Versorgung

Ein Rezept gegen den Mangel an Landärzten

Mediziner mögen Metropolen, abgelegene Orte sind verpönt. Doch es gibt ein Modell, das der Unterversorgung entgegenwirkt.

Die Zahl der medizinischen Versorgungszentren in Deutschland steigt ständig. (Foto: Flickr/Tayloright/CC BY 2.0)

Die Zahl der medizinischen Versorgungszentren in Deutschland steigt ständig. (Foto: Flickr/Tayloright/CC BY 2.0)

67 Jahre, 71 Jahre und 72 Jahre alt sind die Landärzte im Mühlbachtal im rheinland-pfälzischen Taunus. Jahrelang haben sie versucht, ihre Praxen in jüngere Hände zu geben. „Wir haben sogar eine Agentur in Gießen beauftragt und dafür 3000 Euro liegen gelassen. Das Ergebnis: null“, sagt Werner Schwehn, einer der drei Mediziner.

Ähnliche Geschichten erzählen Hausärzte überall auf dem Land, berichtet die dpa. Die Ärzteblätter sind voll mit Annoncen, von Ostfrieslands Küste bis zum Bodensee. Auf ein Praxisgesuch kommen gerne mehr als 20 Praxisabgaben. Im Rhein-Lahn-Kreis in Rheinland-Pfalz, in der das Mühlbachtal liegt, ist die Situation besonders dramatisch. Das Durchschnittsalter der Vertragsärzte liegt laut Kassenärztlicher Vereinigung bei 56 Jahren. Fast jeder fünfte Arzt ist 65 Jahre oder älter.

„Wenn wir drei aufgehört hätten, wären 5000 bis 7000 Menschen ohne Versorgung gewesen“, sagt der Arzt Dieter Hoffmann. Die Region an der waldreichen Grenze zwischen Rheinland-Pfalz und Hessen taucht in der Statistik noch nicht als unterversorgt auf, weil die Ärzte beim Erreichen des Ruhestandsalters nicht einfach hingeschmissen haben. „Wir haben doch eine Verantwortung der Bevölkerung gegenüber“, sagt Hoffmann.

Leben verlagert sich in die Stadt

Seine Praxis liegt in Miehlen, einem attraktiven 2000-Einwohner-Örtchen mit Bäcker und Metzger, Bürobedarf-Laden und Frisör, Sparkasse und Pizzeria. Schließt der Arzt die Tür für immer zu, muss oft auch die Apotheke dichtmachen. Das Leben verlagert sich dann zunehmend in die nächste Stadt, in diesem Fall Lahnstein oder gleich Koblenz, Wiesbaden, Mainz.

Die drei Ärzte hielten auch deswegen durch, weil sie über Jahrzehnte eng zusammengearbeitet und sich gegenseitig vertreten haben. „Das wäre katastrophal gewesen, wenn einer aufgehört hätte und ein anderer die Patienten hätte übernehmen müssen“, sagt Schwehn. Sie seien ohnehin mehr als ausgelastet. Und das gelte auch für die Ärzte in den anderen Orten im Umkreis.

Die Rettung kam in Form von drei Buchstaben: MVZ, Medizinisches Versorgungszentrum. MVZs gibt es seit 2004 in Deutschland, und seitdem steigt ihre Zahl beständig. 2016 zählte die Kassenärztliche Vereinigung bundesweit fast 2500 davon. Für das MVZ Mühlbachtal kamen die Ärzte mit dem St. Elisabeth Krankenhaus Lahnstein zusammen. Geschäftsführer ist nun Pascal Scher, der auch das Krankenhaus führt. Die Ärzte sind seitdem angestellt und ziehen sich nach und nach zurück, während jüngere Kolleginnen einsteigen.

„Eine Erleichterung ging durch Miehlen, als das MVZ gegründet wurde“, sagt Bürgermeister Ernst-Georg Peiter. Als erste Ärztin konnte im Frühjahr die Internistin Jennifer Merz in die Eifel gelockt werden. „Für mich wäre es nicht in Frage gekommen, allein eine Praxis zu übernehmen“, sagt sie. Dafür zählt sie mehrere Gründe auf: Zum einen will sie das Risiko nicht tragen. Auch wollte sie nicht auf sich gestellt sein. Und sie wollte als junge Mutter unbedingt Teilzeit arbeiten. „Ich könnte 100 Prozent gar nicht leisten“, sagt sie.

Land: Längere Patientenbindung

In einem Krankenhaus wollte Merz nicht langfristig arbeiten, weil die Arbeitszeiten dort schwieriger seien. „Da kann man nicht nachmittags um drei Uhr gehen.“ Auch müsse man dort ständig von A nach B rennen. „Hier auf dem Land betreut man die Patienten länger und kann zurückgreifen auf die Erfahrung mit ihnen“, sagt sie.

Von der Arbeit der Landärzte profitiert auch das St. Elisabeth Krankenhaus. „Wenn die ärztliche Versorgung wegbricht, dann sieht man die Menschen in die Notaufnahme kommen“, sagt Geschäftsführer Scher. „Die wollen wir aber im Krankenhaus nicht haben, die sind dort schlecht versorgt.“ Landarzt Hoffmann erläutert, dass er bei einem Patienten wisse, woher dessen Kopfschmerzen stammen. Im Krankenhaus würde man vielleicht eine teure Computertomographie (CT) anordnen.

Das Gesundheitssystem profitiert also von den Hausärzten: Sie sind kostengünstiger. Und sie sicherten die Krankenhäuser ab, weil sie die Zugangsströme mit Patienten sicherstellten, meint Scher. „Die stationäre und ambulante Medizin kann heute nicht mehr so getrennt werden wie früher.“ Arzt Hoffmann meint, dass Modelle wie das der MVZ die Zukunft sind. „Die Einzelpraxis, wie sie mal war, wird sicherlich aussterben.“

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