Forschung

Hohe finanzielle Last durch Antibiotika-Resistenzen

Der Mehraufwand durch Resistenzen geht in die Millionen / Neue Entwicklungen für Pharmaunternehmen wenig lohnenswert

Rund 700.000 Menschen sterben nach Schätzungen jedes Jahr weltweit an Infektionen, gegen die keine Antibiotika mehr helfen. (Foto: dpa)

Rund 700.000 Menschen sterben nach Schätzungen jedes Jahr weltweit an Infektionen, gegen die keine Antibiotika mehr helfen. (Foto: dpa)

Die zunehmenden Resistenzen gegen Antibiotika bedeuten weltweit eine immense finanzielle Bürde für die Gesellschaft. Darauf weisen Forscher des Mahidol Oxford Research Centre (MORU) in Bangkok und des Infectious Diseases Data Observatory (IDDO) in Oxford in einer Studie hin. Sie haben die Kosten von Antibiotikaresistenzen, etwa höhere Todesraten, Einkommensausfälle und Mehraufwand für Diagnosen, zum Vergleich auf jeweils eine einzelne Behandlung mit Antibiotika heruntergerechnet.

25.000 Todesfälle jährlich in Europa

In vielen Ländern breiten sich Bakterien aus, die gegen Antibiotika immun sind. In den schlimmsten Fällen haben Ärzte dann keine Mittel mehr, um lebensgefährliche Infektionen zu stoppen. In einer Mitteilung zu der Studie heißt es, dass jährlich etwa 700.000 Menschen an einer Infektion sterben, die auf einen antibiotikaresistenten Erreger zurückgeht. Belastbare Daten zur Zahl solcher Todesfälle sind aber schwer zu ermitteln. In Europa gehen etwa 25.000 Todesfälle pro Jahr auf Krankenhausinfektionen mit antibiotikaresistenten Erregern zurück, berichtet das Robert Koch-Institut.

Der aktuellen Studie zufolge kostet eine mehrtägige Behandlung mit dem Breitband-Antibiotikum Amoxicillin in Thailand weniger als zwei Dollar, die Kosten durch Resistenzen beliefen sich aber auf mehr als das Fünffache. In den USA koste eine Behandlung mit demselben Mittel weniger als zehn Dollar, die Resistenzkosten lägen bei 18,60 Dollar. Hochgerechnet auf ein ganzes Land kommen so Millionenbeträge zusammen.

Antibiotika sind ein Segen für die Menschheit, aber die Waffe gegen tödliche Infektionen droht 90 Jahre nach der Entdeckung des Penicillins stumpf zu werden. „Im schlimmsten Fall sterben Menschen wieder an einfachen Infektionen etwa der Blase oder an Lungenentzündung oder Sepsis, weil die Medikamente nicht wirken“, sagt auch Marc Sprenger, der die WHO-Abteilung für den Kampf gegen Antibiotikaresistenzen leitet.

Ärzte, Patienten und Bauern

Doch nicht nur Resistenzen tragen zum Problem bei. Auch Ärzte, Patienten und Bauern sind eine wesentliche Komponente. Bauern, weil sie Antibiotika lange flächendeckend in der Massentierhaltung eingesetzt haben und teils noch einsetzen, um ihre in der Enge anfälligeren Tiere vor Seuchen zu schützen. Die Antibiotika gelangen über das Fleisch in die Nahrungskette des Menschen und erlauben es Bakterien, sich daran zu gewöhnen.

Bei Ärzten und Patienten liegt die Sache anders. „Es ist ein kulturelles Phänomen“, sagt Sprenger. „Auch, wenn viele Infektionen eigentlich nach ein paar Tagen von selbst weggehen, verlangen Patienten oft nach Antibiotika und Ärzte sind zu schnell dabei, ihre Wünsche zu erfüllen.“ Während ein Arzt in Westeuropa Patienten inzwischen oft beruhigen und auch mit Hausmitteln nach Hause schicken könne, verlangten Patienten in ärmeren Ländern, die für einen Arztbesuch aus eigener Tasche bezahlen, häufig nach Medikamenten.

Schon innerhalb der EU sind die Unterschiede drastisch: In Süd- und Mitteleuropa, etwa Spanien, Italien, Griechenland, Ungarn, Rumänien, Polen, sind teils schon weit über 50 Prozent bestimmter Bakteriengruppen gegen einzelne Antibiotika resistent. In Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien sind es meist deutlich unter zehn Prozent. In Griechenland und Zypern liegt der Verbrauch von Antibiotika pro 1000 Einwohnern etwa doppelt so hoch wie in Deutschland.

In manchen Ländern sind Antibiotika gar an der Straßenecke oder auf den Markt erhältlich. In anderen werden die Wirkstoffe von skrupellosen Geschäftemachern verdünnt. Ein falsches oder unwirksames Mittel oder eine falsche Dosierung sorgen aber dafür, dass Bakterien sich an die Medikamente anpassen, dass sie überleben.

Staatliche Unterstützung nötig

Nötig wären neuartige Wirkstoffe mit neuen Wirkmechanismen, sagt Sprenger. Die Wissenschaft habe aber seit 30 Jahren praktisch keine neuen Angriffsflächen mehr gefunden. „Es sind neue Medikamente in der Forschungspipeline, aber wahrscheinlich haben wir in fünf bis sieben Jahren nur noch ein oder zwei potenzielle neue Präparate“, sagt Sprenger. Die Grundlagenforschung ist teuer und der Aufwand, ein Präparat zu entwickeln, das später möglichst wenig eingesetzt wird, lohnt sich für Pharmafirmen eher nicht.

Da muss staatliche Unterstützung her. Dafür hat Deutschland in der G-20-Gruppe der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer Unterstützung zusammengetrommelt. „Die G20 haben sich unter deutscher Präsidentschaft dazu verpflichtet, die Erforschung und Entwicklung neuer Wirkstoffe kraftvoll voranzutreiben“, sagte Gesundheitsminister Hermann Gröhe 2017.

„Wir brauchen starke Gesundheitssysteme, damit Antibiotika nur über Ärzte nach Abklärung der Notwendigkeit ausgegeben werden“, sagt Sprenger. Dabei müssten reiche Länder die ärmeren unterstützen. Die WHO verstärke Aufklärungskampagnen für Ärzte und Patienten. In Indien und China, wo viele der Antibiotika hergestellt werden, seien Rückstände aus Fabriken teils in die Umwelt gelangt. Inzwischen seien sich die Länder des Problems bewusst und kümmerten sich.

 

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.