Gesundheit

Adipositas noch zu selten Thema in europäischen Sprechzimmern

Die Kommunikation von Ärzten und Patienten beim Thema Abnehmen ist unzureichend. Einige Hürden stehen einer effizienter Behandlung im Weg.

Eine Chirurgin führt eine Nachuntersuchung an einem Adipositas-Patienten durch. (Foto: dpa)

Eine Chirurgin führt eine Nachuntersuchung an einem Adipositas-Patienten durch. (Foto: dpa)

In der europäischen Union (EU) sind etwas mehr als die Hälfte aller Erwachsenen übergewichtig. Nahezu jeder sechste ist adipös. Auch in Deutschland nimmt die Zahl stetig zu. Ein wichtiger Baustein für eine erfolgreiche Behandlung ist das offene Gespräch zwischen Arzt und Patient. Nur gemeinsam können maßgeschneiderte Therapien entwickelt werden, die Menschen mit Adipositas helfen, langfristig ihr Gewicht zu reduzieren. Doch wie gut ist eigentlich die Kommunikation von Ärzten und Patienten beim Thema Abnehmen? Hier gibt es Hürden, die einer effizienten Behandlung im Weg stehen, wie eine aktuelle Umfrage unter europäischen Allgemeinmedizinern gezeigt hat.

Ab einen Body-Mass-Index (BMI) von 30 kg/m2 spricht man von Adipositas. Laut WHO wird sie als chronische Krankheit eingeordnet. Sie entsteht durch das Zusammenwirken verschiedener Faktoren und sollte aufgrund ihrer Komplexität unter ärztlicher Aufsicht behandelt werden. Betroffene leiden in doppelter Hinsicht unter ihrem Körpergewicht: physisch und psychisch. So fühlt sich die Mehrzahl schuldig und glaubt, das Gewicht alleine in den Griff bekommen zu müssen. Nur die wenigsten suchen aktiv nach Unterstützung. Bei fast der Hälfte wird eine Adipositas deshalb gar nicht erst erkannt, geschweige denn behandelt. Dies kann gravierende Folgen haben. Denn Adipositas kann zahlreiche Folgeerkrankungen nach sich ziehen, wie Typ 2 Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Aufgrund dessen sollten Betroffene auf jeden Fall das Gespräch mit ihrem Arzt suchen. Gemeinsam können sie eine individuell passende Behandlung erarbeiten, um Gewicht dauerhaft zu reduzieren und die Gesundheit nachhaltig zu verbessern. „Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie sind die Säulen der Basistherapie. In bestimmten Fällen können Medikamente unterstützen“, erklärt Professor Dr. Matthias Blüher, Leiter der Adipositas-Ambulanz für Erwachsene am Universitätsklinikum Leipzig.

Ärzten und Patienten fällt es noch schwer, über Adipositas zu sprechen

Anlässlich des europäischen Adipositas-Tages (EOD) am 19. Mai führte die Europäische Adipositas-Gesellschaft (EASO) eine Umfrage unter 712 europäischen Allgemeinmedizinern durch, darunter auch in Deutschland. Ziel war es herauszufinden, wie Adipositas insgesamt wahrgenommen wird, wie es um die Arzt-Patienten-Kommunikation bestellt ist und wie die Versorgungssituation eingeschätzt wird. So ergab die Auswertung, dass 83 Prozent der europäischen Allgemeinmediziner Adipositas als Erkrankung betrachten, wovon 98 Prozent sie als behandelbar einstufen.

Trotz dieser Einschätzung gibt es Mängel in der Versorgung, wie die Studie aufzeigt: 82 Prozent der Befragten gaben an, dass es durchaus Situationen gibt, in denen sie das Gewicht nicht thematisieren, obwohl der Patient stark übergewichtig zu sein scheint. In Deutschland berichteten 78 Prozent der Ärzte, sogar bei offensichtlicher Adipositas ihre Patienten bisweilen nicht darauf anzusprechen. Als die häufigsten Gründe hierfür wurden genannt:

• der Patient muss das Thema von sich aus ansprechen
• das Gefühl, dass das Thema dem Patienten unangenehm ist
• mangelnde Zeit

Mangelnde Kenntnisse über Adipositas führen in der Bevölkerung und im Gesundheitswesen dazu, dass adipöse Menschen stigmatisiert werden. „Dadurch entstehen Unsicherheiten, sowohl bei Patienten als auch Gesundheitspersonal. Als Folge wird das Thema Gewicht oft umgangen“, so Blüher.

Wie die Studie gezeigt hat, liegt diese Unsicherheit auf Seiten der API in einer mangelhaften Ausbildung, Zeitdruck und der Komplexität der Adipositas begründet. Dabei stellte die Mehrheit der Befragten klar heraus, dass die Mängel in der Ausbildung sowie fehlende Informationen für sie die Hauptursache sind, weshalb sie sich nicht sicher fühlen, ihren Patienten die bestmögliche Unterstützung bieten zu können. „Daraus lässt sich schlussfolgern, dass wir schon im Medizinstudium ansetzen müssten, damit Ärzte die nötigen Fachkenntnisse erhalten, die sie für eine umfassende Patientenbetreuung benötigen“, fasst Blüher die Ergebnisse zusammen.

Anerkennung als Erkrankung könnte Versorgungssituation bessern

Laut Umfrage ist die Mehrheit der europäischen Allgemeinmediziner überzeugt, dass sich dies ändern ließe und sie ihren Patienten eine bessere Versorgung anbieten könnten, wenn Adipositas allgemein als Erkrankung anerkannt wäre. Obwohl Adipositas von verschiedenen Organisationen als chronische und behandlungswürdige Erkrankung eingestuft wird, verfügen laut einer europaweiten Umfrage aus dem Jahr 2016 nur zehn EU-Mitgliedsstaaten über eine umfassende Adipositas-Strategie oder entsprechende Maßnahmen. „Adipositas ist eine ernstzunehmende Erkrankung. Es besteht ein dringender Handlungs- und Aufklärungsbedarf, um die Versorgungssituation für Menschen mit Adipositas zu verbessern“, appelliert Blüher.

Chronische Erkrankung

Adipositas ist laut WHO eine chronische Erkrankung, die eine langfristige Behandlung erfordert. Sie kann schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben und mit einer verringerten Lebenserwartung einhergehen. Adipositas-assoziierte Komorbiditäten umfassen unter anderem: Typ-2-Diabetes, Herzerkrankungen, obstruktives Schlafapnoe-Syndrom und bestimmte Krebsarten. Adipositas ist eine komplexe, multifaktorielle Krankheit, die durch genetische, physiologische, psychologische, sozioökonomische und Umweltfaktoren entstehen kann.
Der weltweite Anstieg der Adipositas-Prävalenz ist ein Problem für das Gesundheitswesen und führt zu hohen Kosten für die Gesundheitssysteme. 2014 wurden weltweit 13 Prozent der erwachsenen Männer und Frauen, das heißt etwa 600 Millionen Menschen, als adipös eingestuft.

 

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