Digitalisierung

Pharmakonzerne basteln an digitaler Zukunft

Arzneifirmen forschen an Algorithmen, Datenlösungen und künstlicher Intelligenz / Doch sie finden nur schwer Spezialisten

Experten für neue, digitale Lösungen werden international gesucht. Foto: dpa

Experten für neue, digitale Lösungen werden international gesucht. Foto: dpa

Ein Balancierband zwischen Bäumen, Sitzsäcke, darum herum mehrere Hütten: Das seit rund einem Jahr bestehende digitale Labor „BI X“ bei Boehringer Ingelheim sieht gar nicht wie das Gelände eines Pharma-Unternehmens aus. Dort, wo früher die Gästekantine untergebracht war, basteln nun IT-Fachleute an neuen Produktideen, jenseits von Pillen oder Kapseln. An einer Wand im „BI X“ reihen sich Flachbildschirme aneinander. Sie zeigen den Status der Arbeit von fünf Teams, die verschiedene Pilotprojekte verfolgen.

Man suche nach neuen Geschäftsmodellen im digitalen Umfeld für Boehringer, sagt „BI X“-Chef Heiko Schmidt zur Deutschen Presse Agentur. Das Labor, in das die Ingelheimer zum Start rund zehn Millionen Euro gesteckt haben, arbeite mit allen Konzernbereichen zusammen. Ziel sei es, in kurzer Zeit neue Ideen auf technische Umsetzbarkeit und potenziellen Nutzen zu prüfen und binnen weniger Monate funktionsfähige Prototypen zu entwickeln. Erste Projekte sind abgeschlossen, etwa ein digitales Portal für den Austausch zwischen Haustierbesitzern und Tierärzten.

Was auf dem Markt kommt, ist nicht absehbar

„In den USA können Tierbesitzer seit Kurzem virtuelle Arztbesuche per Video vereinbaren und durchführen, anstatt mit dem Tier in die Praxis fahren zu müssen“, erklärt Schmidt. Bei künstlicher Intelligenz arbeiten Teams an Möglichkeiten, lernende Algorithmen für die bessere Diagnose von Krankheiten einzusetzen. Was am Ende auf den Markt kommt, ist noch nicht absehbar. Es müsse vieles versucht werden, sagt Boehringers Deutschland-Chef Stefan Rinn. Es gebe immer das Risiko, dass etwas auch nach monatelanger Arbeit doch nicht funktioniere.

So wie Boehringer experimentieren auch andere in der Branche auf neuen Feldern, etwa Merck in Darmstadt. Zu den Feierlichkeiten zum 350-jährigen Bestehen im Mai eröffnete der Konzern sein neues Innovationszentrum. Rund 69 Millionen Euro kostete der futuristische Bau aus Beton und Glas. Auf sechs Stockwerken gibt es dort moderne Büros, Konferenzräume, Erholungszonen, ein Auditorium und eine Arbeitszone mit Laser-Schneiden und 3D-Druckern.

Ziel sei „eine kreative und agile Umgebung, in der neugierige Köpfe zusammenfinden, um neue Technologien für unser zukünftiges Geschäft zu entwickeln“, sagte Merck-Chef Stefan Oschmann bei der Eröffnung. Das Zentrum beheimatet 150 interne und externe Mitarbeiter.

Sie arbeiten etwa an Biotech-Lösungen für Fleisch, das im Labor aus Gewebe gezüchtet wird, sowie an einfachen Messungen im menschlichen Körper für datenbasierte Krankheitsbehandlungen. Drittes wichtiges Feld sind Technologien, um anhand von Spuren in Blutproben Krankheiten zu entdecken und zu behandeln.

Auch 565 Start-ups haben sich um einen Platz in dem Zentrum beworben. Zehn sollen den Zuschlag bekommen und im Januar einziehen. Die Aussicht auf Ideen von außen lässt sich Merck viel kosten: Die Firmen erhalten über drei Monate Büros, Trainings und bis zu 50.000 Euro.

Spezialisten werden gesucht

Das hippe Innovationszentrum soll auch zeigen, dass sich das eher konservative Familienunternehmen Merck öffnet und als Arbeitgeber konkurrenzfähig ist. Denn Software-Entwickler und Naturwissenschaftler sind im Fachkräftemangel gefragt: In Deutschland fehlen laut dem Digitalverband Bitkom allein 55.000 IT-Spezialisten.

Software-Spezialisten und „Data Scientists“ würden von Unternehmen vieler Wirtschaftssparten gesucht, erklärt Thilo Kaltenbach, Gesundheitsexperte bei der Beratungsfirma Roland Berger. Pharmafirmen müssten sich daher attraktiv darstellen. Das gehe etwa über die Mitarbeit an spannenden Innovationen, die Einbindung in strategische Entscheidungsprozesse, aber auch über persönliche Themen wie Wertschätzung, flexible Arbeitszeiten oder Home-Office-Lösungen.

Problematisch könne es sein, dass sich nicht einfach einschätzen lasse, welchen Mehrwert Innovationszentren an Umsatz und Gewinn bringen, meint der Berater. Zwar sei jeder vom Nutzen und der Bedeutung von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz überzeugt. Mittelfristig brauche man aber objektiv messbare Erfolgskriterien.

Internationale Teams

„Wir müssen international rekrutieren“, sagt auch Boehringers „BI X“- Labor-Chef Schmidt. Die Arbeitssprache ist Englisch, 51 Menschen aus 19 Nationen sind hier beschäftigt, die meisten keine 30 Jahre alt. Die begehrten Experten könne man anders als früher nicht etwa mit Dienstwagen locken, sondern eher mit Flügen heim zu den Eltern.

In Boehringers Labor werden Teams erst aktiv, wenn noch kein Start-up an einer ähnlichen Idee arbeitet, es also noch keine Lösung am Markt gibt, wie Schmidt sagt. Man lege Wert darauf, dass die Teams in Ingelheim zusammensitzen. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass virtuelle Teams nicht so funktionieren. Wir haben nicht viel Zeit.“

Die klassische Entwicklung von Wirkstoffen sei sehr stark reguliert, die Arbeit in Innovationszentren etwas Neues, sagt Kaltenbach. Es gehe der Pharmabranche auch darum, Tech-Firmen wie Google oder Amazon nicht das Feld zu überlassen. „Die Unternehmen durchleben hier gerade eine kleine Revolution.“

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