, wie es ihm gehe. Geräte zum Körper-Monitoring begleiteten inzwischen auch den Schlaf. „Wir fangen an, unsere Ruhephasen ökonomisch zu bewerten.“ Die Leute wollen wissen, wie lange, gleichmäßig und effizient sie schlafen. Die Geräte würden bereits in Kopfkissen und Matratzen integriert.

Beim Wert Familie konstatierte Wippermann ein Ende der sogenannten Helikopter-Eltern, die jeden Schritt ihrer Kinder begleiten. „Tatsächlich ist es so, dass deutlich mehr Eltern dabei sind, ihre eigenen Rechte aus ihrer Phase der Verliebtheit oder des Alleinlebens weiterleben zu wollen.“ Was die Kinder angeht, ließen diese Eltern die Zügel etwas lockerer, sie seien selbstbewusster und relaxter. Auch im Beruf wollten sie ihre individuellen Rechte durchsetzen und nicht nur einen Anspruch auf einen Kitaplatz haben.

Trends sind allerdings bei weitem nicht eindeutig. Wippermann und Kollegen haben eine „Rückkehr des Filterkaffees“ beobachtet. Es sei eine Strategie zur Entschleunigung des Alltags, zu warten bis das Wasser kocht, eine Filtertüte zu öffnen und den Produktionsprozess des Kaffees zu beobachten, um dann etwas ruhiger zu genießen, „natürlich mit dem Ziel, dass ich anschließend leistungsfähiger bin“.

Kantar TNS (bis 2016 TNS Infratest) erforscht den Werte-Trend seit 2009. Für die aktuelle Studie wurden die Stichproben, Texte, Bilder und Videos, aus insgesamt vier Millionen Beiträgen auf Facebook, Twitter, Instagram und anderen Foren gezogen. Seit dem ersten Smartphone im Jahr 2007 verlagere sich die Kommunikation immer mehr in den Online-Bereich, erklärte Wippermann. „Das Netz ermöglicht uns, Leute zu beobachten, ohne dass sie sich beobachtet fühlen.“

Man treffe sich inzwischen lieber im virtuellen Raum als in der Realität. „49,9 Prozent der Deutschen bis zum Alter von 34 Jahren sind dabei, sich den virtuellen Bereich absolut heimisch zu machen.“ 80 Prozent der Zwölfjährigen hätten ein eigenes Smartphone, weil sich die Schüler über das Handy mit ihren Freunden organisierten. „In dem Moment, wo sie ihnen das Smartphone wegnehmen, nehmen sie ihnen einen Teil der eigentlichen Persönlichkeit weg“, sagte Wippermann.

 

 

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