Versorgung

Wie an Notaufnahmen „herumgedoktert“ wird

Notaufnahmen sind die größten Baustellen der Gesundheitspolitik / Reformen sollen Situation entspannen

Notaufnahmen arbeiten oft über ihre Kapazitäts- und Belastungsgrenzen hinaus. (Foto: dpa)

Notaufnahmen arbeiten oft über ihre Kapazitäts- und Belastungsgrenzen hinaus. (Foto: dpa)

Die Lage in deutschen Notaufnahmen erscheint teils prekär. Eine Reihe von Reformen, um diesen Zustand zumindest zu verbessern, sind bereits angelaufen oder derzeit in Planung. Inwieweit diese Maßnahmen fruchten, bleibt jedoch offen.

So hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten, Kliniken und Kassen bereits im April ein Stufenkonzept für die stationäre Notfallversorgung beschlossen. Ziel ist eine garantiert hohe Qualität der Patientenversorgung, so die dpa. Dafür wurden Mindestanforderungen definiert, was ein Notfallkrankenhaus bieten muss, zum Beispiel: je eine Station für Innere Medizin und Chirurgie, eine Intensivstation und spätestens 30 Minuten nach Einlieferung muss ein Facharzt am Bett stehen. Kliniken, die offiziell als Notfall-Haus gelten, bekommen mehr Geld. Kritiker befürchten, dass so die Zahl der Anlaufstellen für Patienten sinkt und es noch längere Wartezeiten gibt.

Hilfe erfahren die Notaufnahmen auch von den niedergelassenen Ärzten. Was Patienten oft nicht klar ist: Krankenhausärzte und Ärzte in Praxen gehören zu völlig verschiedenen Systemen. Sie werden auch aus verschiedenen Töpfen bezahlt. Damit zu den Tageszeiten, wenn die Praxen geschlossen sind, nicht alle Kranken mit Kleinigkeiten ins Krankenhaus rennen, gibt es einen Ärztlichen Bereitschaftsdienst, kurz ÄBD. Er ist bundesweit unter der Telefonnummer 116 117 erreichbar. Oft sind die Bereitschaftszentralen, rund 650 gibt es bereits in Deutschland, in Krankenhäusern angesiedelt, so dass Patienten je nach Dringlichkeit entweder in die Notaufnahme oder zu den Bereitschaftsärzten gehen können.

Ambulant und stationär verzahnen

Trotzdem gibt es weiter Reibung zwischen ambulant und stationär: Wer behandelt wen? Wer bezahlt was? Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat deshalb einen Plan erarbeitet, um diese Probleme zu lösen. „Wir betrachten die Notfallversorgung als Eisbrecher für die sektorenübergreifende Versorgung der Zukunft“, sagt der „Gesundheitsweise“ Prof. Ferdinand M. Gerlach. Geplant sind eine gemeinsame telefonische Leitstelle, ein gemeinsamer Tresen in der Klinik und ein eigener Topf zur Finanzierung.

Auch beim 121. Deutschen Ärztetag in Erfurt im Mai wurde heftig über die Notfallversorgung debattiert. Angesichts des Patienten-Ansturms plädierte der Ärztetag für sogenannte Portalpraxen. Sie sollen den Kliniken vorgeschaltet sein und wären daher, zumindest in dieser Definition des Begriffs, etwas anderes als die Bereitschaftszentralen, die parallel existieren. Ziel einer solchen Portalpraxis wäre es, bei Patienten vorab zu klären, ob überhaupt ein Notfall vorliegt oder nicht.

Idee: Strafgebühren

Wer am Wochenende ins Krankenhaus geht, ohne ein Notfall zu sein, soll dafür zahlen. Das hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen vorgeschlagen. Als Punkt Nummer zehn einer umfangreichen Liste mit Verbesserungswünschen für das Gesundheitswesen forderte die KV im Winter „Zuzahlungen in den Fällen, in denen Patienten ohne vorherigen Kontakt zum ambulanten System oder ohne Indikation als Notfall die Notfallambulanzen der Krankenhäuser aufsuchen“. Menschen, die ohne Not die Notaufnahmen blockierten, schädigen vorsätzlich das Gesundheitswesen, wie Hessens KV-Chef Frank Dastych sagte. Ende Juni griffen auch die Kassenärztlichen Vereinigungen in Niedersachsen und Bremen ähnliche Ideen eines Eintrittsgelds auf. „Wir müssen die Patientenströme besser organisieren und leiten“, sagte der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, Detlef Haffke. Andere Experten lehnten die Vorschläge umgehend ab.

In den Notaufnahmen der Krankenhäuser werden jährlich viele Millionen Menschen versorgt. In den vergangenen zehn Jahren war gut die Hälfte (53 Prozent) der Menschen in Deutschland mindestens einmal in der Notaufnahme eines Krankenhauses, wie eine Forsa-Umfrage ergab.Über eine Notfallambulanz verfügen nach Angaben aus dem „Krankenhaus Barometer 2017“ etwa 87 Prozent der Allgemeinkrankenhäuser ab 100 Betten. Insgesamt kümmern sich die Notaufnahmen jährlich um etwa 20 Millionen Patienten, von denen 40 Prozent stationär behandelt werden müssen. Ambulant versorgt wurden im Jahr 2016 fast zwölf Millionen Patienten, so das „Krankenhaus Barometer“. Knapp zwei Drittel der ambulanten Notfälle fallen zwischen 7 und 19 Uhr an, der Rest in den Abend- und Nachtstunden. Ein Drittel (34 Prozent) der Hilfesuchenden kommt am Wochenende und an Feiertagen.

 

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  1. Um die Patientenströme besser leiten zu können bedarf es dringend der Verbesserung des ÄBD. Patienten, die 30 min und mehr in der Warteschleife der 116 117 ausharren müssen und dann mit der Info abgespeist werden: „Es dauert einige Stunden bis der diensthabende zu Ihnen kommen kann! Wenn Sie nicht warten können oder wollen fahren Sie ins nächste krankenhaus in die NA!“ Die Zusammenlegung der 112 mit der 116 117 ist ein erster Schritt, aber dann muss auch zwingend kompetentes, medizinisch Personal am anderen Ende sein!