Digitalisierung

Gesundheits-App „Vivy“ muss sich beweisen

Neue App soll Leben von Patienten und Ärzte erleichtern /Doch die Zahl der Angriffe auf Smartphones steigt immer weiter

In der digitalen Akte „Vivy“ können etwa Befunde, Laborwerte und Röntgenbilder gespeichert und mit dem behandelnden Arzt geteilt werden. Foto: dpa

In der digitalen Akte „Vivy“ können etwa Befunde, Laborwerte und Röntgenbilder gespeichert und mit dem behandelnden Arzt geteilt werden. Foto: dpa

Millionen Krankenversicherte können ihre Gesundheitsdaten über eine neue Handy-App verwalten. In der digitalen Akte „Vivy“ können kostenlos etwa Befunde, Laborwerte und Röntgenbilder gespeichert und mit dem behandelnden Arzt geteilt werden. Rund 13,5 Millionen Versicherte sollen mitmachen können. Dies berichteten zum Start am 17. September die DAK-Gesundheit, die Allianz Private Krankenversicherung und weiteren beteiligte Kassen. „Vivy“ soll für weitere Versicherungen offen stehen und dann rund 25 Millionen Versicherte erreichen können, so die dpa.

Hilfe im Praxisalltag

Die App soll an Impftermine und Vorsorgeuntersuchungen erinnern. Ein Medikamentencheck soll mögliche Wechselwirkungen anzeigen, nachdem man den Code auf der Packung oder dem Medikationsplan eingescannt hat. Auch Überweisungen, U-Hefte oder der Mutterpass könnten in der App gebündelt, Fitnesstracker mit ihr gekoppelt werden.

„‘Vivy‘ wird im Praxisalltag vieles einfacher machen, Doppeluntersuchungen vermeiden helfen und mehr Transparenz für Behandler und Patienten schaffen“, sagte der Vorstandschef der DAK-Gesundheit, Andreas Storm. Die App sei das erste entsprechende Angebot in Deutschland für Millionen Menschen.

An den Start gehen seitens der privaten Versicherungen auch die Barmenia und bei den gesetzlichen Kassen die Innungskrankenkassen IKK classic, IKK Nord, IKK Südwest sowie mehrere Betriebskrankenkassen. Insgesamt sind es 14 gesetzliche Kassen.

Nutzer entscheiden über Daten-Verwendung

Die Daten der Nutzer seien sicher, nur die Nutzer würden über deren Verwendung entscheiden, betonten die Verantwortlichen. Die Versicherer, der beteiligte IT-Dienstleister Bitmarck oder die Vivy GmbH hätten keinen Zugriff. Bei jeder Datenübertragung gebe es mehrstufige Sicherheitsprozesse und eine Verschlüsselung, für die nur der Versicherte den Schlüssel habe. Es sei als sichere Plattform zertifiziert und als Medizinprodukt zugelassen.

Doch wie kommen die Daten in die E-Akte? Bei „Vivy“ können etwa Dokumente, die man in Papierform bereits zuhause hat, eingescannt werden. Mit ein paar Klicks, so versprechen die Anbieter, können Dokumente von Ärzten, Laboren und Kliniken angefordert werden, so dass diese die Akten verschlüsselt mit einem teilen. TK-Chef Jens Baas weist auf das Angebot seiner Kasse hin: „Der große Vorteil bei TK-Safe ist, dass die Versicherten bereits mit einer gefüllten Akte starten.“ Daten wie ihre Impfhistorie, eine Auflistung ihrer verschreibungspflichtigen Medikamente oder Übersichten über ihre Arzt- und Zahnarztbesuche inklusive Diagnosen bekämen sie auf Wunsch direkt sicher eingespielt. Es sind Daten, über die die Kassen verfügen.

Was lässt sich dabei kritisch anmerken?

„Es wird mit der Zeit herauskommen, wie gut die Verschlüsselung wirklich ist“, sagt Falk Garbsch, Sprecher des Chaos Computer Clubs. „Die Zahl der Angriffe auf Smartphones steigt immer weiter.“ Nach zwei Jahren gebe bei den Geräten üblicherweise keine Sicherheitsupdates mehr. Da Gesundheitsdaten nicht nur intim seien, sondern auch lukrativ sein könnten, könnte es sich lohnen, Viren und Trojaner zu entwickeln, um von unbefugter Seite heranzukommen, meint Garbsch. Es stelle sich auch die Frage, ob die Software in den Arztpraxen immer sicher sei. Insgesamt meint der kritische Experte, wenn Daten zentral abgelegt würden, steige nicht nur die Missbrauchsgefahr, sondern auch die Intransparenz: „Viele können sich nicht vorstellen, was da im Hintergrund passiert.“

Was sagen die Ärzte?

Zumindest ihre obersten Vertreter äußern sich positiv. Ab Ende 2018 will „Vivy“ eine Schnittstelle der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) nutzen für den verschlüsselten Datenaustausch mit Ärzten in Praxen, Krankenhäusern und Laboren (KV-Connect Mobile). Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, sagt, er freue sich, dass „Vivy“ sich für die KV-Schnittstelle entschieden habe

Zum Start haben die Unternehmen den möglichen Bedarf mit einer Umfrage ermittelt. Mehr als zwei Drittel der Bundesbürger (69 Prozent) wissen laut der Forsa-Erhebung nicht, wann ihr nächster Impftermin ist. 43 Prozent kennen die für sie empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen nicht. Jeder vierte Befragte hat bereits Mehrfachuntersuchungen erlebt, weil Ergebnisse aus anderen Praxen und Kliniken nicht vorlagen. Ein Fünftel der Deutschen wurde deshalb sogar mehrfach geröntgt. Jeder Dritte geht zwischen drei und zehn Mal im Jahr zum Facharzt, 44 Prozent gehen ebenso oft zum Hausarzt.

Weitere Angebote

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will, dass gesetzlich Versicherte spätestens ab 2021 generell auch per Handy und Tablet ihre Patientendaten einsehen können.

Eigene Angebote für elektronische Gesundheitsakten hatten die AOK und die Techniker Krankenkasse (TK) vorgestellt. TK-Chef Jens Baas sagte mit Blick auf die TK-App der Deutschen Presse-Agentur: „Wir freuen uns, dass nun eine weitere Akte auf den Markt kommt, die der Logik von TK-Safe folgt.“ Mittlerweile nutzten mehr als 30.000 Versicherte die digitale TK-Akte. „Wir befinden uns derzeit im erweiterten Testbetrieb, da man mit Patientendaten keine Schnellschüsse machen darf.“ Die Resonanz sei positiv, jeden Tag kämen 500 neue Nutzer hinzu. Die Testphase sei auf 100.000 Benutzer ausgelegt.

Die AOK will ihr Gesundheitsnetzwerk nach Pilotprojekten in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin bis Anfang 2019 in den anderen Ländern starten. Je nach regionalen Gegebenheiten soll es unterschiedliche Anwendungen geben.

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