Digitalisierung

TK und IBM bringen elektronische Gesundheitsakte voran

Versicherte erhalten digitalen Zugang zu Patientenakten / Service steht nun 17 Millionen Kunden zur Verfügung

Die Techniker Krankenkasse (TK) und IBM haben drei weitere Großkunden für ihr System einer elektronischen Gesundheitsakte gewinnen können. Die privaten Krankenversicherungen DKV, Generali und Signal Iduna werden künftig das System nutzen, um ihren Mitgliedern einen digitalen Zugang zu ihren Patienteninformationen zu bieten. Das teilte IBM mit. Damit stehe der Service 17 Millionen Kunden zur Verfügung, hieß es.

Versicherte erhielten damit digitalen Zugang zu ihren Patientenakten mit den Daten ihrer Ärzte oder auch Röntgenaufnahmen und könnten darauf auf dem Smartphone zugreifen, so die dpa. Bei Notfällen sind einige Dokumente auch im Offline-Modus verfügbar. Die Gesundheitsakte sei komplett Ende-zu-Ende-verschlüsselt und werde anonymisiert in der europäischen Cloud von IBM gespeichert.

TK-Safe: digitaler Datentresor

Das zugrundeliegende System haben IBM Deutschland und die TK gemeinsam entwickelt. Bereits im vergangenen April stellte die Techniker Krankenkasse (TK) mit TK-Safe ihre bundesweite elektronische Gesundheitsakte vor. „Der Service wird es TK-Versicherten ermöglichen, ihre Gesundheits- und Krankheitsdaten strukturiert und übersichtlich an einem Ort zu speichern und selbst zu managen“, hieß es hierzu. TK-Safe sei ein digitaler Datentresor, auf den die Versicherten überall und jederzeit mit ihrem Smartphone über die TK-App zugreifen könnten.

Bislang, so die TK weiter, lägen medizinische Daten dezentral bei Ärzten, Krankenhäusern, Therapeuten oder Krankenkassen. Die Patienten hätten keinen direkten Zugriff auf ihre eigenen medizinischen Informationen und müssten Röntgenbilder und Labordaten mühsam bei verschiedenen Ärzten anfragen und zusammentragen. „Mit TK-Safe ermöglichen wir unseren Versicherten den Schritt in ein modernes Gesundheitswesen, in dem sie selbst über ihre Daten verfügen können. Derzeit haben wir völlig überholte, analoge Strukturen, die es Patienten unnötig schwer machen, an ihre eigenen Daten heranzukommen“, sagte Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK.

Transparenz: Alle Daten auf einen Blick

„Ob im Urlaub, beim Umzug in eine andere Stadt oder bei einem Arztwechsel: Mit TK-Safe hat man seine elektronische Gesundheitsakte jederzeit zur Hand. Alle relevanten Daten, die der TK über ihre Versicherten vorliegen, können diese in ihre Akte laden“, wird das Konzept erklärt. So bekomme man auf Wunsch etwa die eigene Impfhistorie, eine Auflistung der verschreibungspflichtigen Medikamente oder Übersichten über persönliche Arzt- und Zahnarztbesuche inklusive Diagnosen. Die Informationen könnten außerdem manuell um eigene Daten ergänzt werden. Freiverkäufliche Medikamente ließen sich per Barcodescanner hinzufügen, Arztbriefe oder Röntgenbilder könnten hochgeladen werden.

Digitales Gesundheitswesen braucht digitale Gesundheitskompetenz

In der Bevölkerung findet die elektronische Gesundheitsakte breite Zustimmung, wie eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der TK zeigt. Drei von vier Befragten halten einen Datentresor für Gesundheitsinformationen für eine gute Idee. Um sich im digitalen Gesundheitswesen zurechtzufinden und Angebote wie TK-Safe nutzen zu können, braucht es jedoch digitale Gesundheitskompetenz. Die Studie zeigt, dass 43 Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 70 Jahren überzeugt sind, dass sie sich in Sachen Gesundheit gut oder sehr gut auskennen. Gut drei Viertel informieren sich digital über Gesundheit. Von denen, für die das Internet keine relevante Quelle ist, fällt es drei Vierteln (76 Prozent) schwer, seriöse von unseriösen Quellen zu unterscheiden, vielen fehlt es an Vertrauen in Online-Informationen (69 Prozent), 42 Prozent haben Angst vor Panikmache und ein Drittel (33 Prozent) hat Datenschutz-Bedenken. „Deshalb ist es wichtig, dass wir nicht nur in die Entwicklung digitaler Anwendungen, sondern auch in die entsprechenden Informationsangebote investieren“, so TK-Chef Baas.

