Wirtschaft

Pflege-Branche treibt Wirtschaft in der Euro-Zone an

Stundenentgelte in der Altenpflege steigen stärker als in der Gesamtwirtschaft / Hoher Lohnabstand zu anderen Branchen

„Das Lohnniveau ist nicht nur für Helfer sondern auch für qualifizierte Arbeitskräfte niedrig, obwohl es an qualifiziertem Personal fehlt“, so das DIW. (Foto: dpa)

„Das Lohnniveau ist nicht nur für Helfer sondern auch für qualifizierte Arbeitskräfte niedrig, obwohl es an qualifiziertem Personal fehlt“, so das DIW. (Foto: dpa)

Das Sozialwesen ist ein stark wachsender Wirtschaftszweig in Deutschland und fast überall in der Europäischen Union. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Die Beschäftigung im Sozialwesen habe in Deutschland weit stärker als in der Gesamtwirtschaft zugenommen. „Das rührt von einer stark ausgeweiteten Nachfrage infolge der Alterung der Gesellschaft und von zunehmenden Aufgaben zur Lösung von Problemen in den Familien her, heißt es hierzu in der Studie.

Eine kräftige Expansion des Sozialwesens gebe es demnach fast überall in der EU. Länderübergreifend ähnlich seien auch die Strukturen: sehr ausgeprägte Arbeitsintensität und ein erheblich unter dem nationalen Durchschnitt liegendes Lohnniveau, was sich in einer geringen gemessenen Produktivität niederschlage. „In Deutschland ist der Abstand zum durchschnittlichen Lohnniveau besonders groß“, so die Verfasser. Zum Teil erkläre sich der Lohnrückstand dadurch, dass im Sozialwesen relativ viele Helfer beschäftigt seien. Aber auch qualifizierte Kräfte würden vergleichsweise gering entlohnt. Zwar hätten die Löhne im Sozialwesen in jüngerer Zeit relativ stark zugelegt, dennoch bestünden in dem vermutlich weiter stark wachsenden Wirtschaftszweig immer noch Probleme, qualifiziertes Personal zu finden. „Die Gesellschaft muss sich daher fragen, welchen Wert sie künftig einem hinreichenden Angebot an sozialen Diensten, insbesondere im Hinblick auf die Pflege, bei der Bezahlung zumessen will.“

Wirtschaftsleistung um 140 Prozent gestiegen

Laut bpa-Arbeitgeberpräsident Rainer Brüderle führe das DIW in seiner Studie eine „eindrucksvolle Entwicklung der Altenpflege“ auf. „So heißt es dort, dass die Wirtschaftsleistung im Sozialwesen, zu dem insbesondere die ambulante und stationäre Altenpflege sowie die Kinder- und Jugendhilfe gehören, sei zwischen 1991 und 2015 überdurchschnittlich gestiegen: um 140 Prozent. In der gesamten Wirtschaft seien es 40 Prozent gewesen.“ Die Zahl der Beschäftigten habe sich in diesem Bereich seitdem fast verdoppelt, während sie in der gesamten Volkswirtschaft lediglich um elf Prozent gestiegen sei. Seit 2012 spiegele sich die Nachfrage nach qualifizierten Kräften vor allem im Bereich der Pflege auch in stärker steigenden Löhnen wider. Sie seien seitdem stärker als in der Gesamtwirtschaft gestiegen.

Lohnniveau: Politik muss reagieren

„Das sind beeindruckende Zahlen. Sie machen deutlich, dass die Altenpflege längst kein Nischensektor mehr ist, sondern ein wichtiger Player in der Wirtschaft und in der Gesellschaft ist“, so Brüderle weiter. „Trotzdem stehen wir noch vor großen Herausforderungen. Den Lohnabstand zu anderen Branchen ist aufgrund des Qualifikationsmixes in der Altenpflege noch eine beeinflussende Größe. Einen ganz erheblichen Teil trägt dazu aber die Politik bei. Das sage nicht nur ich, sondern das bescheinigt auch das DIW. Denn der Versuch der Politik, die Beitragssätze in der Pflege niedrig zu halten, ziehe eine Deckelung der Preise und damit der Löhne im Sozialwesen nach sich. Wer also höhere Löhne fordert, muss jetzt auch endlich liefern. Die Politik muss endlich sagen, was ihr und der Gesellschaft insgesamt die Pflege wert ist. Darauf muss die Bundesregierung in dieser Legislaturperiode Antworten finden.“
Brüderle mahnt: „Tarifliche Einheitslöhne für alle bedeuten zunächst allein höhere Kosten für gleiche Leistungen oder weniger Leistungen für die gleichen Kosten. Denn bei einen gleich großen Kuchen mit immer größer werdenden Stücken bleiben am Ende weniger Stücke für Wenige übrig.“

 

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