Technologie

Diabetiker setzen große Hoffnung in virtuellen Doppelgänger

Sieben von zehn Deutschen halten die Erstellung eines digitalen Zwillings für sinnvoll /Größte Hürde ist der Datenschutz

Beim Thema digitaler Zwilling herrscht derzeit noch große Unsicherheit. Foto: dpa

Beim Thema digitaler Zwilling herrscht derzeit noch große Unsicherheit. Foto: dpa

Dem digitalen Zwilling eilt ein guter Ruf im deutschen Gesundheitswesen voraus: Sieben von zehn Bürgern schätzen diesen virtuellen Patienten, das digitale Abbild eines Menschen, anhand dessen sich Therapien am Computer simulieren lassen. Die Deutschen sind davon überzeugt, dass der digitale Zwilling die medizinische Forschung stark vorantreiben kann, wie 74 Prozent bestätigen, und einen vielversprechenden Ansatz für die Medizin der Zukunft darstellt, wie 76 Prozent angeben. Das sind zentrale Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC unter 1.000 Bundesbürgern.

Zusätzlich wurden für die Studie rund 200 Patienten befragt, die unter Diabetes leiden. Gerade diese Patientengruppe mit chronischer Erkrankung verspricht sich viel von der Idee des digitalen Zwillings: So hoffen 44 Prozent der Studienteilnehmer darauf, dass sich durch die Computersimulationen Folgeschäden reduzieren lassen, und 41 Prozent erwarten, dass sich die Gefahr einer Über- oder Unterzuckerung verringert. Auf Hilfe bei der optimalen Einstellung ihrer Medikamente hoffen 40 Prozent der Diabetes-Patienten.

Grundlage für personalisierte Medizin

„Das Konzept des digitalen Zwillings hat das Potenzial, unser Gesundheitswesen zu revolutionieren“, sagt Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC. „Das virtuelle Abbild jedes Patienten ist die Grundlage für die personalisierte Medizin. Anhand des Computermodells kann es Medizinern gelingen, für jeden Patienten auf Basis seiner DNA die maßgeschneiderte Therapie zu finden.“ Diese Vorteile sehen auch die befragten Bürger: Insbesondere schätzen sie, dass der digitale Zwilling den Arzt bei seiner Therapieentscheidung unterstützen kann (86 Prozent) und ihm hilft, die besten Medikamente zu finden (83 Prozent). Nahezu ebenso viele Studienteilnehmer, 82 Prozent, werten es als Vorteil, dass der Patient durch virtuelle Simulationen entlastet wird, etwa dank weniger Nebenwirkungen und überflüssiger Operationen.

Der virtuelle Patient ist vielen Deutschen noch fremd

Allerdings herrscht beim Thema digitaler Zwilling neben hohen Erwartungen derzeit noch große Unsicherheit, denn viele Deutsche kennen ihren virtuellen Verwandten kaum. Lediglich ein Prozent kann die Idee des digitalen Zwillings erklären; 26 Prozent haben bereits davon gehört und 73 Prozent ist das Konzept gänzlich unbekannt. „Während Computersimulationen in anderen Branchen seit langem verbreitet sind, zum Beispiel in der Autoindustrie, stehen virtuelle Patientenmodelle im medizinischen Bereich noch am Anfang der Entwicklung. Das Verfahren wurde bislang nur in Einzelfällen eingesetzt. Doch die Gesundheitswirtschaft muss bei dem Thema dringend vorankommen, damit Patienten durch Vorhersagen am Modell präziser behandelt werden können“, kommentiert Sevilay Huesman-Koecke, Head of Business Development Gesundheitswirtschaft bei PwC.

Bedenken beim Thema Datensicherheit

Eine große Hürde beim flächendeckenden Einsatz der Computermodelle ist allerdings das Thema Datenschutz. So sehen 80 Prozent der Bürger den größten Nachteil der Verwendung digitaler Zwillinge in der Gefahr, dass ihre Daten in die falschen Hände geraten könnten. In der Gruppe der befragten Diabetiker ist diese Sorge mit 79 Prozent ebenso ausgeprägt. Bevor das Konzept flächendeckend eingesetzt wird, erwarten 89 Prozent der Deutschen, dass ein sicherer Umgang mit ihren Daten gewährleistet ist. Am ehesten würden sie ihre Daten mit Ärzten teilen, während nur wenige Bürger ihrer Krankenkasse oder Pharmafirmen den Zugriff gewähren würden. „Vor dem flächendeckenden Einsatz digitaler Zwillinge muss dringend die Frage geklärt werden, wer Zugriff auf die Daten erhält, die Basis der Simulationen sind“, sagt Sevilay Huesman-Koecke.

Sieben von zehn Bürgern halten die Erstellung des Zwillings für sinnvoll

Trotz der grundsätzlichen Bedenken zum Thema Datenschutz wären 83 Prozent der Bürger, in jedem Fall oder unter bestimmten Umständen, dazu bereit, ein virtuelles Testmodell von sich selbst anfertigen zu lassen. Lediglich für 17 Prozent käme das keinesfalls in Frage. Der wichtigste Grund dafür wäre eine chronische Erkrankung, wie 41 Prozent der Allgemeinbevölkerung und 38 Prozent der Diabetes-Patienten bestätigen. Die Datenerhebung soll bevorzugt über intelligente Pflaster, die auf der Haut getragen werden und über Mikrochips Daten übertragen, oder alternativ durch Wearables oder Gesundheits-Apps erfolgen.

Kostenverantwortung soll bei den Krankenkassen liegen

Wer soll die Kosten für die flächendeckende Einführung digitaler Zwillinge in der Gesundheitswirtschaft tragen? In diesem Punkt geben die Studienteilnehmer eine eindeutige Antwort: 62 Prozent plädieren dafür, dass die Kostenverantwortung bei den Krankenkassen liegen soll, in der Gruppe der Diabetiker-Patienten sind es sogar 71 Prozent. „Natürlich sind zu Beginn enorme Investitionen notwendig. Doch das Konzept digitaler Zwillinge bietet uns auf Dauer die Chance, sowohl bei der Prävention als auch bei der Diagnostik und Therapie hohe Summen einzusparen und Patienten gleichzeitig gezielter und besser zu behandeln“, bilanziert Michael Burkhart.

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