Informationen mit Nutzwert

„Die nächste große Revolution in der Medizin sind nicht neue therapeutische oder diagnostische Maßnahmen, sondern die sinnvolle Zusammenführung und Analyse von Gesundheitsdaten“, ist Baas überzeugt. „Das reine Vorhalten von Daten bietet keinen Mehrwert, wir müssen aus ihnen Informationen machen, damit sie unseren Versicherten nutzen. Und vor allem müssen sie selbst die Hoheit über ihre eigenen Daten bekommen.“ Deshalb bestimme bei TK-Safe ausschließlich der Versicherte, was er in seiner Akte ablegen möchte und wem er die Informationen zugänglich macht. Weder die TK noch IBM können darauf zugreifen.

Die Versichertendaten werden von TK und IBM Deutschland dreifach gesichert. Die Zwei-Faktor-Authentifizierung sorgt dafür, dass die Akte ausschließlich auf einem registrierten Smartphone mit dem persönlichen Passwort innerhalb der TK-App eingesehen werden kann. Gleichzeitig werden die Daten Ende-zu-Ende-verschlüsselt. Das bedeutet, dass ausschließlich der Nutzer auf seinem Smartphone die entschlüsselten Informationen sehen kann.

Weitere Kassen ziehen nach

Mittlerweile starten mehr und mehr Krankenkassen digitale Angebote mit Gesundheitsdaten – und das noch vor genauen Plänen der Bundesregierung für eine elektronische Patientenakte, berichtet die dpa. Mehrere gesetzliche und private Kassen stellten erst kürzlich eine gemeinsame App vor, über die etwa Befunde, Laborwerte und Notfalldaten gespeichert und abgerufen werden können. Hinter dem Angebot stehen Allianz, DAK-Gesundheit, Bahn BKK, IKK Classic, Barmenia, Gothaer und Süddeutsche Krankenversicherung, die insgesamt 25 Millionen Versicherte damit ansprechen könnten.

Anbieten wollen die ersten beteiligten Kassen die digitale Akte namens „Vivy“ ab Juli. Patienten können sie kostenlos und freiwillig nutzen und selbst festlegen, welche Daten sie mit welchem Arzt teilen wollen. Ziel ist unter anderem, Mehrfachbehandlungen zu reduzieren und Medikamenten-Unverträglichkeiten leichter zu erkennen. Technisch soll dies über Anbindungen an die Software von Praxen und Kliniken laufen. Genutzt werden sollen nur Server in Deutschland.

Nach jahrelangem Gezerre um zusätzliche Funktionen der elektronischen Gesundheitskarte will die Bundesregierung bei der Digitalisierung vorankommen. Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, bis 2021 eine elektronische Patientenakte einzuführen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will Bürgern auch Angebote per Smartphone ermöglichen. Zugleich soll aber der Aufbau eines sicheren Datennetzes für das Gesundheitswesen mit der Gesundheitskarte fortgesetzt werden.

Weg von Insellösungen

Neben der Techniker Krankenkasse hat auch die AOK bereits eigene Angebote für elektronische Gesundheitsakten vorgestellt, die anschlussfähig an das einheitliche Datensystem sein sollen. Für das Projekt „Vivy“ hob die Chefin der Allianz Private Krankenversicherungs-AG, Birgit König, das Ziel von mehr Vernetzung hervor: „Weg von Insellösungen, hin zu offenen Schnittstellen.“ Je mehr Patienten eine Plattform nutzten, desto interessanter werde sie auch für Ärzte. DAK-Chef Andreas Storm sagte, Patienten bekämen so erstmals ein Instrument, über ihre Daten zu verfügen. Dies stärke ihre Selbstbestimmung im Versorgungsprozess.

 

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